Johannes „Joe“ Taslim ist ein indonesischer Schauspieler, der vielen Zuschauern wohl vor allem durch seine Rollen in Gareth Evans’ The Raid und Timo Tjahjantos The Night Comes for Us bekannt sein dürfte. Taslims Karriere begann allerdings auf einer ganz anderen Bühne, denn von 1997 bis 2009 war er Teil des indonesischen Judoteams und vertrat sein Land auf internationalen Wettbewerben, bevor er dann 2010 zum Schauspiel wechselte. Auch als Model ist Taslin in seiner Heimat bekannt sowie durch Auftritte in diversen Werbespots. Sein Talent als Schauspieler konnte auch Produzenten außerhalb Asiens überzeugen, sodass er beispielsweise im sechsten Teil der Fast & Furious-Reihe mitwirkte sowie in Justin Lins Star Trek Beyond. In der Videospieladaption Mortal Kombat wird er in der Rolle des Sub-Zero zu sehen sein. Im Laufe seiner Karriere durfte Taslim schon diverse Auszeichnungen entgegennehmen, beispielsweise einen Indonesian Movie Award für seine Rolle in Le Tahzan, aber auch einen APAN Star Award sowie einen Style Award 2017, welcher ihn zum Schauspieler des Jahres kürte.

In The Swordsman (seit 14. Mai 2021 auf DVD und Blu-ray) spielt Taslim die Rolle des zwielichtigen, machthungrigen Gurutai, eines Sklavenhändlers im Dienste der Qing-Dynastie. Im Interview unterhalten wir uns mit Joe Taslim über die Herausforderungen der Rolle, seine Zusammenarbeit mit Regisseur Choi Jae-hoon sowie seine Herangehensweise an Actionszenen.

Was faszinierte dich an The Swordsman und an der Rolle des Gurutai?

Ich bin ein großer Fan des südkoreanischen Kinos und der Filme von Regisseuren wie Park Chan-wook, Bong Joon-ho und Na Hong-jin, weil ihre Werke mich als Schauspieler und wie ich Filme sehe sehr beeinflusst haben. Von daher empfand ich es als großes Glück, als mir eine Rolle in einer südkoreanischen Produktion angeboten wurde, ohne mich zunächst überhaupt mit der Geschichte oder der Rolle, die ich spielen sollte, auseinandergesetzt zu haben. Choi Jae-hoon, der Regisseur von The Swordsman, erklärte mir dann, wer überhaupt dieser Gurutai ist und was ihn ausmacht. Er ist ein Charakter, der sich wenig um die Politik schert, sondern sehr auf sein Äußeres wert legt und den Kampf liebt. Ein guter Schwertkampf gegen einen mächtigen Feind ist für ihn so etwas wie das Äquivalent zu einem Orgasmus.

Chio sagte mir außerdem, dass Gurutais Liebe so weit geht, dass für seine Rolle in Korea vor allem darin besteht, die besten Schwertkämpfer zu suchen und sich ihnen im Kampf zu stellen. Natürlich ist er der Neffe des Königs und hat eine verantwortungsvolle politische Aufgabe, aber diese ist für ihn eigentlich sekundär. Er ist ein Exzentriker und das gefiel mir.

Die Herausforderung lag aber weniger in der Rolle oder der Geschichte, sondern hatte mit der Sprache zu tun. Da ich kein Koreanisch spreche, sagten mir meine Freunde, dass ich verrückt wäre, als ich die Rolle annahm. (lacht) Man machte mir überdeutlich klar, dass ich besser glaubhaft sein sollte, wenn ich im Film spreche, da dies ansonsten das koreanische Publikum nicht nur hören werde, sondern es auch wütend werden würde.

Dann aber dachte ich, dass es schon gehen wird, dass ich es schon hinbekommen würde, wenn ich auch alles andere schaffen kann. Solange ich hart an mir arbeite, den Text übe und trainiere, ist es machbar, dachte ich. Es war noch immer eine Herausforderung, aber die Möglichkeit an diesem Projekt mitzumachen, wollte ich mir nicht nehmen lassen.

Inwiefern ist ein Projekt wie The Swordsman anders als beispielsweise The Raid oder The Night Comes for Us?

