
Hundert Jahre alt wäre Ingeborg Bachmann am 25. Juni 2026 geworden, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Alt aussehen lässt sie der hybride Dokumentarfilm von Regina Schilling aber keineswegs. Allein schon deshalb nicht, weil die österreichische Dichterin viel zu jung starb (mit 47) und auf Fotos und Filmen ihren jugendlichen Schwung nie verlor. Aber vor allem, weil sie in ihrem Schreiben und Denken die Fragen der heutigen Zeit quasi vorweggenommen hat: Themen etwa wie das Verhältnis der Geschlechter, Probleme von Macht und Abhängigkeit sowie das Ansprechen psychischer Verwundungen. Ingeborg Bachmann war eine Suchende. Und der Film mit Sandra Hüller in den fiktiven Szenen folgt den Suchbewegungen der Dichterin. Er spürt ihrem Leben und Schreiben nach, ohne es durch Interpretation einhegen zu wollen. Gerade deshalb findet er sie: als lebendig Gewordene, die zu uns spricht und uns mit ihren Zweifeln, ihren Mahnungen und ihrer Utopie etwas zu sagen hat.
Schreiben als Lebenselixier
Schreibtisch, Schreibmaschine, leeres Blatt: Sandra Hüller blickt in die Kamera, so wie Ingeborg Bachmann zuvor auf einem Foto ins Objektiv geschaut hatte, den Kopf aufgestützt, eine Hand an der rechten Backe. „Ich existiere nur, wenn ich schreibe“, sagt sie. „Bist du traurig?“, fragt eine Stimme aus dem Off. Dann bittet die Regisseurin, den Text in einem weiteren Take zu wiederholen. Dieses Mal auf selbstbewusste Art. „Das ist schwierig in dieser Haltung, aber ich versuch’s“, antwortet die Schauspielerin leicht genervt. Dass es beide Takes in den fertigen Film geschafft haben, bedeutet zweierlei. Zum einen gibt der Film Auskunft über die Machart seiner Spielszenen, die die Montage aus Fotos, Radio- und Fernsehinterviews sowie rarem Filmmaterial ergänzen und mit ihr verschmelzen. Der Versuch einer Annäherung, aber keine klassische Verkörperung wird sichtbar in diesem einen fiktiven Tag, den Sandra Hüller weitgehend stumm in Rom verbringt, mit selbst eingesprochenen Texten der Dichterin im Ohr. In einer dem Original nachempfundenen Wohnung, beim Streifzug durch die Stadt, einer Autofahrt ans Meer und zu etruskischen Grabstätten.
Zum anderen, und das ist das Entscheidende, weisen die beiden Takes auf einen grundlegenden Zug von Bachmann Persönlichkeit hin. Die Autorin bewegte sich stets zwischen gegensätzlichen Polen. Sie war ebenso traurig wie selbstbewusst, so verletzlich wie durchsetzungsstark, so schüchtern wie ehrgeizig. Sie changierte zwischen Bescheidenheit und Glamour, Sinnlichkeit und Intellekt, Feminismus und Männerwelt, Utopie und Realismus. Sie war alles zugleich, in mal harmonischer, mal spannungsreicher, oft explosiver Mischung. Und sie hat darüber geschrieben, in unerbittlicher Aufrichtigkeit, in bislang ungehörten Worten und Sätzen, in frischer Sprachradikalität, geprägt von den experimentierfreudigen Nachkriegsjahren der Wiener Literaturszene. „Es kommen härtere Tage“, schreibt sie nüchtern-desillusioniert in dem Gedicht „Die gestundete Zeit“ aus dem gleichnamigen Lyrik-Band, ihrem gefeierten Debüt aus dem Jahr 1953.
