The North
© Tuesday Film, Piffl Medien

The North

The North
„The North“ // Deutschland-Start: 21. Mai 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Chris (Bart Harder) und Lluís (Carles Pulido) sind beste Freunde. Sie kennen sich seit Kindertagen, haben während des Studiums zusammen gewohnt. Doch mit dem Eintritt ins Berufsleben veränderten sich die Lebensmittelpunkte, der Kontakt wurde spärlicher. Jetzt, zehn Jahre später, wollen die beiden einen alten Traum verwirklichen: 600 Kilometer durch die schottischen Highlands wandern, erst auf dem West Highland Way und dann auf dem Cape Wrath Trail bis ganz hinauf in den Norden. Als Pilgerreise ist der 28-Tage-Trip eigentlich nicht gedacht, eher als kleine Auszeit zum Auffrischen einer aus dem Lot geratenen Freundschaft. Aber weil jeder von beiden nicht nur einen physischen Rucksack mit sich trägt, kommt vieles anders als geplant – im auch sonst überraschenden, vom typischen Wanderfilm-Genre abweichenden Zweitling des Niederländers Bart Schrijver.

Zeigen, nicht reden

Am Morgen nach der ersten Übernachtung: Lluís muss das kleine Zelt allein abbauen. Chris hängt wieder mal am Telefon. Es ist sein Kollege aus dem Büro, da muss er rangehen. Trotz des bewusst gewählten Abenteuers außerhalb der Zivilisation, wo es tagelang kein Netz geben wird, hat der karrierebewusste Chris versprochen, erreichbar zu bleiben. Lluís, eher der locker-spontane Typ, schaut hinüber zum anderen Ende der Wiese. Hören kann er nicht, was gesprochen wird, aber sein Blick, aufmerksam beobachtet von der einfühlsamen Kamera (Twan Peeters), sagt einiges. Trotzdem wird er seine Gefühle nicht zur Sprache bringen. Generell staut sich einiges an in dem wortkargen Film, der sich das Motto „Show, don’t tell“ ganz besonders zu Herzen genommen hat. Statt auf Dialoge setzt The North auf lange, wackelfreie Einstellungen, die die Gesichter beim Gehen derart intensiv erforschen, als wären die herben Landschaftsmotive in den Totalen irgendwie weniger reizvoll (was allerdings nicht stimmt). Schon daran wird deutlich: Bart Schrijver reiht sich nicht umstandslos ein in die zahllosen Wander- und Pilgerfilme seit den 2010er Jahren, sondern folgt seiner eigenen Agenda.

Das betrifft auch die Entstehungsbedingungen. Statt schweres Gerät zu gut erreichbaren Drehorten zu karren, legte ein kleines Filmteam die Hälfte der 600 Kilometer auf eigenen Füßen zurück, mit bis zu 34 Kilo schweren Rucksäcken auf dem Buckel, in denen neben Proviant und Zelten auch die technische Ausrüstung verpackt war. Regisseur Bart Schrijver ist seit langem ein passionierter Wanderer. 2018 durchquerte er mit einem Freund Neuseeland, lief mehr als 3.000 Kilometer. Im Jahr darauf folgten 700 Kilometer vom Nordkap nach Finnland, die Inspiration für seinen ersten Spielfilm Human Nature (2022). 2024 dann die 600 Kilometer in Schottland, dem einsamen, wind- und wettergegerbten Hochland. Sie gaben den Anstoß für The North.

Ungeschminkte Schönheit

Die raue Schönheit der kargen Landschaft mit ihren vielen Seen feiert der Filmemacher durchaus, allerdings jenseits forcierter Romantik. Eher wirkt sein Film, als habe er dem Gewaltmarsch auf dokumentarische Weise nachspüren wollen, mit oft bedecktem Himmel, unter Verzicht auf spektakuläre Sonnenuntergänge, kurz: ungeschminkt. Ähnliches gilt für das Wandern selbst. Nichts wird verschwiegen, aber auch nichts übermäßig dramatisiert. Weder die wunden Füße noch die Erschöpfung auf steilen Anstiegen, nicht einmal die heftige Mückenplage, die zumindest für den Betrachter zu humorigen Einlagen führt. Etwa wenn sich Chris und Lluís ständig Moskitonetze über den Kopf ziehen und das Abendessen im kreisförmigen Laufschritt einnehmen, um den hungrigen Schwärmen so wenig Angriffspunkte wie möglich zu bieten.

Manchmal verdichtet sich der Eindruck, Bart Schrijver habe einen Anti-Genre-Film drehen wollen, zumal The North auch nach existenziellen Krisen jegliche weitere Vertiefung im Dialog verweigert. Aber natürlich weiß auch der passionierte Wanderer und Filmemacher, dass der äußere Weg zugleich eine Reise ins Innere ist. Während er Sinnkrisen, Zusammenbrüche und heilsame Offenbarungen bei seinen Hauptfiguren in deutungsoffene Bilder fasst, lässt er bei den Begegnungen am Wegesrand gewisse Klischees zu. Da darf eine junge Frau, die die beiden kurz begleitet, einen Sonnenaufgang mit einem freudigen Urschrei begrüßen. Ein anderer Gefährte will mit seinem Marsch Aufmerksamkeit für den oft tabuisierten Hodenkrebs wecken. Und ein Rentner findet beim Fernwandern endlich die Erfüllung, die er sein ganzes Leben vermisste. Die „Arbeitsteilung“ zwischen Haupt- und Nebenfiguren ist raffiniert: Indem die typischen, nicht falschen, aber abgenutzten Lifestyle-Motive an den Rand rücken, sind sie immer noch da – aber zugleich gebrochen. Und es wird umso klarer, weshalb sich Bart Schrijver im Zentrum seiner Geschichte für den unkonventionellen, weil unscheinbaren Weg entschieden hat: In schlichten Andeutungen leuchten existenzielle Erfahrungen umso heller.

Credits

OT: „The North“
Land: Niederlande, UK
Jahr: 2025
Regie: Bart Schrijver
Drehbuch: Bart Schrijver
Musik: Michiel Nieuwenhuijs
Kamera: Twan Peeters
Besetzung: Carles Pulido, Bart Harder, Matthijs van de Sande Bakhuyzen, Olly Bassi, Sharon Verdegem

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

The North
fazit
„The North“ erzählt von zwei besten Freunden, die nach zehn Jahren weitgehender Trennung gemeinsam durch die schottischen Highlands wandern, 600 Kilometer weit. Was sich nach typischer Pilgerfahrt anhört, übersetzt der niederländische Filmemacher Bart Schrijver in eine eigene Filmsprache. Die sieht einerseits unspektakulär aus, berührt aber dank ihrer Nähe zur echten Erfahrung umso tiefer.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10