In The Swordsman geht es, wie der Titel schon sagt, vor allem um den Kampf mit dem Schwert, was eine neue Herausforderung für mich war, als Schauspieler aber auch als Kampfsportler. Mit jedem neuen Projekt nehme ich mir vor, mich nicht zu wiederholen und diese Geschichte und diese Rolle war deswegen etwas sehr Neues für mich.

In The Raid gab es viele Schusswechsel und Nahkampf, während in The Night Comes for Us es vor allem um Kämpfe bei Nacht und viele andere verrückte Sachen ging. Bei Fast & Furious hatte ich es mit Hollywood-Action zu tun, was noch einmal etwas ganz anderes ist.

The Swordsman ist mein erster Film, der in einer spezifischen Zeit spielt und bei dem ich den Schwertkampf lernen musste, was mich sehr faszinierte. Natürlich würde es mir schlaflose Nächte bereiten, doch die Idee, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen und diese neue Form des Kampfes zu erlernen hat in meinen Augen etwas damit zu tun, sich als Schauspieler weiterzuentwickeln, was mich sehr reizte. Bevor die Dreharbeiten also begannen, bereitete ich mich gründlich vor, trainierte und lernte viel über die Zeit, in der The Swordsman spielt.

Für mich hat eine solche Phase der Vorbereitung auch sehr viel mit Musik zu tun. Kampfkunst ist in meinen Augen etwa so wie Musik, die sich zwar, je nach Stil, ändert, aber in gewisser Weise immer eine ähnliche Basis hat. Meine Aufgabe ist es die richtigen Akkorde und Stimmungen zu finden, damit es passt und glaubhaft ist. Meine Kenntnisse in Judo, Taekwondo, Wushu und Silat geben mir ein gutes Fundament bei einer solchen Vorbereitung, wobei ich das Schwert mit der Zeit vor allem als eine Erweiterung meiner Hand betrachtete. Diese Erkenntnis hat sich sehr fasziniert und hat mir sehr geholfen.

Kannst du uns etwas mehr zu deinem Background in Kampfsport erzählen, beispielsweise wie dein Training aussieht und wie sich dies auf deine Arbeit als Schauspieler auswirkt?

In The Swordsman hilft mir mein Wissen über verschiedene Kampfkünste, um die Kunst drin zu erkennen und zu verstehen. Wenn man ein Schwert benutzt, ist dies noch einmal etwas anderes im Vergleich zu dem, was ich kenne, aber dennoch ist die bloß die äußere Hülle. Meine Aufgabe besteht darin, hinter diese Hülle zu blicken und das Wesen der Kampfkunst zu erkennen oder, um bei der Metapher zu bleiben, zu verstehen, was der Inhalt der Hülle ist.

Einen großen Teil meiner Jugend verbrachte ich mir Judo, trainierte jeden Tag und durfte meine Heimat Indonesien sogar auf internationalen Wettbewerben vertreten. Ich hatte das große Glück, einen Vater zu haben, der ein großer Anhänger von Kampfkunst allgemein war und dafür sorgte, dass ich in diesem Feld mit vielen Stilen in Berührung kam. So war ich zeitweise Mitglied in einem Taekwondo-Klub oder trainierte mit anderen Jungen meines Alters Wushu, bis ich dann letztlich bei Judo blieb. 1997 wurde mir dann die Ehre zuteil, Mitglied des Juniorenteams meines Landes für Judo zu werden.

In einem Actionfilm kann man Judo leider nicht nutzen, da es weniger um den Faustkampf geht und mehr um das Ringen mit dem Kontrahenten. Ich benutzte zwar Techniken wie den Wurf, aber versuche es nicht allzu oft zu machen, da es einem Kampf sehr viel an Dynamik nimmt und man schlicht und ergreifend nicht jeden seiner Gegner mit einem Wurf niederstrecken kann. Das wäre einfach monoton, keiner würde sich das ansehen wollen.

Als ich in The Raid meine erste Filmrolle bekam, musste ich in gewisser Weise bei null beginnen. Ich lernte viel über Silat, wie effektiv es im Nahkampf vor allem sein kann und mit der Zeit schätzte ich die Kunst, die Schönheit dieses Stils. Immer mehr bemerkte ich, wie diese Bewegungsabfolgen, diese Kombination aus Attacken und Abwehr etwas von einem Tanz hatten, einem sehr tödlichen wohlgemerkt.

