
Als der 22-jährige Crowley McCuistion zu Beginn von The Cowboy gefragt wird, was einen echten Cowboy ausmacht, verweist er auf eine Antwort, die er als Kind gegeben hatte. Kurz darauf sieht man eben diesen elfjährigen Jungen auf einer Ranch in Colorado stehen, geschniegelt mit Cowboyhut, voller Überzeugung und Pathos – noch bevor der Film ihn über ein Jahrzehnt hinweg durch familiäre Brüche, den Tod seines Bruders und einen Neuanfang in Texas begleitet. Es ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Einstieg, mit dem Regisseur André Hörmann die zentrale Bewegung seines Films setzt: den Weg vom gespielten Ideal zur gelebten Realität.
Der Mythos vom echten Cowboy
Geschichten über das Aufwachsen in klar definierten Rollenbildern haben im Kino eine lange Tradition. Ob im urbanen Milieu oder im ländlichen Raum – stets geht es um Identität, Erwartungen und den Preis, den man für beides zahlt. The Cowboy verlegt dieses bekannte Motiv in die Welt der Ranches des US-amerikanischen Süden, ohne sich jedoch mit folkloristischer Oberfläche zufriedenzugeben. Hörmann, der bereits in Dokumentarfilmen wie Mahendra Highway oder der US-zentrierten Netflix-Produktion Der Fall Jens Söring: Tödliche Leidenschaft ein Gespür für prägende Lebensumstände zeigte, bleibt auch hier nah an seinem Protagonisten – und lässt dessen Lebenswirklichkeit für sich sprechen.
Die ersten Jahre zeigen Crowley als selbstbewussten Jungen, der lieber auf dem Pferd sitzt als im Klassenzimmer. Vater und Bruder verkörpern das Ideal des harten, unabhängigen Cowboys, und der Film nimmt sich Zeit, diese Welt ohne vorschnelle Bewertung zu etablieren. Das hat eine beinahe klassische Ruhe, die dem Publikum Raum lässt, sich in dieses Milieu einzufühlen.
Brüche unter der Oberfläche
Doch The Cowboy wäre kein bemerkenswerter Film, würde er sich auf diese Oberfläche beschränken. Mit dem Tod des Bruders kippt die bis dahin fast archetypische Erzählung. Plötzlich stehen Trauer, Überforderung und Orientierungslosigkeit im Raum, und das zuvor so stabile Gefüge beginnt zu bröckeln. Hörmann verzichtet dabei auf dramatisierende Zuspitzungen, auch als Crowleys Eltern sich trennen und die Gewalttätigkeit des Vaters zum Vorschein kommt – er beobachtet, registriert, lässt Lücken.
Die Kamera bleibt nah an den Figuren, ohne sie bloßzustellen. Gespräche wirken oft beiläufig, Konflikte entstehen eher zwischen den Zeilen. Dabei entsteht ein eindringliches Bild davon, wie wenig tragfähig das Ideal des unerschütterlichen Cowboys im Angesicht realer Krisen ist. Gleichzeitig vermeidet der Film es, seine Figuren zu verurteilen oder zu erklären
Visuell arbeitet The Cowboy mit vertrauten Bildern: weite Landschaften, staubige Höfe, Rodeo-Arenen. Doch diese Ikonografie wird zunehmend gebrochen durch enge Innenräume und Momente der Stille. Der Gegensatz zwischen äußerer Freiheit und innerer Begrenzung zieht sich durch den gesamten Film und wird nie platt ausgespielt, sondern eher unterschwellig erfahrbar gemacht.
Erkennbare Linien
Im Vergleich zu Hörmanns jüngeren Arbeiten wirkt The Cowboy wie eine Rückbesinnung auf seine dokumentarischen Wurzeln. Während etwa Thomas Müller – Einer wie keiner zwar handwerklich solide, aber letztlich recht konventionell blieb und kaum über ein wohlwollendes Porträt hinausging, zeigt sich hier wieder jene geduldige, suchende Haltung, die seine stärkeren Arbeiten auszeichnet.
Auch thematisch fügt sich der Film gut in sein Gesamtwerk ein. Ähnlich wie in seinem Spielfilm Nachtwald – Das Abenteuer beginnt! geht es um das Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen, um Selbstbilder und deren Zerbrechen. The Cowboy wirkt dabei reifer, zurückgenommener und deutlich ambivalenter.
Über zehn Jahre hinweg entsteht ein Porträt, das mehr ist als eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Es ist zugleich Milieustudie, Familienchronik und leise Dekonstruktion eines kulturellen Mythos. Allerdings bleibt der Film in seiner Analyse manchmal zurückhaltender, als er sein könnte. Politische und gesellschaftliche Dimensionen werden zwar angedeutet, aber selten vertieft, und auch die Frage, wie sehr der Cowboy-Mythos tatsächlich hinterfragt oder doch teilweise reproduziert wird, bleibt offen. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau und schmälert den positiven Gesamteindruck des Films in keinster Weise.
OT: „The Cowboy“
Land: Deutschland, USA
Jahr: 2025
Regie: André Hörmann
Buch: André Hörmann
Musik: Roger Goula
Kamera: Tom Bergmann
Mitwirkende: Crowley McCuistion, Chaney McCuistion, Farrah Lee, Curt McCuistion, Yancie McCuistion
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