
Patton James (Daniel MacPherson) war einmal ein vielversprechender Kämpfer, einer der besten Mittelgewichtler aller Zeiten sogar. Seine Karriere wird nach seinem bisher größten Sieg jedoch jäh von einem Zwischenfall unterbrochen, der letzten Endes dafür sorgt, dass er dem Oktagon den Rücken kehrt und sich als Fischer verdingt. Das große Geld macht er damit nicht, es reicht gerade einmal so zum Überleben. Als er das lukrative Angebot erhält, in einem Rematch gegen Xavier Grau (Bren Foster) anzutreten, kann er kaum ablehnen. Allerdings muss er sich im Zuge dessen seiner Vergangenheit stellen …
MMA goes Mainstream
Seit Ronda Rousey (The Ronda Rousey Story: Through My Father’s Eyes) und Conor McGregor (McGregor Forever) 2014 die UFC aufgemischt und in den Mainstream katapultiert haben, ist nicht nur die Organisation, sondern auch der Sport als solches immens gewachsen. War Das Schwergewicht 2012 noch fast eine Ausnahmeerscheinung, ist MMA in Filmen heute keine Seltenheit mehr. Mit Bruised bei Netflix oder Road House (2024) bei Amazon Prime Video hat der Sport auch bei Streamingdiensten ein Zuhause gefunden. Hierzulande überträgt RTLplus sogar live Veranstaltungen von Oktagon, der größten MMA-Organisation Europas. Den drei genannten Spielfilmen nun ist gemein, dass sie in Zusammenarbeit mit der UFC hergestellt wurden, teilweise auch die Handlung entsprechend verortet ist. ONE Championship war hingegen wenn überhaupt, dann nur durch The Apprentice: ONE Championship Edition einem sportfremden Streamingpublikum bekannt. Mit Beast könnte sich das jetzt ändern. Zumindest in den USA und Australien erfuhr der Film eine Kinoauswertung; in Deutschland erscheint er nun direkt fürs Heimkino.
Der Anfang und das Ende von Beast sind seine stärksten Stellen. Die ersten fünf bis zehn Minuten scheinen zu einem ganz anderen Film hinzuleiten, der dann erst später wieder aufgegriffen wird. Nach der Einführung gibt es allerdings einen harten narrativen Bruch. Die Handlung überspringt zehn Jahre, der Protagonist ist nun kein Kämpfer mehr, sondern Fischer. Die Hintergründe werden erst im weiteren Verlauf offenbart, und dann auch nur en passant. Das funktioniert zwar alles weitgehend schon irgendwie, aber es ist eine seltsame dramaturgische Entscheidung. Mitunter deshalb ist das Pacing das größte Problem von Beast. Der Film hat eine Laufzeit von 114 Minuten, davon hätte sicher eine halbe Stunde gekürzt werden können. Das hätte nicht nur dem Pacing gut getan, sondern auch der inneren Logik. Der ganze Subplot mit einem Untergrundkampf (der inszenatorisch an sich auch nicht so richtig zum Rest passt) wirft mehrere Probleme auf, allen voran die Tatsache, dass einer der beteiligten Kämpfer seine Lizenz verloren hätte und nie wieder offiziell antreten könnte, es später aber dennoch tut. Seine Teilnahme, die live im Internet gestreamt wurde, hat zumindest für ihn also keinerlei Konsequenzen.
Ungünstige Entscheidungen
Auch wenn MMA wie eingangs erwähnt im Mainstream angekommen ist, ist es weiterhin ein filmisches Nischenthema. Wer Nischenthemen bedient, steht immer vor der Entscheidung, ein Massenpublikum zu unterhalten oder ein paar Nerds zuliebe auf Akkuratesse zu achten. Die Entscheidung geht meist zu Ungunsten der Nerds aus, aber dafür werden die entsprechenden Aspekte im Gegenzug eben auch von Nerds auseinander genommen. Selbst Cagefighters: Worlds Collide, der keine große Kampforganisation hinter sich hatte, aber von einem gemacht wurde, der es besser hätte wissen müssen, blieb davon nicht verschont, da können wir bei Beast natürlich auch keine Gnade walten lassen.
James wird der alleinige schnellste Knockout in ONE Championship zugeschrieben; lediglich sechs Sekunden benötigte er, um einen seiner Gegner schlafen zu schicken. Der tatsächliche Rekord in ONE beträgt allerdings wirklich sechs Sekunden; aufgestellt wurde er 2015, eingestellt 2016. Da hätte man James ja fünf Sekunden zusprechen können, oder sogar vier, um den UFC-Rekord von fünf Sekunden noch zu unterbieten. Der erste Kampf, den wir von Xavier Grau sehen, endet mit einem illegalen Schlag – zumindest wird uns das so erzählt. Es ließe sich jedoch trefflich diskutieren, ob der Schlag wirklich illegal war. Wenn er es sein sollte, hätte das besser inszeniert sein und vor allem Konsequenzen haben müssen. Es wäre aber besser gewesen, das Thema gar nicht erst aufzumachen, da es Grau falsch charakterisiert oder zumindest seine Charakterzeichnung ziemlich schwächt, was sich im Finalkampf etwas rächt.
