Kritik

Die Kaenguru Chroniken

„Die Känguru-Chroniken“ // Deutschland-Start: 5. März 2020 (Kino)

Eigentlich ist Marc-Uwe Kling (Dimitrij Schaad) ja Künstler. Es bekommt nur kaum einer mit. Zumal er inzwischen ohnehin wenig Zeit hat, sich so richtig zu entfalten, seitdem das kommunistische Känguru bei ihm eingezogen ist. Denn das sorgt immer wieder für Chaos und Ärger, beispielsweise bei den Auseinandersetzungen mit dem rechtspopulistischen Immobilienhai Jörg Dwigs (Henry Hübchen), der das ganze Viertel platt machen will, um einen Turm dorthin zu stellen. Das können Kling und das Känguru natürlich nicht zulassen. Und so ziehen die beiden los, zusammen mit Maria (Rosalie Thomass), in die Kling ja schon ein bisschen verknallt ist, um dem blöden Deppen irgendwie Einhalt zu gebieten …

Eigentlich war es ja nur eine Frage der Zeit, bis die von Marc-Uwe Kling erdachten Geschichten um ein sprechendes Känguru auch die große Leinwand eroberten. Denn die erfreuten sich so großer Beliebtheit, dass sie nach dem Podcast noch als Bücher und Hörbücher veröffentlicht wurden. Theater-Adaptionen und Gesellschaftsspiele verdeutlichten im Anschluss noch weiter, dass Konsumkritik und Geschäftstüchtigkeit sich nicht ausschließen müssen. Beim Känguru ist schließlich alles möglich. Außer Eierkuchenbacken vielleicht, denn dafür fehlen die Zutaten und die Utensilien. Aber wozu hat man Nachbarn?

Gemeinsam gegen den Rest der Welt
Die Känguru-Chroniken ist dann auch ein Film über Nachbarn, über Freundschaft, über Gemeinschaften an der Straßenecke, die über Jahre gewachsen sind und eine feste Konstante in dieser schnelllebigen Welt geworden sind. Wenn Kling, der in seinen Geschichten immer in einer fiktiven Version von sich auftaucht, im Film aber von jemand anderem, nämlich Dimitrij Schaad, gespielt wird, wenn der und das Känguru ausziehen, um den selbstverliebten Kotzbrocken Dwigs aufzuhalten, dann geht es eben nicht nur um die beiden. Es geht um sie alle, die hier in dem Viertel wohnen, die in irgendwelchen Vierteln wohnen und von dort rausgeworfen werden, weil reiche Schmarotzer meinen, dass die da nix zu suchen haben.

Das Thema Gentrifizierung ist nicht nur überaus aktuell, es entwickelt sich derzeit auch zu einem echten Film- und Serienthema. Ob die Tragikomödie Gentefied, der Thriller Der letzte Mieter oder der Genremix Funny Face, da kamen zuletzt einige Titel heraus, die sich der Sache annehmen. Kling, der auch das Drehbuch geschrieben hat, begnügte sich aber nicht allein damit, von einem Verteidigungskampf der kleinen Leute erzählen zu wollen. Er kombinierte das mit einer anderen aktuellen Entwicklung, dem wuchernden Rechtspopulismus. Als Inspiration diente ihm dabei offensichtlich Donald Trump, Henry Hübchen wurde zumindest so zurechtgemacht, dass er dem US-Vorbild tatsächlich ein bisschen ähnlich sieht – und damit einem, der beides ist, Immobilienhai und Rechtspopulist.

Zu viel der Dummen
Ganz aus der Luft gegriffen ist es daher nicht, wenn Die Känguru-Chroniken als Rahmenhandlung für das Chaos Dwigs wählt, zumal der Kampf gegen rechts auch schon in der DNA des Originals liegt. Das bedeutet aber nicht, dass die Idee damit automatisch gut ist. Nur weil Kling Klischees rund um die Dumpfbacken vom anderen Spektrum aufgreift und noch einmal überdreht, ist das Ergebnis nicht zwangsläufig lustig. Tatsächlich gehören diese Szenen, wenn sich der Film einer etwas plumpen Albernheit hingibt, zu den schwächsten im Film. Thematisch passieren die natürlich schon zu der Einstellung der Figuren und dem Ambiente. Sie sind aber nicht annähernd so clever oder einfallsreich.

Am besten ist Die Känguru-Chroniken nämlich, wenn die Figuren im Vordergrund stehen und die Absurdität der Konstellation. Schaad ist fabelhaft in seiner Verkörperung des verpeilten Kleinkünstlers, der irgendwie nichts auf die Reihe bekommt. Auch die Darstellung des Viertels ist charmant, voller skurriler Leute, die über die unsinnigsten Sachen diskutieren, als wäre die Welt da draußen ganz weit weg. Ein Humor, der zwischen Nonsens und Attacke schwankt, sich über alles und jeden lustig macht, sich selbst eingeschlossen. Wer diesen Humor teilt, ihn durch die diversen anderen Medien bereits lieb gewonnen hat, der wird auch in der Filmversion gut bedient, selbst wenn der Wechsel von einem rein sprachlichen zu einem zumindest teilweise optischen Witz nicht immer ganz reibungslos klappt und mehr hier nicht zwangsweise mehr bedeutet.

Credits

OT: „Die Känguru-Chroniken“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Dani Levy
Drehbuch: Marc-Uwe Kling
Vorlage: Marc-Uwe Kling
Musik: Niki Reiser
Kamera: Filip Zumbrunn
Besetzung: Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Henry Hübchen, Tim Seyfi, Adnan Maral, Bettina Lamprecht

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Deutscher Filmpreis 2020 Beste visuelle Effekte und Animation Jan Stoltz, Claudius Urban Sieg

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Die Känguru-Chroniken
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Die Känguru-Chroniken
Als Buch oder in gesprochener Form ein Phänomen, soll nun auch ein Film die Geldbeutel der Fans leeren. Teilweise ist „Die Känguru-Chroniken“ erstaunlich gut umgesetzt, vor allem Hauptdarsteller Dimitrij Schaad ist eine echte Entdeckung. Der Versuch, die absurden Alltagsgeschichten mit einem Kampf gegen rechts zu verbinden, sind jedoch weniger geglückt, da der Humor hier zu sehr auf Klischees angewiesen ist und ein bisschen plump ist.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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