Noga
© Babka
Noga
„Noga“ // Deutschland-Start: 13. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Noga Erez, israelische Elektro-Pop-Künstlerin, und ihr Partner Ori Rousso stehen kurz vor dem großen Durchbruch. Ein Album bei Atlantic Records ist fertig, Missy Elliott hat mit ihr zusammengearbeitet, Florence + the Machine holen sie als Support Act in den Madison Square Garden, Robbie Williams nimmt ein Duett mit Noga auf. Jono und Benji Bergmann begleiten das Paar über mehrere Jahre mit der Kamera, durch Studios, Backstage-Räume und Hotelzimmer, aber auch durch ihr Zuhause. Dann kippt die Erzählung: Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 erschüttert Israel, Konzerte werden abgesagt, und im Ausland formiert sich Widerstand gegen israelische Künstler:innen, dem auch Erez trotz ihrer klaren politischen Haltung nicht entkommt. Dazu kommt eine zweite, leisere Spannung: Die öffentliche Marke trägt vor allem Erez‘ Namen, während Rousso als Produzent und Co-Performer im Hintergrund bleibt, was Beziehung und Zusammenarbeit zusätzlich unter Druck setzt.

Liebe unter Beobachtung

Was Noga über eine ohnehin faszinierende Frau über ein normales Künstlerinnenporträt hinaushebt, ist ein gewisses Quäntchen Regie-Glück, das sich die Bergmann-Brüder redlich verdient haben. Als sie um 2021 zu drehen begannen, steckte das seit elf Jahren sowohl privat als auch künstlerisch verbandelte Paar in einer handfesten Beziehungskrise, eine Information, die damals in Israel nicht öffentlich war. Dass Erez und Rousso sich entschieden, genau diese Verletzlichkeit vor laufender Kamera zu verhandeln, gibt der ersten Filmhälfte eine erstaunliche emotionale Wucht.

Aus dem erwarteten Musikporträt wird unversehens ein leises Beziehungsdrama, das eine erstaunlich universelle Frage stellt: Wie funktioniert gemeinsames Arbeiten, wenn das Fundament zu Hause bröckelt? Roei Morads Kamera bleibt dabei angenehm unaufgeregt nah dran, ohne voyeuristisch zu wirken, man sitzt förmlich mit am Küchentisch, wenn Zärtlichkeit und Erschöpfung sich abwechseln. Bemerkenswert ist der Kontrast: hier die große Bühne mit Licht, Sound und tausenden Fans, dort enge Hotelzimmer und private Räume, in denen dieselben Menschen plötzlich klein und verletzlich wirken.

Wenn die Welt zusammenbricht

Kaum hat sich das Paar wieder halbwegs gefunden, folgt der zweite, ungleich härtere Einschlag diesmal von außen: der 7. Oktober 2023. Der Film zeigt, wie tief der Terror-Anschlag der Hamas auch Erez und Rousso trifft – keine abstrakte Weltpolitik, sondern echter Schmerz. Und dann, mit der israelischen Offensive in Gaza, die zweite Welle: Boykottaufrufe gegen israelische Künstler:innen, eine Bewegung, die keinen Unterschied macht zwischen Regierungspolitik und den Menschen, die sie öffentlich kritisieren. Erez, die sich seit Jahren für eine Zwei-Staaten-Lösung ausspricht und Netanyahu unmissverständlich distanziert gegenübersteht, wird trotzdem in Sippenhaft genommen. Man kann verstehen, dass Boykott als Druckmittel gegenüber Institutionen und Staaten eine gewisse Logik hat, aber gegenüber einzelnen Künstler:innen, die selbst kritische Stimmen sind, ist er schlicht dämlich. Er bestraft die Falschen, verstärkt Polarisierung, wo eigentlich Dialog gebraucht würde, und nimmt genau jenen Stimmen die Bühne, die für Verständigung eintreten.

Genau an dieser Stelle wird Noga mehr als ein Künstlerinnenporträt: Er wird zum Zeitporträt eines Landes und einer Generation im Ausnahmezustand. Der 7. Oktober wird von den Bergmann-Brüdern klug als dramaturgische Zäsur benutzt, und Martina Eisenreichs Score sowie Erez‘ eigene Songs wie End of the Road wirken dabei nie wie Illustration, sondern wie Kommentar. Dass die Bergmanns, bekannt für ihre animierte Netflix-Kurzdoku Camp Confidential: Die geheimen Nazis der USA, auch hier politisches Gespür beweisen, überrascht nicht, neu ist, wie nah und unmittelbar sie diesmal erzählen. Kein Wunder, dass Noga nach seiner Weltpremiere beim Tribeca Film Festival, samt anschließendem Akustik-Konzert des Paares, seinen Weg über Jerusalem und München nun in die deutschen Kinos findet.

Credits

OT: „Noga“
Land: Österreich, Deutschland, Israel
Jahr: 2026
Regie: Jono Bergmann, Benji Bergmann
Buch: Jono Bergmann, Benji Bergmann
Musik: Martina Eisenreich
Kamera: Roei Morad
Mitwirkende: Noga Erez, Ori Rousso

Bilder

Trailer

Filmfeste

Tribeca Film Festival 2026
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fazit
„Noga“ ist weit mehr als eine Musikdokumentation: ein intimes Beziehungsdrama, ein schonungsloses Zeitporträt und ein Plädoyer gegen pauschale Boykotte. Jono und Benji Bergmann gelingt dank mehrerer Jahre Nähe und viel Beobachtungsglück ein Film, der berührt und aufwühlt.
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