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Die Kritikeranalyse #5: Filmstarts [Interview]

Willkommen zu fünften Ausgabe der Kritikeranalyse, heute mit Christoph Petersen, seines Zeichens Chefredakteur der größten deutschsprachigen Filmseite Filmstarts.de. Wer jedoch denkt, dass Filmstarts nur für Mainstream steht, der wird mit diesem Interview eines Besseren belehrt. Im Gespräch zeigt sich, dass sich hier pure Leidenschaft und Expertise trifft. Selbst bei den Filmempfehlungen stößt man so auf ziemlich spezielle Filme. Für einen waschechten Cineasten, der mehr als zehn mal pro Woche ins Kino geht (in manchen Jahren sogar mehr als zwanzig) und selbst im Urlaub die Lichtspielhäuser sein Zuhause nennt, ist dies aber wenig überraschend.

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Für Menschen, die dich nicht kennen: Was kann man konkret von deinen Filmkritiken erwarten und in welcher Hinsicht hebt sich Filmstarts von anderen Filmkritik-Kanälen ab?

Der größte Unterschied ist die Reichweite. Wir haben pro Tag mehr als eine halbe Million Leser – mehr Mainstream als Filmstarts geht also nicht. Außerdem haben wir ein größeres Team, in dem manche Autoren teilweise schon länger als zehn Jahre dabei sind. Da bringt jeder seine Eigenheiten mit, generell sind wir aber alle ziemlich Film-verrückt. Das merkt man auch an den Beiträgen, in denen wir sowohl über jede Marvel-Produktion als auch über außergewöhnliche Werke wie den 14-stündigen argentinischen Experimentalfilm La Flor schreiben. Filmstarts schlägt also eine gute Brücke, einerseits bringen wir die Reichweite mit, andererseits können sich die Autoren hier aber auch austoben und über ihre eigenen Filmentdeckungen schreiben.

Welche Menschen möchtest du am ehesten mit deinem Kanal ansprechen?

Alle. Wir sind schließlich keine Nischen- oder Nerdseite.

Was bedeuten Filme persönlich für dich und warum gerade dieses Medium und nicht beispielsweise Theater, Oper, Musik oder Literatur?

Wenn ich etwas mache, dann richtig. Seitdem ich nach Scream damals eine Woche nicht schlafen konnte, wurde meine Leidenschaft geweckt und ab da an ging es zwei-drei Mal pro Woche ins Kino. So hat alles angefangen. Es gab damals aber auch meine Theaterzeit, für drei Jahre und das fast jeden Abend. Irgendwann kam es einfach zu der Entscheidung, welches Medium man dann mehr verfolgt. Das Kino hat einfach gewonnen. Grundsätzlich bin aber auch der Meinung: Je mehr man sich mit etwas auskennt, desto mehr Freude hat man daran. Für andere Sachen wie beispielsweise Musik habe ich deswegen auch gar keine Zeit.

Gab es schon einmal eine Situation, in der du dich mit jemand über einen Film streiten musstest? Wenn ja, was genau ist dein Anspruch? Geht es dir – auch in deinen Kritiken – um den Dialog, um Aufklärung oder um etwas ganz anderes?

Privat bewege ich mich mittlerweile in einem Kreis, der unglaublich offen ist. Die Leute, mit denen ich in Berlin die meisten Filme gucke, lieben das Kino und auch alles am Kino. Wir tauschen uns da natürlich aus, warum mich jetzt ein Film begeistert oder nicht begeistert. Für die Leute ist das aber vollkommen okay, wenn es da mal konträre Meinungen gibt. Wir stimmen in einem Punkt aber auch überein: Es gibt keine richtige Antwort auf die Frage, ob ein Film gut oder schlecht ist. Da sind wir drüber hinweg. Im Familienkreis wiederum rede ich aber gar nicht über Filme.

