
Während in den letzten Jahren die mediale Auseinandersetzung mit Femiziden zunehmend sichtbarer geworden ist, bleibt die Perspektive oft erschreckend konstant: Im Zentrum stehen Täter, ihre Motive, ihre Biografien – während die Betroffenen, die Überlebenden und das soziale Umfeld häufig zu Randfiguren degradiert werden. In dieser Landschaft setzt Was an Empfindsamkeit bleibt einen bewussten Gegenakzent. Der Film verweigert sich konsequent der Logik des True-Crime-Blicks und verschiebt den Fokus dorthin, wo er lange gefehlt hat: auf die Opfer, auf die Strukturen – und auf die Verantwortung vieler.
Regisseurin Daniela Magnani Hüller beginnt ihre Erzählung nicht mit der brutalen Tat selbst, sondern mit trügerisch leichten Bildern jugendlicher Unbeschwertheit in einem Freizeitpark, unterlegt mit dem von Chico Buarque melancholisch gesungenen brasilianischen Lied „Roda Viva“. Schon hier liegt eine Ahnung in der Luft, ein leises Unbehagen, das sich mit einem harten Schnitt in die Nacht an einer Münchner Bushaltestelle entlädt – dem Ort, an dem die Filmemacherin als 16-Jährige von einem Mitschüler niedergestochen wurde. Dass der Film diesen Moment nicht ausschlachtet, sondern ihn als Ausgangspunkt einer vielschichtigen Reflexion nutzt, ist eine seiner stärksten und zugleich konsequentesten Entscheidungen.
Eine subjektive Topografie der Gewalt
Formal folgt der Film keiner linearen Rekonstruktion, sondern einer kreisenden Bewegung. Magnani Hüller kehrt an Orte zurück, spricht mit einer Lehrerin, einer Polizistin, einem Notarzt, einem Richter. Es sind keine konfrontativen Interviews im klassischen Sinne, sondern tastende Gespräche, in denen sich Erinnerung, Rechtfertigung und Unsicherheit überlagern. Die Kamera bleibt oft auf Distanz, beobachtet in Totalen – als wolle sie nicht nur Individuen, sondern ihre Einbettung in institutionelle Strukturen sichtbar machen.
Zwischen diesen Gesprächen entfaltet sich ein zweiter, innerer Film: Super-8-Aufnahmen, digitale Fragmente, brüchige Erinnerungsbilder. Sie wirken wie visuelle Echos eines Traumas, das nie ganz vergeht. Das Voice-over – präzise, reflektiert, niemals selbstmitleidig – bindet diese Ebenen zusammen und macht deutlich, dass es hier nicht um eine abgeschlossene Vergangenheit geht, sondern um eine Erfahrung, die in die Gegenwart hineinragt.
Besonders bemerkenswert ist die radikale Entscheidung, den Täter fast vollständig auszusparen. Wo andere Filme psychologisieren würden, herrscht hier Leerstelle. Diese Abwesenheit ist politisch: Sie entzieht der Gewalt ihre voyeuristische Faszination und lenkt den Blick auf das Umfeld, das sie ermöglicht hat.
Mut als ästhetische und politische Haltung
Es wäre zu einfach, den Film allein als „mutig“ zu bezeichnen – und doch kommt man um diesen Begriff nicht herum. Denn was Magnani Hüller hier tut, ist mehr als autobiografisches Erzählen. Sie setzt sich selbst als Subjekt und Autorin ins Zentrum, ohne sich auf die Rolle des Opfers reduzieren zu lassen. Dieser Balanceakt – zwischen persönlicher Verletzlichkeit und analytischer Schärfe – ist es, der diesen Film eine besondere Stärke gibt.
In Magnani Hüllers Regiestatement zu Was an Empfindsamkeit bleibt wird deutlich, wie bewusst dieser Zugriff gewählt ist. Inspiriert unter anderem von Annie Ernaux, suchte sie nach einer Form, die Innenperspektive und gesellschaftliche Analyse miteinander verbindet. Der Film entand nicht aus Rache oder Wut, sondern aus dem Bedürfnis nach Verständnis, nach Gespräch, nach einer gemeinsamen Rekonstruktion von Verantwortung.
Dabei bleibt die Wut dennoch präsent – als leiser, kontrollierter Unterstrom. Es ist eine „angemessene Wut“, wie sie selbst sagt, die nicht zerstört, sondern sichtbar macht. Gerade das macht den Film besonders: Er verweigert einfache emotionale Reaktionen und fordert stattdessen ein genaues Hinsehen.
Strukturen statt Einzelfall
Der englische Titel Sometimes, I Imagine Them All at a Party, ein Satz, der im Voice-over zu hören ist, ist sinnbildlich dafür das Magnani Hüller den Horizont über die eigene Geschichte hinaus erweitert. Er verweist auf die vielen Frauen, die Gewalt nicht überlebt haben – und macht klar, dass es hier nie nur um einen Einzelfall geht. Der Film fragt: Wer trägt Verantwortung? Welche Rolle spielen Schule, Familie, Polizei, Justiz? Und vor allem: Wie entstehen jene Strukturen, die Gewalt nicht verhindern?
Diese Fragen bleiben bewusst offen. Der Film gibt keine Antworten, sondern legt Widersprüche frei. Eine Lehrerin, die etwas bemerkt, aber nicht handelt. Eine Mutter, die mit Victim Blaming reagiert (als sie ihrer Mutter erzählt, dass sie in der Schule stundenlang von einem Jungen angestarrt wird, ist deren Antwort, dass dies kein Wunder sei, so wie sie sich in der Schule anziehe). Institutionen, die formal korrekt agieren – und dennoch versagen. Das Aufzeigen dieser Widersprüche ist die politische Kraft, die von Was an Empfindsamkeit bleibt ausgeht.
OT: „Was an Empfindsamkeit bleibt“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Daniela Magnani Hüller
Buch: Daniela Magnani Hüller
Kamera: Noah Böhm
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