Nerdige Eastereggs
Als ein Kämpfer aus Versehen einen Finger ins Auge gestochen bekommt, lässt (der echte) Ringrichter Herb Dean ihn wissen, dass er eine Minute hat, um sich zu erholen. Sowohl in der UFC als auch bei ONE stehen einem derart gefoulten Kämpfer allerdings bis zu fünf Minuten Erholungszeit zu. Außerdem würde bei einem so schwerwiegenden Fingerstich ein Ringarzt hinzugezogen werden, bevor der Ringrichter den Kampf wieder freigibt (oder gegebenenfalls eben abbricht). Das Seltsamste ist allerdings die Grundprämisse beziehungsweise Graus Motivation. Eine Niederlage rächen zu wollen, insbesondere wenn es die einzige ist, ist glaubhaft. Bis zu einem gewissen Grad sogar dann, wenn die Rache erst zehn Jahre danach stattfinden soll. Aber wenn der entsprechende Kämpfer in diesen zehn Jahren weder gekämpft noch trainiert hat? Und darüber hinaus nur wenige Wochen zur Vorbereitung zugesprochen bekommt? Inwieweit soll ein Sieg da Genugtuung verschaffen? Abgesehen davon, dass eine Kampforganisation einen solchen Kampf nicht so einfach buchen würde. Insgesamt muss anscheinend auch völlig ignoriert werden, dass Grau und seine Gegner offensichtlich nicht in derselben Gewichtsklasse antreten sollten.
Das sind dann aber auch schon die größten Ungenauigkeiten, der Rest ist mehr oder weniger akkurat oder zumindest nicht eindeutig falsch. Als ob die Filmemacher wussten, dass sie ein Gegengewicht schaffen mussten, gibt es hier einige für Nerds eingebaute Eastereggs. Die Auftritte von Demetrious „Mighty Mouse“ Johnson und Chatri Sidyodtong wird kein normaler Zuschauer bemerken, gestalten die Inszenierung für Kenner aber authentischer. Was die Kampfszenen etwas von anderen MMA-Filmen abhebt, ist die Kameraführung. Die meisten Zuschauer und vermutlich auch die Filmemacher selbst werden die Choreographie ins Feld führen, aber dass die Kamera nicht wie sonst verdammt nahe an den Akteuren ist, macht einen gewaltigen Unterschied. Generell ist die Kameraführung in Beast ziemlich kompetent. Es gibt keine außergewöhnlichen oder spektakulären Einstellungen, der Film holt aber viel aus den Basics heraus. Die Kampfchoreographien gehören nicht zu den besten, die je auf digitales Zelluloidäquivalent gebannt wurden, aber sie spielen doch recht weit oben mit. Insbesondere beim Grappling ist für geübte Augen (und aufgrund des curse of knowledge kann das hier auch nicht anders gesehen werden) oft recht klar zu erkennen, dass hier eine streng durchgeprobte Performance sicher ausgeführt wird. Es gibt allerdings eine nicht geringe Chance, dass ein ungeschultes Publikum die entsprechenden Moves als durchaus real wahrnehmen wird.
Schauspielerisch wie sportlich überzeugend
Die Pacingprobleme und die nicht ganz trittsichere Navigation durch die Geschichte halten Beast davon ab, ein richtig guter Film zu sein. Zum Glück für alle Mitwirkenden wird das teilweise durch die Leistungen von Daniel MacPherson und Bren Foster ausgeglichen. Damit sind sowohl die schauspielerischen als auch die sportlichen gemeint. Dass Bren Foster kämpfen kann, hat er in Life After Fighting zur Genüge bewiesen, aber MacPherson kann nach gerade einmal drei Jahren Training in einem kontrollierten Setting durchaus mithalten. Russel Crowe bekommt nicht so sonderlich viel zu tun, setzt aber durchaus Akzente, auch wenn die von ihm gespielte Figur etwas unzureichend geschrieben wurde. Auch wenn es zuerst den Anschein hat, ist es zum Glück nicht so wie in Prizefighter: Die Geburt des Boxens, bei dem Crowe nach der Einführung kaum noch zum Einsatz kam. Aber auch hier vergeudet Beast wieder Potenzial. Crowes Name alleine ist natürlich schon ein Verkaufsargument, aber allein rein inhaltlich hätte der Film davon profitiert, wenn sein Charakter weiter aus- und eingebaut worden wäre. Die Figur verkommt ein wenig zur Expositionsmaschine, die uns über den Zwischenfall informiert, der zu James‘ vorzeitigem Ausscheiden als Kämpfer und der Entzweiung zwischen den beiden Charakteren führte. Dadurch, dass im Film so viel Gewicht auf andere Handlungsstränge gelegt wird, hat er schlicht keinen Platz mehr, um der Dynamik zwischen den beiden den nötigen Raum zu bieten.
Über den Film hinaus wird es interessant sein zu sehen, was Beast für ONE Championship selbst bedeuten wird. Wie eingangs erörtert, hat die UFC über Jahre hinweg eine starke Verbindung zwischen ihrer Marke und Hollywood aufgebaut; es ist an sich auch überraschend, dass ONE erst jetzt nachzuziehen scheint. Wer sich an BuyBust erinnert, wird vielleicht noch wissen, dass der damalige ONE Championship Heavyweight Champion Brandon Vera eine der Rollen übernommen hatte. ONE Championship war ansonsten aber nicht aktiv in die Produktion involviert. ONE Championship ist in Beast selbst auch allenfalls Kulisse. Für Fans bietet das wie ausgeführt einige nette Details, für Zuschauer ohne Bezug zum Sport wird aber ungenügend vermittelt, warum gerade diese Welt und diese Organisation für James‘ Geschichte relevant sind. In Das Schwergewicht, Bruised und Road House spielte die UFC zu unterschiedlichen Anteilen eine Rolle, aber es war doch immer inhärent klar, wieso es gerade diese Kampfpromotion sein musste. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass ONE dranbleibt. Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.
OT: „Beast“
Land: Australien, USA
Jahr: 2026
Regie: Tyler Atkins
Drehbuch: David Frigerio, Russel Crowe
Musik: Brian Cachia
Kamera: Thomaz Labanca
Besetzung: Russel Crowe, Mojean Aria, Daniel MacPherson, George Burgess, Bren Foster, Saphira Moran, Luke Hemsworth
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)





