
Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich die Tochter eines Bauern von einem ortsansässigen Fischer schwängern. Wutentbrannt enterbt sie ihr Vater nicht nur, sondern verkauft das einst für sie designierte Grundstück an einen Architekten, der sich und seiner frisch Verlobten ihr Traumhaus am See bauen möchte. Über die nächsten 100 Jahre ist dieses Haus am See ein Spiegel kultureller und politischer Entwicklung des Landes. Über Weimar, Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus, die deutsche Teilung und schließlich den Aufbau nach der Wiedervereinigung hinweg ist das Haus am See trotz wechselnder Besitzer fast die einzige Konstante.
Deutsche Geschichte an der Côte d’Azur
Bereits 2025 lief mit In die Sonne schauen von Mascha Schilinski ein deutscher Film im offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes, der einen Ort, ein Landhaus, als statisches Zentrum seiner Handlung begreift. Während Schilinski diesen Fixpunkt jedoch nutzte, um mehrere Generationen einer einzelnen Familie in Szene zu setzen und damit eine fragmentierte Charakterstudie der Frauen zu schaffen, entscheidet sich Volker Schlöndorff mit Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte für einen anderen Weg. Inspiriert durch das Sommerhaus Albert Einsteins, das er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen musste, erzählt er ein unkonventionelles Slice-of-Life-Drama. Nach dem Verkauf zweier benachbarter Grundstücke an einem See entstehen ein Badehaus und ein Anwesen im Bauhausstil. Anhand der Schwestergrundstücke und ihrer Bewohner reflektiert er 100 Jahre deutscher Geschichte.
Ein Haus voller Erinnerung
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte beginnt anachronistisch mit narrativer Exposition durch Clara, die Enkelin einer ehemaligen Bewohnerin und Schriftstellerin. Nach dem Tod ihrer Großmutter soll Clara die letzte Besitzerin des historischen Gebäudes sein, dessen Geschichte sie einleitet. Eine Zeitreise, die lange vor ihrer Geburt beginnt. Parallel zur deutschen Geschichte sind die Hauptstationen des Films chronologisch die letzten Jahre der Weimarer Republik, die Terrorherrschaft des Nationalsozialismus, die Befreiung und Besetzung Ostdeutschlands durch die Rote Armee und die Entstehung der DDR bis schließlich zur Wiedervereinigung 1990. Schlöndorff verzichtet dabei bewusst auf die Einblendung konkreter Jahreszahlen oder Daten. Eine zeitliche Einordnung passiert stattdessen implizit über Dialog, Architektur, Kulisse und Kostüm.
Hinzukommend inszeniert er weit mehr als weltpolitische Referenzen innerhalb eines Mikrokosmos. Während das Haus am See als Dreh- und Angelpunkt fungiert, fokussiert sich Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte stets intensiv auf die Bewohner. Anhand ihrer erzählt Schlöndorff eine intime Geschichte über Heimat, Herkunft und den Wunsch nach Beständigkeit, gebrochen durch Verlust, Vertreibung und Verdrängung. Der Titel des Films reflektiert diese narrativen Ansätze durch eine dreifache Bedeutungsebene. Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte klassisch als Synonym für eine Katastrophe, speziell für eine Invasion der eigenen vier Wände, gleichzeitig sinnhaft als die Suche nach einem Zuhause und zuletzt als die eigene Rückbesinnung und Erinnerung. Ähnlich eines Archivs oder Museums beherbergt das Haus am See Spuren, Geheimnisse und Erinnerungen all seiner Bewohner, für andere zu entdecken. Eine geheime Kammer, Möbel, Porzellan, Briefe, all diese Dinge fungieren als Artefakte und für Bewohner wie Publikum gleichermaßen als Einblick in die Vergangenheit und weiteres Fragment an Zeitlosigkeit.
Natur als zeitloser Chronist
Die Ambivalenz zwischen Beständigkeit und dem Verrinnen von Zeit zieht sich wie ein roter Faden durch Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte. Der Schauplatz avanciert dabei zum faktischen Protagonisten des Films. Gleichzeitig konkurriert er mit zwei impliziten Protagonisten. Natur, personifiziert durch einen Gärtner, fungiert als sekundärer Protagonist und als weiteres Manifest der Beständigkeit. Seine Figur existiert außerhalb von Zeit und historischem Wandel. Während die kontemporäre politische Entwicklung maßgeblich Einfluss auf alle Bewohner des Hauses nimmt, bleibt er davon vollumfänglich unberührt. Stattdessen fungiert er als zeitloser Chronist, beobachtend, aber emotional und narrativ distanziert.
Subtilität großer Veränderung
Auch inszenatorisch bleibt Heimsuchung konsequent seiner erzählerischen Idee treu. Schlöndorff interessiert sich dabei weniger für klassische Dramatisierung historischer Ereignisse als für Atmosphäre, Kontinuität und das Vergehen von Zeit. Die Kamera beobachtet häufig mit ruhiger Distanz, beinahe dokumentarisch. Statt auf große emotionale Ausbrüche oder pathetische Bilder zu setzen, vertraut der Film auf subtile Veränderungen innerhalb seiner Räume. Renovierungen, verblassende Möbel, neue Gegenstände oder verwilderte Natur erzählen dabei oft mehr über gesellschaftlichen Wandel als explizite Dialoge. Trotz einer Figurenzeichnung, die nicht viel Raum für Individualität im Kontext des großen Ganzen lässt, spielt das gesamte Ensemble solide und glänzt in einzelnen Momenten der Intimität.
OT: „Heimsuchung“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff
Vorlage: Jenny Erpenbeck
Musik: Ferrant Cruixent
Kamera: Axel Schneppat
Besetzung: Detlev Buck, Stella Denis-Winkler, Lars Eidinger, Martina Gedeck, Greta Ipfelkofer, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Nora Moltzen
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