In meinen Kritiken möchte ich unterhalten. So würde ich meine Kritiken auch selber bezeichnen: als locker flockig. Mitunter findet sich dann auch mal ein scharfer Spruch oder eine Formulierung, die den Leser ein wenig herausreißt. Ich schreibe einfach ungern akademische Kritiken. Stattdessen versuche ich meine Meinung sehr klar und locker wiederzugeben, sodass sich im besten Fall andere Menschen daran reiben können. Welche Herangehensweise ich aber auch ganz grundsätzlich als fragwürdig bezeichnen würde: Wenn jemand sagt, er verlässt sich auf meine Kritik und geht nicht ins Kino, nur weil ich den Film schlecht finde. Wenn stattdessen aber jemand sagt, dass man durch meine Kritiken auf Gedanken kommt, die man vorher noch nicht hatte, dann ist das ein viel schöneres Lob.

Was würde bei dir passieren, wenn jemand einen Film aufgrund einer gänzlich anderen Herangehensweise gut findet, währendem du diesen Film aus deiner Sicht als schrecklich empfindest? Und denkst du, dass beide Meinungen gleich viel wert sind?

Ich würde unterscheiden. Die unterschiedlichen Erfahrungen sind erst einmal gleich viel wert. Wenn jemand ins Kino geht und sich auf den Film einlässt, dann aber von einer immensen Langeweile geplagt wird, während es mich vor Lachen wegschmeißt, dann sind die Erfahrungen ebenbürtig. Bei Meinungen auf der anderen Seite gibt es Unterschiede, da Filmkritik grundsätzlich ein vergleichendes Unterfangen ist. Wenn du zum Beispiel als kleines Kind ins Kino gehst, dann ist jeder Film ein kleines Meisterwerk, weil du nicht weißt, was es noch alles gibt. Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass man von allem aus der Filmwelt etwas kennt und aus jedem Land möglichst mindestens zwanzig Filme gesehen hat. Vor dem Hintergrund sind bei mir Meinungen unterschiedlich viel wert, denn auch die Allgemeinbildung spielt da mit rein. Wenn jemand ein gewisses Vorwissen mitbringt und seine Meinung dann noch gut niederschreiben oder argumentativ unterbreiten kann, dann ist das sicherlich spannender und wertvoller.

Was genau muss ein herausragender Film bei dir mitbringen?

Vor eins-zwei Jahren war das bei mir noch anders. Damals hätte ich noch gesagt: Das Einzige was ein herausragender Film zwingend mitbringen muss ist, dass er mir nicht unter die Nase reibt, wie herausragend er ist. Das war noch die Phase, in der ich Christopher Nolan aus tiefstem Herzen verabscheut habe, weil diese Filme mir nur erzählen, wie geil sie sind. Mittlerweile denke ich da aber um. Diese Selbstbewusstheit oder fast schon arrogante Art dieser Filme hat schon etwas. Dune zählt da auch darunter, den ich aus jetziger Sicht schon als meisterlich bezeichnen würde. Mittlerweise gibt es da also nichts mehr, was ich an der Stelle noch nennen könnte. Was ich allerhöchstens sagen würde: Ein Film muss eine gewisse Freiheit mitbringen, was man nicht bei vielen Blockbustern, aber bei Nolan oder einem Denis Villeneuve sehr wohl erkennt. Hier merkt man wenigstens, dass unverfälscht eine Vision auf die Leinwand kommt, ohne dass man die ganzen Berechnungen dahinter sieht. Deswegen mag ich auch Filme, wo die Macher für wenig Geld in einem Hinterhof etwas drehen.

Welche Rolle spielen Gefühle bei der Filmrezeption bei dir? Und ist ein Film automatisch gut, wenn man bspw. Gänsehaut verspürt oder feuchte Augen bekommt?

Automatisch schon mal gar nicht. Ich schaue Filme aber auch nicht unbedingt intellektuell. Anders als andere, die Filme sehr akademisch schauen, bin ich das komplette Gegenteil. Beim Schauen stellt sich eher so ein Gefühl ein, ob er mir gefallen hat oder nicht. Erst beim Schreiben versuche ich dann die Gründe für meine subjektive Wahrnehmung herauszufinden. Und da spielen Gefühle schon eine große Rolle. Ich habe allerdings auch kein Problem damit, wenn ein Film in mir schlechte Gefühle auslöst. Das muss sich der Film aber auch erst einmal verdienen. Wenn mich ein Film nämlich wütend macht und ich am Ende merke, dass er dieses Gefühl mit total billigen Mitteln erreicht hat, dann hat er versagt. Davon gibt es aber auch echt genug, gerade wenn man einen total berechnenden Film sieht, der dazu noch oberflächlich und langweilig ist und wo man absolut gar nichts Gutes findet, egal wie sehr man sich anstrengt.

