Kritik

Der Hund bleibt

„Der Hund bleibt“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (DVD)

Gleich für seinen Debütroman wurde Henri (Yvan Attal) mit Preisen überschüttet, die Kritiker lagen ihm zu Füßen. Doch das liegt 25 Jahre zurück, aus dem vielversprechenden Jungautor ist ein Mann mittleren Alters geworden, der schon seit einer ganzen Weile nichts mehr auf die Reihe bekommen hat. Und auch in seiner Familie läuft es nicht so toll, Henri fühlt sich von seiner Frau Cécile (Charlotte Gainsbourg) und den Kindern Raphaël (Ben Attal), Pauline (Adèle Wismes), Noé (Pablo Venzal) und Gaspard (Panayotis Pascot) missverstanden. Da entdeckt er eines Tages in seinem Garten einen großen, hässlichen Hund, den er gegen den Willen seiner Familie bei sich aufnimmt und auf den Namen Stupide tauft …

Die Hässlichkeit der Krise
Bekannt wurde Yvan Attal ursprünglich als Schauspieler, seit einer ganzen Weile dreht er aber auch als Regisseur gerne immer mal wieder Filme. Dabei zeigt der Franzose oft eine Vorliebe für einen etwas bissigeren Humor, wie man zuletzt in seinen Komödien The Jews und Die brillante Mademoiselle Neïla sehen konnte, die sich mit den Themen Antisemitismus bzw. Rassismus beschäftigten. Solche gesellschaftlichen Aspekte sucht man in seinem neuesten Werk Der Hund bleibt jedoch vergeblich. Dieses Mal erzählt er eine durch und durch persönliche Geschichte, wenn wir einen Mann in der Midlife-Crisis kennenlernen, der nicht nur künstlerisch gescheitert ist, sondern auch privat alles andere als glücklich ist.

Dabei demonstrieren sowohl Attal selbst wie auch Charlotte Gainsbourg, die auch im wahren Leben mit ihm verheiratet ist, viel Mut zur Hässlichkeit. Der Einstieg zeigt Henri nicht etwa als tragische Gestalt, die an eigenen Träumen zerbrochen ist, sondern als einen wenig sympathischen Jammerlappen, der sich im eigenen Selbstmitleid badet und mit dem die eigenen Kinder nichts mehr zu tun haben wollen. Cécile wiederum neigt mehr zum Angriff, kaum eine Begegnung der beiden, bei denen nicht eifrig mit Giftpfeilen um sich geschossen wird. Da die Kinder wiederum wenig Interesse an Problemlösung haben, bedeutet das mehr als anderthalb Stunden am Tisch einer dysfunktionalen Familie zu sitzen, bei der man sich fragt, wie sie es überhaupt so lange miteinander ausgehalten hat.

Das Ende einer kaputten Familie
Grundlage für den Film liefert dabei eine Kurzgeschichte des Autors John Fante, der in den 1930ern mit dem Roman Ask the Dust bekannt wurde – auch damals schon schrieb er über einen Autor in der Krise, dessen Ehe in einer Hassliebe endet. Anders als das semibiografische Werk damals ist Der Hund bleibt jedoch eher weniger am Alltag interessiert und dem realistischen Porträt eines Milieus. Stattdessen gibt es grotesk eskalierende Situationen und Figuren, die derart schmerzhaft aufgedreht sind, dass sie eher Karikaturen als wirkliche Charaktere sind. Während man sonst bei Filmen über Familienkriege meist schon noch die Daumen drückt, dass sie alle die Kurve kriegen, ist das hier bereits komplett entgleist.

Daraus lässt sich nur bedingt etwas für die reale Welt ableiten. Am ehesten kommt dafür noch die Geschichte von Cécile in Frage, die selbst einmal schreibende Ambitionen verfolgte, diese aber zugunsten der Familie aufgab – und deshalb ebenso viel Frust in sich trägt wie ihr Mann. Das ist schon unterhaltsam, eben weil sich Attal und Gainsbourg nicht zurücknehmen. Und auch das Monstervieh ist für ein paar Lacher gut, selbst wenn die homophoben Sprüche ziemlich daneben sind. Für einen ganzen Film ist es aber irgendwie nicht so wirklich viel Stoff, eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt. Wären da nicht die Kinder, die nach und nach ausziehen, würde man keinen chronologischen Fortgang sehen. Der Hund bleibt erzählt nicht nur von einem Mann, der im Status Quo verfangen ist. Dem Film geht es nicht anders.

Credits

OT: „Mon chien stupide“
IT: „My Dog Stupid“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Yvan Attal
Drehbuch: Dean Craig, Yaël Langmann, Yvan Attal
Vorlage: John Fante
Musik: Brad Mehldau
Kamera: Rémy Chevrin
Besetzung: Yvan Attal, Charlotte Gainsbourg, Ben Attal, Adèle Wismes, Pablo Venzal, Panayotis Pascot

Bilder

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Der Hund bleibt
In „Der Hund bleibt“ nimmt ein Mann mittleren Alters in der Midlife-Crisis einen hässlichen, riesigen Hund bei sich auf, sehr zum Ärger seiner Familie. Das ist teilweise unterhaltsam, auch weil Yvan Attal und Charlotte Gainsbourg bei der Darstellung eines dysfunktionalen Paares keine Angst vor Hässlichkeit haben. Auf Dauer fehlt es aber irgendwie an einer Geschichte.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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