Menschliche Dinge Les choses humaines
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Menschliche Dinge

„Menschliche Dinge“ // Deutschland-Start: 3. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Eigentlich lebt Alexandre Farel (Ben Attal) inzwischen in den USA, wo er eine renommierte Universität besucht. Doch dann und wann lässt er sich in seiner Heimat in Paris sehen. Als er mal wieder zu Besuch ist, lässt er sich von seiner Mutter Claire (Charlotte Gainsbourg) dazu überreden, dass er die 17-jährige Mila (Suzanne Jouannet) mitnimmt, die Tochter von Claires neuem Lebensgefährten Adam (Mathieu Kassovitz). Eine Entscheidung, die sie am nächsten Tag schon schwer bereuen werden. Er habe sie vergewaltigt, so sagt die Jugendliche. Während Alexandre alles vehement bestreitet und dabei Unterstützung von seinem Vater Jean (Pierre Arditi) erhält, ist seine Mutter in einer echten Zwickmühle. Schließlich ist die eigentlich überzeugte Feministin und deshalb dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer gegenüber verpflichtet …

Vergewaltigung oder nicht?

Als im Zuge der MeToo-Bewegung zahlreiche Beispiele publik wurden, wie mächtige oder einflussreiche Leute andere sexuell belästigten oder missbrauchten, stieß dies bekanntlich eine weltweite Debatte an, wie mit den Vorwürfen von Vergewaltigung umzugehen ist. Doch trotz der unstrittigen Fortschritte, die es seither gegeben hat, ein Problem ist geblieben: Ein Vorwurf ist kein Beweis. Nur weil jemand sagt, es habe einen sexuellen Übergriff gegeben, ist das nicht bewiesen. Es muss ja nicht einmal zwangsläufig wahr sein. Am Ende steht oft dann doch nur Aussage gegen Aussage, weshalb im Zweifel der Beschuldigte frei davonkommt. Ein weiterer Punkt, der die Beurteilung komplizierter macht, ist die individuelle Wahrnehmung, wenn zwei Menschen ein und dieselbe Situation sehr unterschiedlich wahrnehmen können. Für Filme ist das ein sehr dankbares Thema.

The Last Duel zeigte dies, indem ein Vorfall dreimal erzählt wird, zunächst aus der Perspektive zweier Männer, im Anschluss folgte die des Opfers. Menschliche Dinge geht in eine ähnliche Richtung. Erneut gibt es zwei sehr unterschiedliche Wahrnehmungen: Was für den Mann einvernehmlicher Sex war, ist für die Frau Vergewaltigung. Doch während die Hollywood-Variante recht eindeutig Stellung bezieht, welche der Wahrheiten die richtige ist, da bleibt das französische Drama bewusst ambivalent. Die Annäherung an die Nacht erfolgt auch nicht, indem wir mehrfach dieselben Szenen zu Gesicht bekommen, sondern im Rahmen der Gerichtsverhandlung. Dort treffen sie alle aufeinander, diskutieren, streiten. Zum Teil zweifeln sie aber auch, an der eigenen Wahrnehmung oder daran, ob sie einander kennen. Könnte der eigene Sohn ein Vergewaltiger sein? Und wenn ja, wie selbst damit umgehen?

Sehenswertes Gedankenkonstrukt

Das ist insbesondere bei der Mutter eine heikle Frage, wenn Seiten von ihr plötzlich im Widerspruch stehen: die Feministin und die Mutter. Jede ihrer Entscheidungen bedeutet hier gleichzeitig Verrat, Neutralität funktioniert nicht wirklich. Im Gegensatz dazu ist die Figur des Vaters sehr simpel. Er ist ein typischer Macho, der sich Frauen einfach nimmt, wenn er Lust darauf hat. Da liegt der Verdacht nahe, dass der junge Mann die frauenverachtende Weltsicht des Vaters einfach übernommen hat. An der Stelle ist Menschliche Dinge etwas unbefriedigend. Und auch nicht ganz plausibel: Wie konnte Claire überhaupt mit Jean zusammen sein, wenn die zwei so unterschiedlich sind? Das Drama, das bei den Filmfestspielen von Venedig 2021 Premiere feierte, bleibt an der Stelle stumm. Überhaupt ist die Figurenzeichnung nicht übermäßig nuanciert. Von den meisten erfährt man nichts, sie sind nur ein Mittel zum Zweck in dem Gedankenspiel.

Das hat dann vielleicht nicht die Emotionalität, die solche Filme haben können. Und doch ist das neueste Werk von Regisseur und Co-Autor Yvan Attal (Die brillante Mademoiselle Neïla, Der Hund bleibt) immer mal wieder ein Schlag in die Magengrube, wenn er einen durch toxische Männlichkeit und geldgeschwängerte Arroganz den Glauben an die Menschheit verlieren lässt. Zugleich will die Adaption des gleichnamigen Romans von Karine Tuil das Publikum zum Nachdenken anregen, da immer ein Rest Zweifel bleiben, bei beiden Versionen der Geschichte. Dabei geht es dann irgendwann gar nicht mehr nur um diesen einen konkreten Fall, auch wenn der natürlich der Mittelpunkt von allem ist. Vielmehr geht es allgemein um Geschlechterrollen, geht es um implizite und explizite Kommunikation, um Menschenbilder und die Frage, ob Prinzipien bedingungslos gelten oder doch letztendlich vom Kontext abhängig sind.

Credits

OT: „Les choses humaines“
IT: „The Accusation“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Yvan Attal
Drehbuch: Yaël Langmann, Yvan Attal
Vorlage: Karine Tuil
Musik: Mathieu Lamboley
Kamera: Rémy Chevrin
Besetzung: Charlotte Gainsbourg, Ben Attal, Mathieu Kassovitz, Pierre Arditi, Benjamin Lavernhe, Suzanne Jouannet, Audrey Dana, Judith Chemla

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2022 Bestes adaptiertes Drehbuch Yaël Langmann, Yvan Attal Nominiert

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Menschliche Dinge
fazit
„Menschliche Dinge“ erzählt von einem jungen Mann, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, und der Schwierigkeit, diesen Vorwurf wirklich zu beweisen. Die Romanadaption bleibt dabei bewusst ambivalent, zeigt wie unterschiedlich Wahrnehmungen ausfallen können. Das ist sehenswert und regt zum Nachdenken an, selbst wenn die Figuren größtenteils nicht sehr nuanciert gezeichnet sind.
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