Inhalt / Kritik

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ // Deutschland-Start: 2. September 2021 (Kino)

Einst in ein gut bürgerliches Haus geboren, lernte Felix Krull (Jannis Niewöhner) nach dem Selbstmord seines Vaters die Schattenseiten des Lebens kennen: Armut und Perspektivlosigkeit. Das hinderte ihn jedoch nie daran, weiterhin vom Aufstieg und einem besseren Leben zu träumen. Und so landet der junge Mann eines Tages in einem Pariser Luxushotel, wo er eine Stelle als Liftboy erhält. Die Anfänge sind hart, auch weil der im Geheimen bestimmende Oberkellner Stanko (Nicholas Ofczarek) ihm einen beträchtlichen Teil seines Einkommens abknüpft. Doch mit der Zeit gelingt es Felix, sich dank seines Charismas, seines guten Aussehens und seiner Anpassungsfähigkeit hochzuarbeiten. Dabei lernt er unter anderem Madame Houpflé (Maria Furtwängler) kennen, die sich seine speziellen Dienste einiges kosten lässt, sowie Marquis Louis de Venosta (David Kross). Der ist unglücklich in Zaza (Liv Lisa Fries) verliebt, ohne zu ahnen, dass auch Felix mit ihr eine Vorgeschichte hat …

Unterhaltsame Neuinterpretation eines Klassikers

Es braucht schon ein gewisses Selbstvertrauen, um sich an einen Roman von Thomas Mann zu wagen und diesen verfilmen zu wollen. Umso mehr, wenn man diesen dann nach einem Gusto umändert, Szenen komplett umschreibt, Figuren anders gewichtet und eine ganz eigene Interpretation daraus macht. Regisseur Detlev Buck (Asphaltgorillas, Wir können nicht anders) hatte dieses Selbstvertrauen und schuf zusammen mit seinem Co-Autor Daniel Kehlmann einen Film, bei dem Puristen zwar an mehreren Stellen die Nase rümpfen dürften. Aber: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull macht Spaß, zählt zweifelsfrei zu den unterhaltsamsten deutschen Werken des Spätsommers.

Dabei sind die darin verhandelten Themen eigentlich alles andere als spaßig. Eine der frühesten Szenen berichtet von dem Selbstmord des Vaters, welcher die Familie endgültig in den Ruin treibt. Gegen Ende wird es recht ambivalent, wenn Felix zwischen Liebe und Luxusleben entscheiden muss. Und auch dazwischen bringt Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull so viele ernste Momente, dass man immer wieder kurz innehält. Die Figur der Madame Houpflé, welche sich herablassend den jungen Liftboy zur sexuellen Belustigung schnappt, ist einerseits groteske Karikatur, gleichzeitig aber auch eine tragische Gestalt. Und sie ist nicht die einzige einsame Figur in dem Luxushotel, die sich nach mehr sehnt, die sich nach Nähe und Aufmerksamkeit verzehrt.

Das Spiel mit der Fassade

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull spielt dabei sehr ausgiebig mit der offensichtlichen Diskrepanz zwischen der Fassade und dem, was dahinter steckt. Nicht nur dass Krull ständig in neue Rollen schlüpft, bis man schließlich irgendwann nicht mehr weiß, wer er als Mensch ist. Auch sonst wird kräftig gelogen und intrigiert: Die Figuren schaffen sich in dem Hotel einen Mikrokosmos, in dem alles möglich ist, sofern man nur genügend Geld dafür mitbringt. Moral und Wahrheit werden im Zweifel einfach gekauft, sei es mit Münzen, Juwelen oder anderen Entlohnungen. Zum Kontrast baut Buck immer wieder Obdachlose und Menschen aus der Unterschicht ein, die noch einmal verdeutlichen sollen, wie weit in der dargestellten Gesellschaft alles auseinanderdriftet.

Zu einem echten Gesellschaftskommentar reicht das dann aber doch nicht aus, dafür wirkt Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull nie real genug. Vielmehr spielt der Film in einer Welt, die eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart darstellt, einen festen Punkt in der Zeit und einen konkreten Ort vorgaukelt, aber doch außerhalb zu bestehen scheint. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass da lieblos etwas zusammengestückelt wurde. Im Gegenteil: Der Film begeistert durch die umwerfende und zugleich leicht entrückte Ausstattung. Wir stolpern hier durch einen leicht märchenhaften Traum, der zu jeder Zeit fantastisch aussieht.

Eine falsche Welt als Dauerbühne

Er ist auch fantastisch besetzt. Jannis Niewöhner ist eine Idealbesetzung für die Rolle des charmanten Gauners, der den Menschen immer das erzählt, was sie hören wollen, und dabei doch mehr manipuliert, als manipuliert wird. Liv Lisa Fries und David Kross tragen mit ihren Darstellungen als gerissener Freudendame und naivem Luxussöhnchen ebenfalls maßgeblich dazu bei, dass man sich bei Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull nur zu gern in den Straßen eines falschen Paris’ verläuft. Denn hier wird jeder Ort zu einer Bühne mit doppeltem Boden, ob Foyer oder Hinterzimmer, Restaurant oder Schlafgemach, Zug oder Palast. Und es lohnt sich, all diesen Orten einen Besuch abzustatten, selbst wenn man im Anschluss sich nicht immer sicher ist, was davon nun wahr war – und ob das überhaupt eine Rolle spielt.

Credits

OT: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Detlev Buck
Drehbuch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck
Vorlage: Thomas Mann
Musik: Helmut Zerlett
Kamera: Marc Achenbach
Besetzung: Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross, Maria Furtwängler, Joachim Król, Nicholas Ofczarek

Bilder

Trailer

Interview

Sind Schauspieler die geborenen Hochstapler? Und was braucht es, um zu einem anderen Menschen werden zu können? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Jannis Niewöhner in unserem Interview zu Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull gestellt.

Jannis Niewöhner [Interview]

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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist eine freie, aber sehenswerte Adaption von Thomas Manns Roman über einen jungen Mann, der in einem Pariser Luxushotel in die verschiedensten Rollen schlüpft. Das ist schön ausgestattet und fantastisch besetzt. Selbst wenn man am Ende nicht viel dazugelernt hat, die Reise durch eine Welt, in der alles nur Fassade ist, enthält genügend lohnenswerte Momente.
7von 10
Leserwertung: (7 Votes)
5.5

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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