© Pidax Film

Eine unheimliche Karriere

„Eine unheimliche Karriere“ // Deutschland-Start: 10. April 1989 (TV) // 7. Mai 2026 (DVD)

Inhalt / Kritik

Medizin ist die große Leidenschaft von Hans Breden (Helmut Zierl), aber sein Vater hat darauf gepocht, dass der Sohn ein Handwerk lernt und nicht studiert. Obwohl Breden dennoch vier Semester lang als Gasthörer in Psychologie-Seminaren saß, hat er sein Studium nie abgeschlossen. Aus Frust und um zu zeigen, dass auf deutschen Ämtern alles möglich ist, bewirbt er sich als „Dr. Dr. Martin Sylvester“ auf den Job als Amtsarzt für Psychiatrie. Dr. Bruhnshagen (Hans Peter Hallwachs) ist vom Eifer des Anwärters rasch begeistert und boxt diesen auch bei Dezernent Bingel (Peter Aust) durch. Die offiziellen Dokumente soll Sylvester bei Gelegenheit nachreichen. Kollege Heimsen (Ben Hecker) hegt einen Groll gegen den sympathischen Emporkömmling, aber die meisten anderen Honoratioren der Stadt, wie der Oberbürgermeister (Friedrich W. Bauschulte), fressen einen Narren an Sylvester und vertrauen diesem auch ihre intimsten Geheimnisse an. Für seine einige hundert Kilometer entfernt wohnende Freundin Julia (Daniela Ziegler), die tatsächlich Psychologin ist, hat Hans kaum mehr Zeit.

Der dreiste Schlauberger

Geschichten um besonders schlaue und clevere Menschen, die andere an der Nase herumgeführt und dabei Erfolg gehabt haben, erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit. Man denke nur an den Hauptmann von Köpenick (vergleiche auch Der Hauptmann), dessen Autorität in Uniform plötzlich nicht mehr hinterfragt wird, oder an die Thomas-Mann-Figur Felix Krull (Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull), der sich ohne Probleme nach oben arbeiten kann, weil er den gewissen Charme und das dafür nötige Auftreten besitzt. Ähnlich verhält es sich beim Helden im 1989 entstandenen Fernsehfilm Eine unheimliche Karriere, der mit seiner vorwitzigen und direkten Art Zweiflern direkt den Wind aus den Segeln nimmt und sich fortan alles erlauben kann. Der von Helmut Zierl (Heimatmuseum) charmant und überzeugend gespielte Dr. Dr. Martin Sylvester alias Hans Breden basiert auf einer realen Person, deren Fall sich auf ähnliche Weise seinerzeit in Flensburg zugetragen hatte. Drehbuchautor Daniel Christoff (Wie würden Sie entscheiden?) hat die Köpenickiade ins fiktive Städtchen Burgbrücken verlegt, wo der Protagonist die vakante Stelle des Amtsarztes für Psychiatrie antritt.

In der ersten Szene des Fernsehfilms braust Breden mit seiner blauen Ente in das Städtchen hinein, unterlegt mit dem „Ritt der Walküren“ aus Richard Wagners Oper „Die Walküre“. Ein nur scheinbarer Widerspruch, denn trotz des bescheidenen Fahrzeugs ist Bredens Auftritt schon hier bombastisch und siegessicher. Die Amtsschimmelreiter auf dem Rathaus hat er im Nullkommanichts um den kleinen Finger gewickelt, das Vorzeigen der Urkunden und Dokumente wird vertagt, die fadenscheinigen Ausreden widerstandslos akzeptiert. Diesem Mann fliegen die Herzen der Belegschaft in kürzester Zeit zu, denn die meisten spüren, dass er seine Arbeit ernst nimmt, sorgfältig und gewissenhaft ist und die richtigen Entscheidungen trifft. So hinterfragt Sylvester beispielsweise die Zwangseinweisungen einiger Patienten durch seinen Amtsvorgänger und erwirkt deren Entlassung aus der psychiatrischen Klinik. Dass der doppelt promovierte junge Mann jemand darstellt, mit dem man sich auch gerne privat schmückt, erkennt Breden ebenfalls schnell. Der Oberbürgermeister lädt ihn in seine Privatvilla zu einem Empfang ein, auf dem er alle wichtigen Menschen der Stadt auf einen Schlag kennenlernt, auch die von ihrem Ehemann (Karl Walter Diess) vernachlässigte Sybille (Sissy Höfferer), in die er sich verliebt.