Von da an begann ich mich zu Anfang eines neuen Projektes als eine Art leeres Behältnis zu betrachten. Ich vertraue meinen Instinkten und meiner Erfahrung, aber was die Action und die Kampfkunst angeht, verlasse ich mich weniger auf einen bestimmten Stil, sondern versuche mich dem anzupassen, was die Szene verlangt. Im Falle von Fast & Furious 6 hatten die Kämpfe etwas von Wing Chun, was ich überhaupt nicht kannte und mir aneignen musste. Für Warrior, eine Show bei HBO Max, musste ich einen Kung Fu-Meister spielen, wobei mir zwar meine Kenntnisse in Wushu halfen, aber um den Grad eines Meisters zu erreichen braucht es nicht nur Training, sondern auch eine Selbstsicherheit und Gelassenheit, die Jahre an Erfahrung mit sich bringen. Wie bei Fast & Furious musste ich bei Null beginnen und mit Leuten wie Brett Chan und Craig Macrae jeden Tag trainieren in Südafrika, wo die Dreharbeiten stattfanden. Bei einer neuen Kampfkunst ist es für mich wie mit einer neuen Musikrichtung. Ich kann zwar singen, aber alles andere, von den Rhythmen bis hin zu den Klängen muss ich immer wieder neu kennenlernen.

Bei The Swordsman war es nicht viel anders. Ich muss, um weiter die Metapher zu gebrauchen, wissen, um welche Musik, um welchen Song es sich handelt. Wenn ich es weiß, kann ich ihn  trainieren und verstehen lernen.

Wichtig ist für mich, dass ich als Schauspieler wie auch Kampfsportler nicht stehen bleibe, mich immer weiter entwickle. Ich will keinen Komfort, sondern die Herausforderung. Und vielleicht spiele ich in meinem nächsten Film einen Boxer oder einen Tai Chi-Meister und muss wieder bei null anfangen. Es geht immer darum die Musik zu verstehen und kennenzulernen, weshalb mir die Sichtweise von Kampfkunst als Musik immer sehr geholfen hat.

In den Kampfszenen setzt du den Schwerpunkt nicht nur auf Technik, sondern vor allem auf das Schauspiel, sodass man sehen kann, wann deine Figur unter Druck steht oder Schmerzen hat. Kannst du was zu deiner Herangehensweise an Actionszenen aus der Perspektive des Schauspielers sagen?

Bei der Arbeit an einer solchen Szene, wie den Kämpfen in The Swordsman, geht es mir darum, die einzelnen Teile zu verstehen, beispielsweise zu wissen, in welcher Phase des Kampfes meine Figur selbstsicher ist und wann nicht mehr. Es geht darum, den Moment auszumachen, in dem die Figur erkennt, dass sie verlieren wird und wann ihr klar wird, dass sie sterben wird. Ich muss also die Dynamik eines Kampfes verstehen wie auch die Geschichte, die er erzählen will.

Bei der ersten Begegnung mit Jang Hyuks Figur in The Swordsman weiß Gurutai, dass er nur gewinnen kann, denn sein Kontrahent ist verwundet und muss sich noch dazu um seine Tochter kümmern. Deswegen ist Gurutai sehr selbstsicher und sehr arrogan, und erlaubt sich mit seinem Kontrahenten zu spielen.

Wenn Gurutai das erste Mal getroffen wird und seine Balance verliert, ist dies Teil der Geschichte, welcher der Kampf erzählt. Verletzungen oder das Einstecken von Schlägen gehört dazu und beeinflusst mein Schauspiel, denn in den Hunderten von Kämpfen, die ich als Athlet bestritten habe, lernte ich, wie es ist, wenn man einen Schlag in den Bauch bekommt oder sich das Knie verletzt. Diese Verletzung, den Schmerz und die eingeschränkten Bewegungen muss man dann glaubhaft spielen.

Das geht sogar so weit, dass man auf seine Atmung achtgeben muss, denn während eines Kampfes ändert sich diese. Wenn man zwei Minuten in einem Kampf ist oder verletzt ist, ist die Atmung eine völlig andere, was man auch spielen muss, da es ansonsten nicht glaubhaft ist.