Wie würdest du die Wichtigkeit von Emotionalität, Storytelling, Ideologie (Was sagt ein Film über unsere Welt aus?), Inszenierung, Virtuosität, Ästhetik und weiteren Aspekten bei der Filmrezeption sortieren?

Ich kann auf ziemlich viel beim Film verzichten. Das sieht man besonders bei Filmen von David DeCoteau, mit denen ich mich gerade ausführlicher beschäftige und die er teilweise in seinem eigenen Wohnzimmer gedreht zu haben scheint. Die haben zwar mitunter ganz schlechte Dialoge, ich finde die aber trotzdem fantastisch. Sicherlich gibt es in der Hinsicht aber Dinge, die in meinen Kritiken über- oder unterrepräsentiert sind. Ich bin zum Beispiel ganz schlecht darin, Musik zu beschreiben. Ich weiß meistens zwar schon, warum ein Film hinsichtlich der musikalischen Untermauerung funktioniert hat, ich kann das aber nicht gut beschreiben. Das Storytelling ist in meinen Texten hingegen überbewertet. Aber da gibt es zum Glück andere Kritiker, die sich ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Wenn man auf die Entstehungsgeschichte eines Films schaut, angefangen bei der Idee, bis hin zur Umsetzung und dem fertigen Resultat, welche Faktoren spielen die größte Rolle, wenn man den Anspruch hat, ein filmisches Meisterwerk zu kreieren?

Den Anspruch zu haben ein Meisterwerk kreieren zu wollen, ist schon mal der größte Fehler, den man machen kann. Das ist aber auch generell etwas, mit dem ich null einverstanden bin: Wenn ein Meisterwerk mit Perfektionismus gleichgesetzt wird. Anders herum halte ich perfekte Filme nicht für Meisterwerke. Grundsätzlich sollte man da ein wenig von weg kommen, auch von der Vorstellung, ein Film oder Regisseur darf keine Fehler machen. Das steht doch auch nirgendwo, dass man keine Fehler machen darf. So etwas fängt aber auch vielleicht schon ganz vorn an, beispielsweise in Drehbuchschulen. Da erfährst du ja, dass jeder Satz eine Bedeutung haben soll. Ich mag Filme aber viel lieber, die zum Beispiel im ersten Drittel eine Wagenladung voller Maschinengewehre zeigen und die hinterher nie wieder vorkommt. Diese komplette Freiheit, auch gegen Konventionen, spricht mich viel mehr an.

Schaut man auf Hollywood, hat es den Anschein, dass in manchen Kreisen die Stimmen immer lauter werden und viele Fans mit den neuen Star Wars-Filmen oder selbst mit einem Fast & Furious 9 sehr unzufrieden sind. Bewegt sich Hollywood in Richtung eines Tiefpunkts oder denkst du es braucht solche Filme auch, sodass Regisseure daraus lernen?

Dass die Regisseure daraus lernen sollen, das ist mir schon als Konzept zu sehr von oben herab. Die Filme mögen Mist sein aber da weiß der Filmemacher dann trotzdem immer noch sehr viel mehr vom Filmemachen als alle anderen. Ich hatte mit Fast & Furious 9 sogar meinen Spaß. Die Stimmen, die da immer lauter werden, empören sich aber auch nur, weil die Übertreibung immer weiter geht. Diese Übertreibung kann man doch aber genauso auch mögen. Wann man in der Hinsicht sagt, Qualität habe etwas mit der Resonanz des Publikums zu tun, da würde ich entschieden widersprechen. Damals, als das New Hollywood-Kino angefangen hat, sind Leute mit den Mistgabeln aus den Kinos gezogen und haben damit gedroht, Häuser anzuzünden und trotzdem sind da viele Meisterwerke dabei. An den Stimmen würde ich also nichts festmachen, schon gar nicht in den sozialen Medien. Wenn wir aber einmal annehmen, dass da etwas dran wäre, so würde ich sogar das Gegenteil behaupten. Das heißt: Die durchschnittliche Trefferquote von Hollywood-Blockbustern ist heutzutage höher als jemals zuvor. Und das sieht man auch an den Einspielergebnissen. Die meisten Filme, die mehr als 100 Millionen an den Kinokassen einspielen, haben wahrscheinlich eine so hohe Rotten Tomatoes-Bewertung wie nie zuvor. Da gab es in der Geschichte ganz andere Zeiten, wo viele Blockbuster total zerrissen wurden. Heutzutage kommen die meisten Produktionen im Vergleich noch verdammt gut weg.

