Wer auf abseitiges Kino steht, kommt um den ungarischen Regisseur György Pálfi nicht herum. Ein Film wie Taxidermia (2006), in dem es unter anderem um internationale Fresswettkämpfe zu Zeiten des Ostblocks und um einen Tierpräparator geht, der sich selbst ausstopft, besitzt Kultstatus. Obwohl Pálfi mit seinen eigenwilligen Werken Stammgast bei renommierten Filmfestivals ist, ist er hierzulande eine eher unbekannte Größe. Das könnte sich mit seinem neuen Film ändern. In Lebensansichten eines Huhns folgt Pálfi einer Henne auf ihrer kuriosen Reise vom Schlüpfen aus dem Ei bis zur eigenen Mutterschaft. Dabei erlebt die gefiederte Protagonistin allerlei Absurditäten, aber auch viel Tragik, für die die Menschen um sie herum verantwortlich zeichnen. Anlässlich des Kinostarts am 6. August 2026 haben wir uns mit dem Regisseur und Koautor György Pálfi unterhalten. Im Interview spricht er über seine persönliche Philosophie, das Filmemachen in Ungarn, Lehren von Gabriel García Márquez und Béla Tarr und darüber, was man von Hühnern lernen kann.
Herr Pálfi, was war zuerst da, die Henne oder das Ei?
Ich weiß, das ist eine philosophische Frage, aber evolutionär und biologisch gesehen war natürlich das Ei zuerst da. Diese Fortpflanzungsmethode gab es bereits Millionen von Jahren, bevor es Vögel auf der Erde gab. Übertragen aufs Filmemachen bedeutet das: Es ist die Aufgabe des Regisseurs, eine praktische Antwort auf eine philosophische Frage zu finden.
Bleiben wir noch einen Moment auf dem philosophischen Pfad. Angesichts der Vielfalt Ihres Werks, all der sehr unterschiedlichen, stets wunderschönen, aber gleichzeitig auch sehr seltsamen, teils befremdlichen Filme, die Sie gedreht haben: Was ist Ihre persönliche Philosophie hinter dem Filmemachen?
Ich glaube nicht an eine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Ich denke, die Welt und das Leben sind viel komplexer. Aber Geschichten und die Art, wie wir sie erzählen, bedienen sich dieser Unterscheidung viel zu oft und vorschnell. In einem amerikanischen Kriegsfilm zum Beispiel ist das Problem gelöst, wenn der gute Soldat den bösen Feind getötet hat. Aber das Leben ist komplizierter, denn wer der Gute und wer der Böse ist, ist eine Frage der Perspektive. In meinem neuen Film habe ich die Perspektive eines Huhns gewählt, wodurch die Frage nach Gut und Böse irrelevant wird. Denn aus der Sicht des Huhns ist jeder gut, der ihm hilft, und jeder böse, der ihm schadet. Normalerweise erzähle ich tragische Geschichten, versuche aber, den Humor darin zu finden. Das kann manchmal grotesk und absurd sein, und es entspricht sehr dem, wie ich das Leben empfinde. Meine Aufgabe als Autor ist es, die Wahrheit zu erzählen. Und für mich ist die Wahrheit schön und hässlich zugleich, angenehm und trotzdem blutig. Diese Mischung ist sehr ungewöhnlich, nicht nur für das Publikum, sondern auch für mich selbst.
Sie haben die Mischung aus Tragödie und Komödie angesprochen, was mich zu meiner nächsten Frage führt: Warum haben Sie Ihren neuen Film in Griechenland gedreht und nicht in Ungarn? Hat das damit zu tun, dass Griechenland als Wiege der Demokratie, der westlichen Philosophie und der europäischen Kultur gilt – und dass sich Ihr Film genau um diese Themen dreht?
Zu Beginn des Films begibt sich das Huhn auf eine Odyssee, doch dass ich den Film tatsächlich in Griechenland gedreht habe, war eher ein Zufall. Denn in meinem eigenen Land konnte ich keine Filme machen. Ungarn war damals eine Diktatur, und ich hatte dort keine Möglichkeit zu drehen, da ich weder der Regierungspartei angehörte noch deren rechte Politik unterstützte. Folglich erhielt ich keinerlei Förderung. Filmemachen ist ein kostspieliges Unterfangen, man braucht also Geldgeber. Europäische Arthouse-Filme werden üblicherweise von Regierungen und durch öffentliche Mittel finanziert. Und wie diese Gelder an Filmemacher vergeben werden, ist leider immer eine politische Entscheidung. Also schrieb ich ein Drehbuch mit einem Huhn in der Hauptrolle – eine Geschichte, die ich überall auf der Welt hätte verfilmen können, von den USA über Deutschland bis hin nach Sibirien. Ursprünglich wollte ich den Film in Mexiko realisieren. Durch Zufall lernte ich dann den in Deutschland ansässigen griechischen Produzenten Thanassis Karathanos kennen. Er bot mir an, das Geld für die Finanzierung aufzutreiben, wenn ich die Geschichte nach Griechenland verlegen würde. Also zog ich nach Griechenland, lebte dort ein Jahr lang und versuchte, die Kultur und die Probleme der Menschen zu begreifen.
