Aus meiner Haut
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Aus meiner Haut

Aus meiner Haut
„Aus meiner Haut“ // Deutschland-Start: 2. Februar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

So ganz wissen Leyla (Mala Emde) und Tristan (Jonas Dassler) ja nicht, was sie von der Einladung halten sollten, die sie auf eine abgelegene Insel führt. Dort lebt Stella, die in dem Körper ihres Vaters (Edgar Selge) steckt, eine alte Freundin Leylas. Und sie ist nicht die Einzige, die sich auf die Kunst des Körpertauschs versteht. Gemeinsam mit Roman (Thomas Wodianka), dem ehemaligen Partner ihres Vaters, ermöglicht sie allen, ihre Seele in den Körper eines anderen zu versetzen – und umgekehrt. Bei der Auslosung wird den zweien das Paar Fabienne (Maryam Zaree) und Mo (Dimitrij Schaad) zugewiesen. Die freuen sich auch schon auf die Erfahrung, sind neugierig darauf, wie es mit den neuen Körpern sein wird. Doch bald kommt es zu ersten Konflikten, da die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen …

Körpertausch mal anders

Mit dem Gedanken, einmal in einen anderen Körper zu schlüpfen, dürften viele schon einmal gespielt haben. Meistens geht es dann darum, neue Fähigkeiten zu bekommen. Anderen geht es um die Erfahrung an sich. So oder so ist das ein dankbares Thema für Filme, welches auch auf die unterschiedlichsten Weisen genutzt werden kann. Besonders oft wird dabei der komödiantische Aspekt betont, beispielsweise bei Big. Aber auch düstere Varianten sind möglich. In der Serie Léas 7 Leben steckt die Protagonistin im Körper einer Leiche, die sie zuvor gefunden hat, hinzu kommt der Aspekt einer Zeitreise. Die Horrorkomödie Freaky nimmt eine Zwischenposition ein, wenn eine Jugendliche den Körper mit einem Serienmörder tauscht – was blutig und witzig in einem ist.

Aber es gibt auch einen ganz anderen Zugang, wie das deutsche Beispiel Aus meiner Haut zeigt. Auch dort wird mit den üblichen Methoden gespielt, die das Körpertausch-Thema so hergeben. Gerade beim ersten Tausch sind einige witzige Momente dabei, die sich auch aus dem Kontrast der Figuren ableiten. So ist Tristan ein sehr zurückhaltender Mensch, der die Musik liebt, Konflikten aber aus dem Weg geht. Mo ist ein selbstverliebter Zappelphilipp, der ständig Grenzen überschreitet. Wenn solche zwei Leute auf einmal die Körper tauschen und die Persönlichkeit des Einen auf die Hülle des Anderen trifft, dann schreiben sich die Witze fast schon von selbst. Aber auch die Situation, dass eine junge Frau im alten Körper ihres verstorbenen Vaters steckt, ist schon kurios. Das Ensemble nimmt diese Möglichkeiten auch gern an, zeigt sich von einer spielfreudigen Seite, ohne große Hemmungen.

Nachdenklich und berührend

Im weiteren Verlauf nimmt diese Komik jedoch ab. Auch die Ahnung, dass der Film in eine sehr böse Richtung gehen könnte, bewahrheitet sich nicht. Stattdessen hat Regisseur Alex Schaad, der gemeinsam mit seinem schauspielernden Bruder Dimitrij (Die Känguru-Chroniken) das Drehbuch geschrieben hat, einen sehr ernsten Film gedreht. So ist die Geschichte von Aus meiner Haut fast unweigerlich mit einer Reihe von Themen verbunden, über die man viel nachdenken und diskutieren kann. Vor allem das der Identität drängt sich geradezu au. Wie viel von meiner Persönlichkeit ist meinem Körper entsprungen? Bin ich noch derselbe Mensch, wenn die Hülle eine andere ist? Gerade auch im queeren Kontext wird das sehr spannend, wenn zunehmend die Grenzen aufgehoben werden.

Doch das Drama, das bei den Filmfestspielen von Venedig 2022 Premiere hatte, ist keine reine Kopfgeburt, sondern zuweilen ein sehr emotionaler Film. Aus meiner Haut erzählt von tiefen Schmerzen und der Sehnsucht, diesen entkommen zu können. Er erzählt aber auch von großen Gefühlen, von Einfühlungsvermögen und einer Opferbereitschaft. Das kuriose, aber doch bekannte Motiv des Körpertauschs nimmt dessen zahlreiche Möglichkeiten und bastelt daraus eine ganz eigene Liebesgeschichte. Ein Liebesbeweis, der zu später Stelle gezeigt wird, gehört zu den seltsamsten, die man je in einer Romanze hat sehen dürfen. Aber auch zu den berührendsten.

Die Suche nach Antworten

Da spielt es dann auch keine Rolle, dass Aus meiner Haut an vielen Stellen mehr fragt und andeutet, anstatt wirklich etwas zu sagen. Vieles aus der Vorgeschichte der Figuren wird nicht erzählt. Etwas unbefriedigend ist auch, wie einige Figuren zur Mitte hin auf einmal völlig verschwinden, weil die Schaads keine Verwendungen mehr für sie haben, manches bricht mittendrin geradezu ab. Schade ist zudem, dass das Innenleben der Figur Roman kaum thematisiert wird. Ständig den Körper deiner großen Liebe zu sehen, der aber von jemand anderem „bewohnt“ wird, das ist eine derart schwierige Situation, dass man darüber gern mehr erfahren hätte. Auf solche Leerstellen muss man gefasst sein, hier wird schon viel Mut zur Lücke gezeigt. Aber es lohnt sich, diese Reise anzutreten und dabei einen der interessantesten deutschen Filme der letzten Jahre zu finden, der einen darüber hinaus schrecklich mitnehmen kann, ohne das Publikum mit dem Holzhammer bearbeiten zu müssen.

Credits

OT: „Aus meiner Haut“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Alex Schaad
Drehbuch: Alex Schaad, Dimitrij Schaad
Musik: Richard Ruzicka
Kamera: Ahmed El Nagar
Besetzung: Jonas Dassler, Mala Emde, Maryam Zaree, Dimitrij Schaad, Edgar Selge, Thomas Wodianka

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über den Film erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Regisseur und Co-Autor Alex Schaad zu unterhalten. Im Interview zu Aus meiner Haut spricht er über Identität, Geschlechtergrenzen und welchen Körper er gern einmal ausprobieren würde.

Alex Schaad [Interview]

Filmfeste

Venedig 2022
Zurich Film Festival 2022
Filmfest Hamburg 2022
Filmfest Braunschweig 2022
Nordische Filmtage Lübeck 2022
International Film Festival Mannheim Heidelberg 2022
Max Ophüls Preis 2023

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Aus meiner Haut
fazit
„Aus meiner Haut“ nimmt das bekannte Motiv des Körpertauschs, macht daraus aber etwas ganz Eigenes. Der anfängliche Humor, wenn grundverschiedene Persönlichkeiten munter umherspringen, legt sich. Stattdessen gibt es interessante Denkanstöße gerade zum Thema Identität sowie ein zu Herzen gehendes Drama, mit einem Liebesbeweis, der zu den seltsamsten und schönsten zugleich zählt.
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