Wie vergleichst du die Filmrezeption, muss ein Film gleich bei der Erstsichtung direkt überzeugen oder würdest du doch eher sagen, dass man einen Film erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernt?

Ich gucke 99,9 Prozent der Filme nur ein Mal. Und selbst wenn ich mal einen Film ein zweites oder drittes Mal schaue – das ist aber sehr selten – da muss schon etwas sehr Merkwürdiges passieren. Ich stimme aber total zu, dass die Tagesform gefühlt 30 Prozent des Films ausmacht. Das macht also schon einen Unterschied, schon alleine in welcher Stimmung man ist. Es gibt aber auch viele Filme, die funktionieren nur beim ersten Mal, da erübrigt sich einfach eine Zweitsichtung. Das macht einen Film weder gut noch schlecht, es macht ihn einfach nur zu einem Film, den man nur einmal schauen sollte. Dagegen gibt es überhaupt nichts einzuwenden.

Womit kannst du dich in der Hinsicht eher anfreunden und warum: ein Film, den du nach der Erstsichtung grandios findest, der aber mit jeder weiteren Sichtung abnimmt, oder ein Film, der von Sichtung zu Sichtung immer weiter wächst?

Wenn dann eher das Erste, weil das Zweite bei mir nicht vorkommen wird. Ich kann mich aber mit allen Filmen anfreunden. Beim Thema Filmwiederholungen bin ich aber auch kein Filmwissenschaftler. In dem Bereich, wo man tief in die Analyse reingeht, muss man die Filme natürlich häufiger gucken. Aber das sind alles Sachen, die ich nicht mache.

Kritik ist und bleibt immer subjektiv. Man kann ja aber trotzdem den Anspruch haben, ein wenig Objektivität miteinfließen zu lassen. Sollte da eher eine goldene Mitte gefunden werden oder spielt Objektivität keine so große Rolle?

Ich wüsste gar nicht, wie man Objektivität in einer Kritik unterbringen soll. Nehmen wir mal das Beispiel Experimentalfilm, mit dem ich mich in den vergangenen Jahren immer stärker beschäftige. Da gibt es mitunter Sachen, da wurde das 35mm Material mit Säuren übergossen und das wird einem dann halt so vorgeführt. Aber wo soll man denn bei so etwas die Objektivität ansetzen? Da kannst du dann nicht mal mehr sagen, dass das objektiv gut ist, wenn das Filmmaterial heil ist. Selbst das ist schon subjektiv. Oder wenn man sagt, der Kameramann hat die Kamera richtig rum gehalten. Vielleicht wäre der Film spannender gewesen, hätte der Kameramann die Kamera die ganze Zeit auf den Kopf gestellt, wer weiß? Schaut man also gerade auf dieses Genre, merkt man erst einmal, dass man ganz grundsätzliche Sachen auch durchbrechen kann. Auch bei der generellen Struktur eines Filmes zum Beispiel: Anfang, Mitte und Ende. Auch diese Strukturen lassen sich durchbrechen. Oder ein Film muss logisch sein – nein. Ein Film muss gar nichts.

Bei den Kritiker*innen, die für mich schreiben, erwarte ich aber schon, dass sie offen in einen Film gehen. Wenn die Subjektivität dann zu weit reicht und Leute beispielsweise subjektiv Gewalt in jeglichem Filmen ablehnen, dann kann das zum Problem werden. Wenn dann nämlich jeder Film, in dem Schießereien vorkommen, zerrissen wird, dann ist das als Meinung auch völlig okay, das würde ich auf Filmstarts aber nicht zulassen. Statt Objektivität ist mir Offenheit da wesentlich wichtiger.

