Inhalt / Kritik

The Last Duel

„The Last Duel“ // Deutschland-Start: 14. Oktober 2021 (Kino)

Einst waren Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) beste Freunde. Gemeinsam haben die Knappen Seite an Seite für den französischen König gekämpft. Doch seit einer Weile läuft es nicht mehr so recht zwischen den beiden. Während de Carrouges vor dem Ruin steht und sich von einem gefährlichen Feldzug in den nächsten stürzt, um das notwendige Geld zu erkämpfen, steht Le Gris in der Gunst des lokalen Fürsten Pierre d’Alençon (Ben Affleck). Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden, zumal de Carrouges einige schwere Demütigungen erfährt. Als seine Frau Marguerite (Jodie Comer) ihm nach einer seiner häufigen Reisen unter Tränen eröffnet, Le Gris habe sie vergewaltigt, steht für ihn fest, dass dieser in einem Duell auf Leben und Tod für dieses Unrecht bezahlen muss …

Die Frau als Mensch zweiter Klasse

Ein Historiendrama, um die Ungleichbehandlung und Unterdrückung von Frauen zu verdeutlichen? Das klingt jetzt erst einmal nicht sonderlich interessant, von ambitioniert ganz zu schweigen. Denn dass das früher noch einmal schlimmer war als heute, das ist Allgemeinwissen. Sonderlich große Erkenntnisse können da kaum dabei herausspringen. Und doch gelingt es The Last Duel tatsächlich, mit dem Blick auf gestern einiges über heute auszusagen. Denn hier geht es nicht einfach darum, dass Frauen wie Vieh behandelt werden. Das werden sie natürlich, viele Male sogar. Spannender ist, wie der Film mithilfe von wechselnden Perspektiven aufzeigt, dass die Wahrheit manchmal im Auge des Betrachters liegt. Was für den einen eindeutig ist, kann beim nächsten schon ganz anders aussehen.

Bis es so weit kommt, dauert es jedoch eine ganze Weile. Zwar findet das titelgebende Duell trotz einleitender Ankündigung erst am Ende des Films statt, quasi als Höhepunkt des Geschehens. Trotzdem lässt Regisseur Ridley Scott (Gladiator, Robin Hood) gleich zu Beginn die Waffen sprechen. Mit einer dreckigen Stürmung des Feindes geht es los. Auch später zeigt er uns immer mal wieder Ausschnitte aus einer Zeit, die von Kämpfen und Kriegen geprägt ist. Die eigentliche Spannung besteht bei The Last Duel jedoch weniger darin, ob nun Frankreich seine Feinde besiegt oder nicht. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Verhältnis der beiden männlichen Hauptfiguren de Carrouges und Le Gris, welches freundschaftlich beginnt und sich mit der Zeit immer weiter verschlechtert. Wer wird am Ende der Eskalation die Nase vorne haben? Oder zumindest noch am Leben sein?

Die drei Teile der Wahrheit

Und doch ist The Last Duel eben kein herkömmliches Historiendrama, welches von großen Männern und großen Schlachten erzählt, dazu noch der einen oder anderen Intrige. Vielmehr interessiert sich das Drehbuchtrio Nicole Holofcener, Ben Affleck und Matt Damon für die Frau, die bei den beiden Streithähnen zwischen die Fronten gerät. Zu diesem Zweck ist der Film in drei Teile geteilt. Dabei schildert jeder prinzipiell dieselben Ereignisse, nur eben nacheinander mal aus der Sicht von de Carrouges, dann Le Gris und schließlich Marguerite. Und wie das bei solchen Mehrperspektivenfilmen so ist – etwa Rashomon – verändert sich die Geschichte dabei von Mal zu Mal. Dabei sind es weniger die Handlungen an sich, die sich wandeln, sondern vielmehr die Einstellung der drei dazu.

Als Idee ist das interessant, die konkrete Umsetzung lässt jedoch ein bisschen zu wünschen übrig. Gerade die ersten beiden Teile sind über weite Strecken so identisch, dass daraus kein echter Mehrwert entsteht. Es führt nur dazu, dass der Film mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden deutliche Überlänge hat. Erst beim dritten Teil geht das mit der Erzählweise tatsächlich auf. An der Stelle schlägt The Last Duel auch den Bogen zur Gegenwart, wenn es nicht allein darum geht, einen Mann für dessen Vergehen zu bestrafen. Der verstörendste Aspekt des Werkes ist, dass es bei dem Vergewaltiger überhaupt kein Bewusstsein für seine Tat gibt. Er merkte nicht einmal, was er da tat. Da sind einige starke Szenen dabei, die einem nahe gehen, selbst wenn das Drehbuch dazu neigt, alles ein bisschen sehr explizit und ausführlich auszuformulieren. #MeToo für Dummies sozusagen.

Brachial-verstörendes Finale

Damit muss man sich abfinden können, ebenso mit der einen oder anderen etwas ungewöhnlichen Haarpracht. Zu sehen gibt es aber auch anderweitig genug, seien es die historischen Kulissen oder die aufwendige Ausstattung. Und dann ist da noch das Duell. Das Historiendrama, welches bei den Filmfestspielen von Venedig 2021 Premiere hatte, lässt die Geschichte noch einmal richtig wuchtig ausklingen, wenn der Kampf auf Leben und Tod auf brachiale Gewalt hinausläuft. Mit Kampfkunst hat das dann weniger zu tun, nach einigen mehr oder weniger gezielten Hieben wird nur noch wild umhergeschlagen. Doch das Ergebnis beeindruckt, selbst wenn es wie so manches bei The Last Duel irgendwie zwiespältig ist. Die Frage nach richtig und falsch darf gestellt werden. Eine Antwort hierauf sollte aber niemand erwarten.

Credits

OT: „The Last Duel“
Land: UK, USA
Jahr: 2021
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Nicole Holofcener, Ben Affleck, Matt Damon
Musik: Harry Gregson-Williams
Kamera: Dariusz Wolski
Besetzung: Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer, Ben Affleck, Harriet Walter, Nathaniel Parker, Alex Lawther

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4.4/5 - (7 votes)
The Last Duel
„The Last Duel“ erzählt von zwei Freunden im 14. Jahrhundert, die sich immer mehr entzweien, bis sie zu erbitterten Feinden werden. Der Film versucht dabei, durch Perspektivenwechsel aufzuzeigen, wie subjektiv Wahrheit sein kann. Das funktioniert aber nur zum Teil. Dafür gefällt der historische Beitrag zur #MeToo-Thematik durch seine Ausstattung und einen brachialen Endkampf.
7von 10
Leserwertung: (3 Votes)
6.3

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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