
Es gibt Dokumentarfilme, die ihr Publikum suchen – und solche, die ihr Publikum bereits voraussetzen. Roberto Rossellini, Living Without a Script gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Wer hier ein klassisches Künstlerporträt erwartet, wird schnell feststellen, dass Ilaria de Laurentiis, Raffaele Brunetti und Andrea Paolo Massara keinen niederschwelligen Zugang anbieten, sondern eine filmhistorisch dichte, bewusst kuratierte Rekonstruktion eines Spätwerks, das lange als Randnotiz galt.
Zwischen Kanon und Korrektur
Der Film setzt dort an, wo viele Darstellungen von Roberto Rossellini enden: nach dem vermeintlichen Niedergang der neorealistischen Phase. Statt Rom, offene Stadt oder Paisà erneut zu kanonisieren, verschiebt sich der Fokus auf die Jahre zwischen 1956 und 1977 – eine Zeit, in der Rossellini künstlerisch suchend, privat instabil und institutionell marginalisiert erscheint.
So funktioniert der Film vor allem für jene, die Rossellinis Bedeutung in der Filmgeschichte bereits kennen. Ohne dieses Vorwissen wirkt die Entscheidung, die Frühphase weitgehend auszuklammern, für das Publikum unter Umständen überfordernd.
Archiv als Methode
Formal ist der Film kompromisslos: ein reiner Archivfilm, gespeist aus Interviews, Briefen, Filmausschnitten und Fernsehauftritten. Keine Talking Heads, keine erklärende Gegenwartsstimme – stattdessen eine Montage, die Rossellini scheinbar selbst sprechen lässt, obwohl man aus dem Off häufig Sergio Castellitto hört, der aus Briefen Rossellinis liest.
Die Montage von de Laurentiis erzeugt eine bemerkenswerte Dichte, in der sich öffentliche Auftritte und private Selbstzeugnisse gegenseitig kommentieren. Rossellini erscheint dabei weniger als Monument denn als widersprüchliche Figur: visionär und selbstverliebt, analytisch und blind für die eigenen Machtpositionen.
Der Film vertraut stark auf Rossellinis eigene Stimme – und damit auf seine Selbstdeutung. Kritische Gegenperspektiven, insbesondere zur Indien-Phase oder zu seinen pädagogischen Fernsehprojekten, bleiben eher angedeutet als ausgearbeitet.
Indien als Bruchstelle
Die Reise nach Indien und die Arbeit an dem Film Indien, Mutter Erde markieren im Film den zentralen Wendepunkt. Hier beginnt das „zweite Leben“, das der Originaltitel Roberto Rossellini: più di una vita („Mehr als ein Leben“) beschwört: ein Übergang vom Kino zum Fernsehen, vom Erzähler zum Lehrer. Die Inszenierung dieser Phase ist ambivalent gelungen. Zu wenig erfährt man von Rossellinis Versuch die sich neu formierende postkoloniale Gesellschaft mit der Kamera einzufangen, zu sehr wird auf seine Flucht vor den europäischen Produktionsgewissheiten oder auf den Skandal eingegangen, den die Beziehung des immer noch mit Ingrid Bergman verheirateten Regisseurs mit der ebenfalls verheirateten Inderin Sonali Dasgupta eingegangen.
Fernsehen statt Kino – Fortschritt oder Rückzug?
Rossellinis Hinwendung zum Fernsehen wird schon schlüssiger erklärt. Seine historischen Bildungsprojekte erscheinen hier nicht als Abstieg, sondern als radikale Neupositionierung. Der Regisseur verabschiedet sich vom Kino und sucht im Fernsehen eine universelle Sprache der Aufklärung.
Der Film zeigt diese Phase mit Respekt, aber ohne sie vollständig zu durchdringen. Die didaktische Strenge dieser Arbeiten – ihr Hang zur Vereinfachung und ihre implizite Autorität – wird sichtbar, jedoch selten kritisch zugespitzt. So bleibt die Frage offen, ob Rossellinis „zweites Leben“ tatsächlich ein Fortschritt oder eher ein Rückzug war.
Nähe zu The Rossellinis – und bewusste Distanz
Dass Andrea Paolo Massara bereits an The Rossellinis beteiligt war, ist spürbar. Auch hier geht es um Mythos, Familie und die Konstruktion von Autorschaft. Doch während Alessandro Rossellinis Film den Blick von innen wählt und die familiäre Perspektive ins Zentrum stellt, bleibt Roberto Rossellini, Living Without a Script distanzierter, fast kühl.
Wie bei vielen ambitionierten Archivprojekten liegt die Stärke des Films ganz eindeutig in seiner Konstruktion – doch seine Schwäche ebenfalls. Die sorgfältige Montage, die kluge Materialauswahl und die klare dramaturgische Linie machen ihn zu einer beeindruckenden Rekonstruktionsarbeit. Gleichzeitig entsteht ein gewisser emotionaler Abstand.
Die eingesetzten Voice-over-Stimmen verleihen den Briefen eine zusätzliche Ebene, wirken aber auch wie eine Inszenierungsschicht, die das Dokumentarische leicht verfremdet. Authentizität und Interpretation gehen hier bewusst ineinander über, ohne dass der Film diese Spannung explizit reflektiert.
OT: „Roberto Rossellini: più di una vita“
Land: Italien
Jahr: 2025
Regie: Ilaria de Laurentiis, Raffaele Brunetti, Andrea Paolo Massara
Buch: Raffaele Brunetti
Musik: Mattia Leonardi, Ruggero Catania
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