Warten auf Bojangles En attendant Bojangles
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Warten auf Bojangles

„Warten auf Bojangles“ // Deutschland-Start: 4. August 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Als sich Camille (Virginie Efira) und Georges (Romain Duris) bei einem Fest über den Weg laufen, fliegen sofort die Funken – sehr zum Leidwesen von Charles (Grégory Gadebois), der selbst ein Auge auf die Schöne geworfen hat. Nachdem die beiden für einen Eklat gesorgt haben, türmen sie gemeinsam und verbringen eine leidenschaftliche Nacht zusammen. Später werden sie nach einem etwas holprigen Start auch ein richtiges Paar, dessen Ehe von der Geburt des Sohns Gary (Solàn Machado-Graner) gekrönt wird. Ruhiger wird das Leben der zwei dadurch aber nicht. An Konventionen haben sie auch weiterhin kein Interesse. Während sie so tagein tagaus das Leben zelebrieren und rauschende Feste veranstalten, ziehen immer mehr Wolken auf. Immer wieder kommt es zu Konflikten – mit der Welt da draußen, aber auch miteinander …

Eine kleine Auszeit vom Alltag

Die letzten Jahre dürften für so ziemlich niemanden ganz einfach gewesen sein. Ob nun die Corona-Pandemie, diverse Umweltkatastrophen, gesellschaftliche Spaltungen oder der aktuelle Krieg in der Ukraine – da war schon sehr viel dabei, das den Wunsch weckt, einfach mal abschalten zu können. Kein Wunder also, wenn in den Kinocharts oft Titel dominieren, die einen den Alltag vergessen lassen und für ein bisschen Eskapismus sorgen. Warten auf Bojangles scheint zu Beginn der perfekte Film für das alles zu sein. So machen wir hier Urlaub in Südfrankreich in den 1950ern. Dürfen bei einer ausgelassenen Feier dabei sein, in der Menschen, die nur ein Leben in Luxus kennen, eine gute Zeit haben. Und auch der Humor trägt dazu bei, dass man hier eine Auszeit bekommt: Camille und Georges nehmen das mit der Realität nicht so genau, wechseln im Sekundentakt die Identität.

Auch später werden die Grenzen zwischen dem Echten und dem Eingebildeten durchlässig sein. Die Familie, inzwischen auf drei Menschen angewachsen, hat sich eine eigene Welt erschaffen, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Eine davon besagt, dass Regeln auch gern mal außer Kraft gesetzt werden können, solange es irgendwie Spaß macht. Und Spaß macht Warten auf Bojangles. Es macht Spaß zuzusehen, wie sich die drei, gelegentlich von Charles oder anderen Gästen unterstützt, Luftschlösser bauen. Das ist von einer derart mitreißenden Energie befeuert, dass man sich kaum dagegen wehren kann. Zudem haben Regisseur und Co-Autor Régis Roinsard (Mademoiselle Populaire) und sein Team diese täglichen Fantastereien in überwältigende Bilder gepackt, überlebensgroß und bunt, voll von kleinen Details, bei denen man gar nicht weiß, wohin man als nächstes schauen soll.

Zwischen Fantasie und Realität

Und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Olivier Bourdeaut, auf dessen 2016 veröffentlichtem gleichnamigen Roman Warten auf Bojangles basiert, erzählt in seiner Geschichte von zwei Menschen, die kein Interesse an der Realität haben und doch von dieser eingeholt werden. Wieder und wieder. Das kann in den unterschiedlichsten Kontexten geschehen. Mal gibt es Streit mit der Schule, zu der Gary geht. Dann will der extravagante Lebensstil der Familie bezahlt werden – auch wenn die Familie selbst das nicht will. Der anfangs humorvolle Ton macht zunehmend einem sorgevollen Platz, wenn klar wird, dass dieses Traumleben auf Dauer nicht fortgeführt werden kann. Werden die drei die notwendigen Kompromisse eingehen? Können sie das überhaupt?

Regelmäßig schwankt Warten auf Bojangles im weiteren Verlauf daher zwischen positiven und negativen Momenten, zwischen Hoffnungsschimmer und Verzweiflung. Der Film lässt auch offen, inwiefern die Fantastereien der Familie nun Vorbildfunktion haben oder nicht. Auf der einen Seite ist ihr Leben deutlich reicher als das der anderen. Sie erleben mehr und müssen dafür nicht einmal zwangsläufig ihre Wohnung verlassen. Sie schaffen es, im Miteinander selbst das Banalste zu einem Ereignis werden zu lassen, was eine unglaublich befreiende Kraft mit sich bringt. Nur fehlt eben der Ausgleich zwischen ihrer Welt und der da draußen. Sie müssen für diese Freiheit einen hohen Preis bezahlen, bei dem nie ganz klar ist, ob es das wert ist.

Verblüffend und irrlichternd

Diese Wechselspiele funktionieren auch wegen des Ensembles so gut. Virginie Efira (Bis an die Grenze) und Romain Duris (L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr) schaffen den Spagat zwischen den komischen und den bitteren Momenten. Sie finden Heiterkeit in der Finsternis und deuten zugleich das Finstere an, während die Sonne scheint. Warten auf Bojangles wird auf diese Weise zu einem Film, der verblüfft und zum Nachdenken anregt, ohne dabei die Antworten gleich mitzuliefern. Die irrlichternde Tragikomödie ist dabei auch das Porträt einer großen Liebe und was es bedeutet, für diese durch die Hölle gehen zu müssen. Diese starken Stimmungsschwankungen werden sicherlich nicht allen gefallen. Da dürfte es so manche im Publikum geben, die mit der Geschichte auch gar nichts anzufangen wissen. Doch wer sich darauf einlassen kann, auf diesen Wechsel von Höhenflügen und Abstürzen, gerade auch in psychologischer Hinsicht, der findet hier einen Film, der zwar vielleicht nicht den versprochenen Eskapismus liefert, aber einem doch stark in Erinnerung bleibt.

Credits

OT: „En attendant Bojangles“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2021
Regie: Régis Roinsard
Drehbuch: Romain Compingt, Régis Roinsard
Vorlage: Olivier Bourdeaut
Musik: Clare Manchon, Olivier Manchon
Kamera: Guillaume Schiffman
Besetzung: Virginie Efira, Romain Duris, Grégory Gadebois, Solàn Machado-Graner

Bilder

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Warten auf Bojangles
Fazit
„Warten auf Bojangles“ beginnt als gut gelauntes Fest und wird im Anschluss zu einem Werk, welches es dem Publikum nicht immer einfach macht. Mal mitreißende Wohlfühlfantasie, dann wieder bitteres Drama, zeigt der Film die Sonnen- wie Schattenseiten eines von der Realität entkoppelten Lebens.
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