
Mit Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung widmen sich Fosco Dubini und Barbara Marx einer der prägendsten Figuren der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Ausgangspunkt ist Bohleys Verhaftung im Januar 1988 nach der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin und ihre anschließende Ausbürgerung in den Westen. Anhand ihrer Tagebuchaufzeichnungen begleitet der Film die Monate des Exils, ihre Begegnungen mit Intellektuellen und Menschenrechtsaktivisten in Westeuropa sowie ihre Reflexionen über die Situation in der DDR. Dabei entsteht weniger die Chronik einer politischen Kampagne als vielmehr das Porträt einer Frau, die zwischen Hoffnung, Wut, Zweifel und Entschlossenheit ihren eigenen Weg des Widerstands sucht.
Die Frau hinter der Ikone
Bärbel Bohley gehört zu jenen historischen Figuren, an deren Namen man sich oft schneller erinnert als an die Person dahinter. Die friedliche Revolution von 1989, das Neue Forum, die Bilder der Umbruchzeit – all das hat Bohley längst zu einer Symbolfigur gemacht. Dubini und Marx interessieren sich jedoch vor allem für den Menschen hinter dieser Ikone.
Der Film greift dafür auf Bohleys Tagebücher aus dem Jahr 1988 zurück, die nach ihrem Tod im Jahr 2010 posthum als Englisches Tagebuch 1988 veröffentlicht worden sind. Aus den Einträgen spricht keine makellose Heldin, sondern eine Frau, die unter der Trennung von ihrer Heimat leidet, über politische Strategien nachdenkt und immer wieder mit der Frage ringt, wie sich persönliches Leben und politisches Engagement miteinander vereinbaren lassen. Gerade diese subjektive Perspektive macht den Film so zugänglich. Er erzählt Geschichte nicht von oben, sondern aus der Innenansicht einer Betroffenen.
Erinnern durch Bilder und Stimmen
Formal bewegt sich Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung auf vertrautem dokumentarischem Terrain, findet darin aber einen eigenen Ton. Archivmaterial, Fotografien und Dokumente werden mit aktuellen Interviews verwoben. Weggefährten und Mitstreiter erinnern sich an Überwachung, Repression und die Atmosphäre der letzten DDR-Jahre. Zu Wort kommen unter anderem die Bürgerrechtler Ulrike Poppe, Roland Jahn und Rolf Henrich sowie die Friedensaktivistin Birgit Voigt und die Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor. Ihre Erinnerungen erweitern Bohleys persönliche Perspektive um die Erfahrungen eines ganzen Netzwerks von Oppositionellen und machen deutlich, dass ihr Widerstand nie isoliert stattfand. Gleichzeitig verleihen die Tagebuchtexte dem Film eine bemerkenswerte Intimität.
Die Entscheidung, die Tagebuchaufzeichnungen nicht nur als Off-Kommentar einzusetzen, erweist sich als großer Vorteil. Schauspielerin Lilli Fichtner leiht Bohleys Texten nicht allein ihre Stimme, sondern ist auch immer wieder im Bild präsent. Dabei verkörpert sie die Bürgerrechtlerin nicht im Sinne einer klassischen Darstellung oder eines biografischen Nachspiels. Vielmehr übersetzt sie Gedanken, Erinnerungen und Stimmungen der Tagebücher in eine körperliche Präsenz. So entsteht der Eindruck, Bohleys innere Stimme durch eine Figur in der Gegenwart neu erfahrbar werden zu lassen. Die Texte gewinnen dadurch eine emotionale Unmittelbarkeit, die weit über eine bloße Illustration historischer Dokumente hinausgeht.
Diese inszenierten Passagen überzeugen gerade deshalb, weil sie nicht den Anspruch erheben, historische Ereignisse möglichst detailgetreu nachzustellen. Stattdessen greifen sie Motive, Gefühle und Beobachtungen aus den Tagebüchern auf und verdichten sie zu atmosphärischen Bildern. Wenn Fichtner durch Straßen geht, innehält oder Räume durchmisst, entstehen keine klassischen Re-Enactments, sondern filmische Interpretationen des geschriebenen Wortes. Diese essayistische Form fügt sich organisch in die Struktur des Films ein und schlägt eine Brücke zwischen historischem Dokument und gegenwärtiger Erinnerung.
Widerstand als persönliche Erfahrung
Die größte Stärke des Films liegt jedoch darin, dass er politischen Widerstand nicht als heroische Legende erzählt. Bohleys Engagement erscheint hier als etwas Anstrengendes, Widersprüchliches und oft Belastendes. Der Film zeigt, wie eng politische Überzeugungen mit persönlichen Erfahrungen verbunden sind und wie hoch der Preis sein kann, den Menschen für ihre Haltung zahlen.
Dabei vermeidet die Dokumentation weitgehend die Versuchung, ihre Protagonistin zu verklären. Zwar ist die Sympathie der Filmemacher für Bohley jederzeit spürbar, dennoch bleibt Raum für Ambivalenzen. Gerade dadurch gewinnt das Porträt an Glaubwürdigkeit
Unterschiedliche Blickwinkel
Interessant ist auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Nur eine Woche vor Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung startete mit Kommunist ein Dokumentarfilm über den letzten SED-Staatschef Egon Krenz in den deutschen Kinos. Dass innerhalb weniger Tage zwei Dokumentarfilme erscheinen, die sich aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Ende der DDR beschäftigen, wirkt fast wie ein filmischer Dialog über deutsche Zeitgeschichte.
Während Kommunist die Perspektive eines führenden Repräsentanten des Systems in den Mittelpunkt stellt, richtet Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung den Blick auf eine Frau, die sich diesem System widersetzte. Gemeinsam erinnern beide Filme daran, dass Geschichte nie nur aus einer Perspektive erzählt werden kann. Gerade in einer Zeit, in der die Erinnerung an die DDR zunehmend historisch wird, erscheint diese Gegenüberstellung besonders spannend.
Fosco Dubini und Barbara Marx ist kein klassischer Geschichtsfilm gelungen, sondern ein sehr persönliches Porträt über Mut, Zweifel und politische Verantwortung. Die Verbindung aus Tagebuchaufzeichnungen, Archivmaterial und behutsam eingesetzten Inszenierungen verleiht dem Film eine große emotionale Kraft. Dass dabei nicht jeder historische Zusammenhang ausführlich beleuchtet wird, fällt angesichts der Nähe zur Protagonistin kaum ins Gewicht.
OT: „Bärbel Bohley – Tagebuch einer Auflehnung“
Land: Deutschland, Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Fosco Dubini, Barbara Marx
Musik: Lilli Fichtner, Heiner Goebbels
Kamera: Fosco Dubini
Besetzung: Lilli Fichtner
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