In gewissem Sinn ist der essayistisch gehaltene Hybridfilm von Regina Schilling (Igor Levit – No Fear 2022“) kein Film über, sondern von Ingeborg Bachmann. Denn er besteht auf der Tonspur zu 80 bis 90 Prozent aus den eigenen Worten der Dichterin, die Schilling aus Werken, Briefen, Tagebüchern und Interviews zu einer Text-Montage kondensiert hat. Auch wenn man nicht alle dieser funkelnden Sätze im Gedächtnis behalten wird, so macht der Film doch bekannt mit der Präzision und Wucht von Bachmanns Wortkunst, die er behutsam, mit sanftem Rhythmus zum Nachhallen und Nachsinnen aufbereitet.
Auch Sandra Hüller, die die Tonspur mit Mimik, Körperlichkeit und Bewegung kontrapunktiert, öffnet einen weiten Assoziationsraum. Der Schauspielerin geht es nicht darum, „die“ Bachmann zu sein oder ihre Worte zu bebildern. Stattdessen lässt sie sich inspirieren vom Mitschwingen eigener Gefühle und Gedanken, immer im großen Respekt (nicht zu verwechseln mit Distanz) vor dem Facettenreichtum von Werk und Persönlichkeit. Sandra Hüller tritt eher in einen Dialog mit der Dichterin, als dass sie in deren Kopf und Herz eindringen möchte. Ihr Spiel ist wie eine Art Tanz zu Bachmanns „Musik“. Einmal tänzelt sie im Wortsinn durch den Raum, ein andermal steht sie Kopf und macht Überschläge. Aber auch die langsameren Bewegungen, das Hantieren in der Küche, das ständige Rauchen, die Panikattacken und die Andeutungen von Alkohol- und Tablettenabhängigkeit zeugen von einer freien, nicht auf Nachahmung bedachten Improvisation über die glücklichen und erschütternden Momente in Bachmanns Arbeits- und Liebesleben.
Obsessives Arbeiten
Weitgehend, aber nicht streng chronologisch spürt Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war, den wichtigsten Lebensstationen nach. Der Kindheit in Kärnten, behütet von den stolzen Augen des Vaters („meine Große und Gescheite“). Der Jugend in Klagenfurt, wo sie trotz Bombenhagels im Garten Rilke las. Den Studienjahren und ersten Veröffentlichungen. Dem grandiosen Durchbruch mit dem Preis der „Gruppe 47“, gefolgt von einem Cover und einer Titelgeschichte des „Spiegels“. Den komplexen Liebesbeziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch. Den gesundheitlichen Problemen nach einer Gebärmutteroperation. Der obsessiven Arbeit an ihrem mehrbändig geplanten Großprojekt über weibliche „Todesarten“, das unvollendet blieb.
Wie nebenbei streift das Archivmaterial die unfassbar männlich dominierte Literaturszene der 1950er und 1970er Jahre: hämische Herablassung, skeptische Minen von uniformierten Anzugsträgern selbst bei den zahlreichen Auszeichnungen für Ingeborg Bachmann. Umso erstaunlicher mutet an, wie wenig sich bis heute geändert hat. Dafür muss man nicht einmal die Auseinandersetzung zwischen Ildikó von Kürthy und Elke Heidenreich mit dem Kritiker Denis Scheck bemühen, es genügt der Blick auf den Machismus der Rechtspopulisten. „Männer sind unheilbar krank“, hat Ingeborg Bachmann 1971 in einem Interview gesagt. Auf die Warum-Frage des (männlichen) Gesprächspartners reagiert die Schriftstellerin mit heiterer Gelassenheit und einer Gegenfrage. „Wissen Sie das nicht?“. Selten sieht man sie in den Archivausschnitten so gelöst und beglückt – ganz bei sich. Offenbar spricht sie gerade eine der tiefsten Überzeugungen und Erkenntnisse ihres Lebens aus. Nicht nur diese Passage macht neugierig, das Werk der Schriftstellerin erstmals oder wieder zu entdecken.
OT: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2026
Regie: Regina Schilling
Drehbuch: Regina Schilling
Musik: Anja Plaschg, Soap & Skin
Kamera: Johann Feindt
Besetzung: Sandra Hüller
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