In vielen Actionfilmen wird sehr viel Wert auf den Kampf und dessen Choreografie gelegt, aber nicht auf das Schauspiel. Das Publikum findet die Action nach wie vor spannend und unterhaltsam, aber es spürt nicht, was die Charaktere durchmachen, doch gerade das muss glaubhaft gezeigt werden. Wenn man nicht zeigt, wie es sich auf eine Figur auswirkt, dass diese einen heftigen Schlag auf ihr Bein abbekam und nun humpelt, verliert der Kampf für mich an Glaubhaftigkeit.

Diese Herangehensweise, die Strukturierung und Planung der Actionszenen und Kämpfe ist mir sehr wichtig und betreibe ich nun schon seit meiner ersten Rolle als Schauspieler in The Raid. Wenn man sieht, wie eine Figur leidet und dass sie Schmerzen empfindet, fühlt man als Zuschauer mit und ist mehr drin in der Geschichte, der des Filmes und der, die der Kampf an sich erzählt. Es ist in gewisser Weise wie eine Form der Mathematik, denn man weiß als Schauspieler, an welchem Punkt die Figur wo ist und sie was fühlt, sodass die eigentliche Szene, wenn sie gedreht wird, zu einem einzigen flüssigen Ablauf von Bewegungen wird.

Wie war die Zusammenarbeit mit Choi Jae-hoon, dem Regisseur von The Swordsman?

Choi und ich stehen immer noch in Kontakt, auch wenn die Dreharbeiten jetzt schon lange hinter uns liegen. Er ist ein Regisseur, der weiß, was er tut und wo er mit einer Szene oder der Geschichte an sich hin möchte. In der südkoreanischen Filmindustrie hat man einen großen Respekt vor der Kunst des Schauspiels, wie auch Choi, der mich wie auch die anderen Darsteller stets unterstützte und immer, vor jeder Szene, Fragen stellte, wie beispielsweise, was die Figur gerade fühlt oder was sie erreichen will.

Diese Vorgespräche gehen auch auf Details ein, wie die Art zu gehen oder die eigene Stimme. Da meine Vorfahren aus der Mandschurei kommen, haben wir sehr kehlige Stimmen, was aber zu meiner Figur im Film nicht passt. Choi verwickelt einen in Gespräch über diese Figur, vor den Dreharbeiten und vor einer jeden Szenen, bis man ein Verständnis dafür bekommen hat, wer diese Figur ist und man versteht, wie Choi diese sieht. Wenn man dieses Level erreicht hat und dasselbe Verständnis über die Figur hat, ist es einfach, weshalb seine Anweisungen während der Dreharbeiten meist auf nur sehr kurz waren.

Gibt es eigentlich ein Genre, eine bestimmte Rolle oder Geschichte, die du als Schauspieler gerne einmal ausprobieren würdest?

Ich würde gerne in einem Film mitspielen, in dem der Fokus nicht auf der Action liegt, sondern mehr auf der Story. Die Action sollte mehr eine Art Erweiterung der Geschichte darstellen. Es wäre toll, wenn man Kunst und Unterhaltung miteinander verknüpfen könnte und diese nicht getrennt voneinander betrachtet. Es ist nicht immer einfach, einen anspruchsvollen Film zu verstehen, doch es ist sehr einfach, sich auf das Popcornkino einzulassen, sodass es doch schön wäre, wenn man diese beiden Erfahrungen miteinander verknüpfen könnte.

Ein Projekt, in dem es Actionszenen gibt und welches gleichzeitig ein starkes Drehbuch hat wie auch interessante Themen bedient, die man überall in der Welt versteht, wäre mein Traum.

Was kannst du uns zu deiner Rolle als Sub-Zero in Mortal Kombat sagen?

Wie bei meinen anderen Projekten interessierte mich auch bei Mortal Kombat zunächst weniger die Action, sondern mehr der Hintergrund des Charakters, den ich spielen soll. Sub-Zeros Geschichte ist eine, die geprägt ist von seiner Beziehung zu seinem Bruder, wie die beiden entführt und ausgebildet wurden, um zu Kämpfern zu werden. Als ich verstand, was er für ein Mensch ist und was er durchgemacht hat, hatte ich einen Zugang zu Sub-Zero gefunden.

Ich hoffe, dass das Publikum meine Interpretation von Sub-Zero mögen wird, denn er ist eigentlich von Natur aus kein Bösewicht, auch wenn ihn die Umstände und seine Vergangenheit in diese Rolle bringen. Er ist eine tragische Figur, der man seine Eltern und seine Zukunft wegnahm.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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