Spaziergang nach Syrakus
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Spaziergang nach Syrakus

Spaziergang nach Syrakus
„Spaziergang nach Syrakus“ // Deutschland-Start: 20. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Paul Gompitz (Charly Hübner) arbeitet 1982 als Kellner auf einem Ausflugsdampfer an der Ostsee. Zu seinen Lieblingsbüchern zählt seit der Schulzeit Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“. In Paul, der sich vom DDR-Staat nicht vorschreiben lassen will, ob er die Welt sehen darf oder nicht, reift ein kühner Plan: Er möchte wie Seume damals im Jahr 1801 aus dem Osten Deutschlands bis nach Sizilien reisen – und auch wieder zurück. Paul fühlt sich nämlich durchaus zuhause in der DDR, hier hat er mit seiner Frau Anne (Lina Beckmann) das private Glück gefunden. Um Anne nicht zur Mitwisserin seiner als Verbrechen geltenden „Republikflucht“ zu machen und zu gefährden, erzählt er ihr nichts von seinem Plan. Paul lernt segeln, um mit dem Boot von Hiddensee nach Dänemark zu gelangen. Sieben Jahre bereitet er sich auf das lebensgefährliche Abenteuer vor, dann schreibt er Anne einen Brief und steigt ins Boot…

Er muss fliehen, um zu reisen

Im Abspann heißt es: „Viele Menschen sind aus der DDR geflohen. Aber nur ein einziger wollte danach wieder zurück.“ Dann ist auf einem Foto von 1988 Klaus Müller auf seinem Segelboot zu sehen. Er ist die reale Person, die aus der DDR entwischte, nach Italien reiste und zurückkehrte. Solch ein Stoff bestätigt wieder einmal, dass die besten Geschichten das Leben schreibt. Friedrich Christian Delius verarbeitete das Abenteuer literarisch bereits 1995 in Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Auf Motiven seiner Erzählung basiert wiederum das Drehbuch für dieses Drama des Regisseurs Lars Jessen. Auch in der filmischen Interpretation – hier grätscht nun der Mauerfall in die Handlung hinein – erweisen sich die wahren Ereignisse als ihr eigentlicher Trumpf. Charly Hübner, der den Segler Paul darstellt und als Koproduzent fungiert, hatte bereits 2022 in Mittagsstunde, Lars Jessens Verfilmung des Romans von Dörte Hansen, die Hauptrolle gespielt.

Paul begleitet das Geschehen auch als Ich-Erzähler, und zwar in für einen Film ungewöhnlich ausführlicher Weise. Man erfährt, dass Versuche, unerkannt von den Grenztruppen im Segelboot nach Dänemark zu fliehen, über 100 Menschen das Leben gekostet hatten, wovon er selbst aber nichts wusste. Sich mit Radar- und Funktechnik, mit der Theorie des Segelns vertraut machen, das Segeltuch dunkel einfärben – all das kann nur heimlich geschehen. Im Laden, am Strand, im Zug, im Bekanntenkreis muss sich Paul vorsehen und Notlügen bereithalten. Wie gefährlich eine Fluchtplanung in der DDR war, schilderte 2018 bereits der Thriller Ballon von Michael Herbig sehr eindringlich. Verglichen damit, muten Pauls Erzählungen eher wie ein Rückblick an, der einem nichteingeweihten Publikum das Lebensgefühl in der DDR vermitteln will. Paul ist ein Freigeist, er stört sich massiv am Misstrauen, an den staatlichen Schikanen. Er sucht immer wieder nach Wegen, seine Reise legal zu absolvieren oder zumindest die Flucht so zu gestalten, dass die Strafe bei der Rückkehr gering ausfällt. Wie er dabei vorgeht, verleiht dem Film eine schelmische, subversive Komik.

Grüße aus Italien an Anne

Fast eine ganze Filmstunde vergeht bis zur Flucht. Dieser erste Teil ist auch der beste Abschnitt des Dramas. Paul und Anne verbringen die Freizeit in einer Datsche mit Garten, baden im Meer. Charly Hübner spielt Paul als introvertierten Mann, der für Anne mehr Liebe empfindet, als er ihr zeigen kann. Man merkt ihm an, dass er Wurzeln geschlagen hat und sie nicht kappen will, wenn er nach Italien reist. Anne wirkt viel lebendiger, Lina Beckmann verleiht ihr eine starke Persönlichkeit und Präsenz. Wegen Paul durchleidet sie ihr eigenes Drama, das knapp gezeichnet bleibt, den Film aber mit emotionaler Spannung anreichert. Die DDR sieht hier nicht nur trist und grau aus, mit heruntergekommenen Straßenzügen, sondern es gibt auch idyllische, anheimelnde Landschaftsbilder mit Leuchtturm und Küstenpfaden im Grünen.

Für die Italienreise selbst interessiert sich der Film dann gar nicht mehr so groß. Paul wandert über die Alpen, fährt mit dem Zug, schreibt seiner Anne Ansichtskarten aus Städten wie Rom oder Neapel. In kleinen Animationssequenzen tritt er manchmal in die Postkartenmotive hinein – so lässt sich die Reise zügiger abwickeln. Es fällt auf, wie selten er Leuten begegnet, wie menschenleer die Orte und Plätze sind. Einmal springt die Handlung ins Jahr 2006, da besucht Paul wieder ein Lokal in Syrakus, dessen Besitzer er gut kennt. Zu zweit decken sie die Tische draußen ein, doch niemand kommt – angeblich wegen der Fußball-WM. Aber auch in anderen Szenen wie in einer Rostocker Buchhandlung oder beim Tischgespräch in einer Südtiroler Berghütte wirkt die Atmosphäre blutleer und entrückt, fast schlafwandlerisch. Wenn es Dialoge gibt, klingen sie aufgesagt. Der nacherzählte Charakter dominiert die Geschichte, sie lädt nicht wirklich zum unmittelbaren Eintauchen ein. Das mag alles künstlerische Gründe haben, aber so fehlt es dieser Inszenierung auch überall an Schwung und Lebendigkeit.

Credits

OT: „Spaziergang nach Syrakus“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Lars Jessen
Drehbuch: Heide Kersten, Andreas R. Kersten
Vorlage: Friedrich Christian Delius
Musik: Jakob Ilja, Benjamin Wagner Pérez
Kamera: Kristian Leschner
Besetzung: Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Melanie Fouché, Bruno Di Chiara

Bilder

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Spaziergang nach Syrakus
fazit
Man muss doch in der DDR leben können und trotzdem einmal nach Italien reisen dürfen, meint der Held dieses in den 1980er Jahren angesiedelten Dramas. Es beruht auf einer wahren Geschichte, die Lars Jessen als schelmisches Lehrstück über Unfreiheit und Rebellion inszeniert. Charly Hübner spielt den eigenwilligen Hauptcharakter und Ich-Erzähler, der durchzieht, was ihm der Staat verbietet. In entrückter Atmosphäre wirkt die Handlung oft wie einem Erinnerungsbuch entnommen und die Spannung lässt zu wünschen übrig.
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