Werden Sie Ihren nächsten Film wieder in Ungarn drehen, jetzt, da sich die politische Landschaft durch die Abwahl von Viktor Orbán verändert hat?
Es ist noch zu früh, das zu sagen, aber ich hoffe sehr darauf. Ich bin ein ungarischer Filmemacher und möchte am liebsten jeden Film in meiner Heimat drehen. Denn meine Filme helfen mir, meine eigene Identität zu ergründen – und das Land, in dem man geboren ist, macht einen wesentlichen Teil dieser Identität aus. Gleichzeitig träume ich davon, Filme so zu machen, wie Gabriel García Márquez seine Bücher geschrieben hat: tief verwurzelt in der kolumbianischen Kultur, aber dennoch so gestaltet, dass sie ein breites Publikum ansprechen und für jeden verständlich sind. Jetzt, wo sich das politische Umfeld gewandelt hat, bietet sich für die ungarische Filmbranche die Chance, ein eigenes Filmgesetz und einen eigenen Filmfonds zu etablieren. Ich glaube, dass wir schon sehr bald das weltweit beste Filmgesetz haben werden. Die große Frage ist die wirtschaftliche Lage. Im schlimmsten Fall haben wir zwar ein wunderbares Filmgesetz, aber kein Geld, um Filme zu machen. [lacht]
Apropos Gesetz: Beim Filmemachen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass man niemals mit Kindern, Tieren oder auf dem Wasser drehen sollte. Wie um Himmels willen sind Sie also auf die Idee gekommen, mit Hühnern zu arbeiten? Und wie herausfordernd waren die Dreharbeiten?
Ich habe dieser ungeschriebenen Regel nie zugestimmt. Ich finde, Kinder und Tiere leben im Augenblick. Und genau das ist die grundlegende Sprache des Films. Ich kann akzeptieren, wenn Hollywood-Schauspieler Method Acting nutzen, um in eine fiktive Figur einzutauchen. Aber der Film, so wie ich ihn begreife, liebt das Dokumentarische und die Wahrheit. Während Hollywood-Filme Realität nur vortäuschen, bin ich als Filmemacher auf der Jagd nach der Realität. Ich versuche, den Moment einzufangen, in dem etwas geschieht. Und Kinder sowie Tiere – meist ohne jede Schauspielerfahrung – können genau das, weil sie im Augenblick leben. Ich erinnere mich an eine Anekdote über den ungarischen Regisseur Béla Tarr. Einer seiner Schauspieler fragte ihn, was er tun solle, und Tarr antwortete: „Tu gar nichts, sei einfach nur da.“ Genau diese Art der Darstellung mag ich. Bei den Hühnern – wir haben acht eingesetzt, weil es kleine Tiere sind, die schnell ermüden – war es natürlich etwas schwieriger. Sie waren Schwestern und sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich, sodass das Publikum keinen Unterschied bemerken wird. Selbst ich konnte sie nicht auseinanderhalten. Sie hatten Markierungen an den Beinen zur Unterscheidung. Und jedes Huhn hatte andere Fähigkeiten: Das eine konnte besonders gut rennen, das andere gut stillsitzen; so konnten wir je nach Szene genau das nutzen, was wir gerade brauchten.
Kann man etwas von Ihren gefiederten Protagonisten lernen?
Ja, das glaube ich schon. Aber das muss jeder im Publikum für sich selbst entscheiden. Normalerweise beobachten Menschen Tiere nie über einen so langen Zeitraum wie in diesem Film. Er eröffnet dem Publikum eine neue Welt. Wir kümmern uns kaum um Hühner, Tauben und andere Vögel, die an unserer Seite leben. In diesem Film kann man dieses wunderbare Lebewesen anderthalb Stunden lang beobachten, und wenn das Publikum dieses Tier am Ende auch nur ein kleines bisschen besser versteht, dann ist das schon genug.
Ihre Filme – von Ihrem Debüt Hukkle (2002) über Taxidermia (2006) und Free Fall (2014) bis hin zum aktuellen Lebensansichten eines Huhns – basieren stets auf höchst ungewöhnlichen Ausgangsideen. Woher nehmen Sie diese Ideen, und wie gelingt es Ihnen, aus diesen zugegebenermaßen originellen, aber eben auch einfachen Prämissen so viel mehr zu machen?
Ich frage mich immer: Wer ist mein Publikum? Und das beste Publikum bin ich selbst [lacht], denn ich verstehe, warum mir etwas gefällt und warum nicht. Das ist kein Narzissmus, sondern für mich eine gute und hilfreiche Methode, um herauszufinden, welche Art von Film ich machen möchte. Ich frage mich oft, warum kein anderer Regisseur solche Filme macht. Also drehe ich genau die Filme, die ich im Kino vermisse. Es ist ein Leichtes, Filme mit stereotypen Figuren und Geschichten zu machen. Ich mache lieber Filme, die ich selbst gern im Kino sehen würde. Und genau deshalb sind meine Filme so eigenwillig und seltsam – weil ich eigenwillige Filme liebe.
Vielen Dank für das Gespräch!
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