
Mit dem Tod seiner Frau verlor der Maler Antoine Balestro (Pio Marmaï) nicht nur seine Muße, sondern gleichzeitig seinen Lebenswillen. Lethargisch lebt er in den Tag hinein, verzehrt von Schmerz und Alkohol. In seinem Rausch sucht er einen Karneval auf und wohnt einer Séance bei, um seiner Frau Irine (Madeleine Baudot) noch einmal nah sein zu können. Unbewusst für ihn leitet diese fragwürdige spirituelle Zusammenkunft jedoch nicht das ansässige Medium, sondern Claudia (Anaïs Demoustier), oder die elektrifizierte Venus, eine andere Schaustellerin, die lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Was als einmalige Chance geplant war, ein paar Franken dazuzuverdienen, weitet sich jedoch schnell zu einem elaborierten Betrug aus. Als Claudia plötzlich echte Gefühle für ihren Maler entwickelt, verkompliziert sich ihre Situation immer mehr, während beider Koabhängigkeit simultan wächst.
Jahrmarkt der llusion
Liebe kann vieles sein: Antrieb, Anker, elektrisierend, einnehmend, aber gleichzeitig deprimierend, belastend, gefangennehmend und schließlich flüchtig. Als Venus électrique verkauft Claudia eine Illusion. Für 30 Franc küsst sie Männer, während Strom sie durchflutet und die Sensation echter Liebe imitieren soll. Als sie aus Versehen die Rolle des benachbarten Mediums spielen muss, um nicht bei einem Diebstahl erwischt zu werden, gleichen sich beide Rollen in ihrem Charakter der Täuschung. Auch als Medium dient sie als Avatar falscher Liebe, als Illusion von Hoffnung und des Gefühls einer Wahrheit, die lediglich durch Glauben und Selbstbetrug zu leben vermag. Parallelen wie diese ziehen sich laufend durch The Electric Kiss, den Eröffnungsfilm der 79. Filmfestspiele von Cannes.
Prometischer Liebesbetrug
Anhand seiner gegensätzlichen divinen Figuren, Venus und Hermes, versucht sich Salvadori an einer eigenen göttlichen Komödie: komisch, dramatisch, tragisch, französisch. Wie im französischen Genrekino üblich trifft er die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Komik besonders in der ersten Hälfte des Films ausgezeichnet. Schwankend zwischen Verdruss, Liebe und Hoffnung webt er selbst Suizid vorsichtig, aber pointiert ein und gibt einen subtilen Vorgeschmack auf den tragischen Bruch, das retardierende Moment der zweiten Hälfte. Gleichermaßen vorbedeutend ist jedoch sein Hang zu Theatralik und offensichtlicher Metaphorik. Claudias Kontaktlinsen und Nazar-eske Steine auf Antoines Augen während der Séancen verdeutlichen die Blindheit beider gegenüber der wahren Natur des anderen.
Claras Auftritt als rothaarige Venus unterstreicht ihren zunehmenden Wandel zu Irine, der auch erzählerisch eingewoben wird. Retrospektiv erzählt The Electric Kiss die Liebesgeschichte zwischen Antoine und Irine aus den Seiten ihres Tagebuchs, gelesen durch Claudia. Eine Analogie der Liebe, die erzählerisch durch einen Zeitsprung getrennt ist, aber szenisch simultan passiert. Trotz dieser zusätzlichen Dynamik verliert sich The Electric Kiss in seiner zentralen Konfliktlinie besonders durch die Einbindung lose angebundener Nebenhandlungen und baut spürbare Längen auf. Schlussendlich verkünstelt sich Regisseur Pierre Salvadori (Lieber Antoine als gar keinen Ärger) mit einem Finale, das ein kreatives Desaster zwar um ein Haar abwendet, damit allerdings zu glatt poliert und abgerundet daherkommt.
Zwischen Jahrmarkt und Kulisse
Auch inszenatorisch ist The Electric Kiss ein Film voller Ambivalenz. Während Kameraführung und Schnitt handwerklich nicht zu beanstanden sind, fluktuiert die Qualität von Kostüm- und Setdesign stark. Der Jahrmarkt wirkt unwirklich, aber im Rahmen der Handlung trotz allem stimmig, ähnlich wie die gemäldeartige Hintergrundatmosphäre des Paris. An anderer Stelle suggeriert der Film dann allerdings weniger 1929 als 1999, besonders was die Haarschnitte der Protagonistinnen und die Kostüme der Herren angeht. Schauspielerisch ist das gesamte Ensemble grundsätzlich gut, allerdings will zwischen Pio Marmaï und Anaïs Demoustier keine echte Chemie aufkommen. Letzteres funktioniert für die ersten beiden Drittel des Films im Sinne der Handlung, schwächt das Finale aber einmal mehr.
OT: „La Vénus électrique“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Pierre Salvadori
Drehbuch: Pierre Salvadori, Benjamin Charbit, Benoît Graffin
Vorlage: Rebecca Zlotowski, Robin Campillo
Musik: Camille Bazbaz
Kamera: Julien Poupard
Besetzung: Pio Marmaï, Anaïs Demoustier, Gilles Lellouche, Vimala Pons, Gustave Kervern, Madeleine Baudot
Cannes 2026
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