Wer ist schon normal?

Immer wieder stellt Regisseur Eberhard Itzenplitz (1926-2012; Wanderungen durch die Mark Brandenburg) hier die Frage, wer eigentlich verrückt und therapiebedürftig ist, und wer nicht. Die High Society von Burgbrücken scheint durchweg unter Neurosen, Abhängigkeiten und Wahnvorstellungen zu leiden, wohingegen etliche sehr normal wirken, denen Verrücktheit unterstellt wird. Der vermeintliche Psychiater, der hier in der „Grauzone des Gesundheitswesens“ tätig wird, macht jedenfalls deutlich, dass ein gesunder Menschenverstand mitunter bessere Ergebnisse zeitigt als hochgestochene Gutachten. Und dass universitäre Titel von vielen Menschen deutlich zu hoch eingestuft werden und kaum etwas über das tatsächliche praktische Talent eines solchen Akademikers auszusagen vermögen.

Eine unheimliche Karriere ist trotz der mehr als 35 Jahre, die dieser Fernsehfilm mittlerweile auf dem Buckel hat, ungebrochen aktuell. Autoritätshörigkeit und Leichtgläubigkeit sind menschliche Charaktereigenschaften, die nach wie vor wachsen und gedeihen. Man denke nur an die zahlreichen Fake News, die im Internetzeitalter Hochkonjunktur haben und von etlichen Konsumenten unüberlegt für bare Münze genommen werden. Mit einem famosen Darstellerensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen mit renommierten und beliebten Namen aufwarten kann, gelingt es Itzenplitz hier ausgezeichnet, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und mit satirischem Augenzwinkern auf Missstände und Verfehlungen hinzuweisen. Sein Film gipfelt in einem Gerichtsprozess, bei dem Hans Breden als Hochstapler auf der Anklagebank sitzt, man sich aber mehr und mehr zu fragen beginnt, wer sich hier tatsächlich falsch verhalten hat und wer hier eher zur Rechenschaft gezogen werden sollte.

Mit Hilfe von Daniel Christoffs treffsicherem Drehbuch, Eberhard Itzenplitz‘ temporeicher Inszenierung und den grandiosen Darstellerleistungen bietet Eine unheimliche Karriere auch heute noch anderthalb Stunden kurzweilige Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt und nichts von ihrem beißenden Spott eingebüßt hat. Die DVD-Erstveröffentlichung in der Reihe „Pidax Film-Klassiker“ bietet ein nur bedingt zufriedenstellendes Bild (im Vollbildformat 1,33:1), das in Bewegungen immer wieder Unschärfen aufweist und insgesamt eher auf VHS-Niveau anzusiedeln ist. Der deutsche Originalton (in Dolby Digital 2.0) ist durchweg gut zu verstehen und entspricht den Möglichkeiten der Entstehungszeit. Bonusmaterial ist keines mit aufgespielt.

Credits

OT: „Eine unheimliche Karriere“
Land: Deutschland
Jahr: 1989
Regie: Eberhard Itzenplitz
Drehbuch: Daniel Christoff
Musik: Günther Fischer
Kamera: Franz Rath
Besetzung: Helmut Zierl, Sissy Höfferer, Hans Peter Hallwachs, Daniela Ziegler, Peter Aust, Tilly Lauenstein, Friedrich W. Bauschulte

Bilder

Kaufen / Streamen tt0098562

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Eine unheimliche Karriere
fazit
Mit einem famosen Darstellerensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen mit renommierten und beliebten Namen aufwarten kann, gelingt es Eberhard Itzenplitz hier ausgezeichnet, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und mit satirischem Augenzwinkern auf Missstände und Verfehlungen hinzuweisen.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10