Wie sieht deine Meinung generell über andere Kritiker aus? Was genau zertifiziert jemanden zu einem guten Kritiker und gibt es da Kanäle, die du gern verfolgst?

Ein Kritiker oder eine Kritikerin muss schreiben oder seine Meinung gut in Worte fassen können. Daneben muss man eine interessante Meinung mitbringen und darf auf keinen Fall mit einer Art Liste mit Kriterien in einen Film gehen. Beim Film ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen Faktoren, also Musik, Schauspiel und den ganzen Künsten ja auch das Besondere. Vor dem Hintergrund werde ich einen Teufel tun, die in meiner Kritik wieder feinsäuberlich auseinander zu fummeln.

Persönlich lese ich aber auch gar nicht mehr so viele Kritiken. Da lese ich mehr Letterbox Kommentare, da mich dort die kurzen Beobachtungen der Leute mehr interessieren. Ansonsten bekomme ich eher Sachen zugeschickt, als dass ich systematisch Kritiken lese. Nehmen wir meine Lieblingskritik aus dem letzten Jahr als Beispiel. Die wurde auch beim Kracauer Preis als beste deutsche Kritik ausgezeichnet und ist von Dietmar Dath zu Terminator: Dark Fate. Die ist einfach super und die konnte er meiner Meinung nach aber auch nur so schreiben, weil er als Kritikerchef von der FAZ ein totaler Quereinsteiger ist. Er bringt deswegen eine Sicht auf das Kino mit, die nochmal eine ganz andere ist. Das wäre so gesehen auch ein echter Traum, dass Menschen einen normalen Beruf mitbringen und dann Kritiker*in werden. Einen Kritiker verfolge ich aber tatsächlich regelmäßig und auch schon jahrelang: Armond White. Der schreibt mittlerweile zwar nur noch absurde Beiträge, aber da kann ich nicht weg gucken. Die muss ich einfach lesen.

Je nach Publikumserfolg reden die meisten Menschen immer nur über die relevantesten Filme oder die, die gerade „in“ sind. Wie siehst du das an, ist das ein Problem? Und was fallen dir für grandiose Neuproduktionen ein, bei denen du vermutest, dass diese wahrscheinlich nur die allerwenigsten kennen?

Ich sehe das so: Wenn jemand in seinem Leben 10.000 Filme gesehen hat und da ist nicht nur Hollywood dabei, sondern Filme aus aller Welt, der ist einfach ein besserer Mensch. Das macht mit einem Menschen schon etwas, wenn man in jedem Paar Schuhe schon einmal selbst gesteckt hat und sei es nur für eineinhalb Stunden. Aber bezüglich einer grandiosen Neuproduktion: Das Mädchen und die Spinne. Der bekommt von mir 100/100 Punkten und ist in meinen Augen eine der besten Produktionen des neuen Jahrtausends. Da der aber nur grob 4000 Kinobesucher verzeichnen konnte, wird den kaum jemand kennen. Da geht es zwar nur darum, dass eine junge Frau aus ihrer alten Wohngemeinschaft auszieht und in ihrer neuen Wohnung einzieht. Die Elektrizität, die der Film dann aber versprüht, ist unfassbar. Ich konnte da kaum noch auf meinem Stuhl sitzenbleiben, so aufregend fand ich die kleinen surrealen Verschiebungen, die der Film in seine Beschreibung von etwas total Alltäglichem einbaut.

Nachdem ich letztens Be Natural über die mutige Filmpionierin Alice Guy-Blaché geschaut habe, interessiere ich mich für Filme, die ihrer Zeit voraus sind und sich etwas trauen. Im Gespräch mit der Regisseurin fiel hierbei der Film Promising Young Woman. Auf welchen Film warst du zuletzt froh oder stolz, dass man sich mal etwas Waghalsiges getraut hat?

Promising Young Woman ist zwar großartig, meiner Meinung nach aber null mutig. Der passt so perfekt in den aktuellen Zeitgeist und genau so etwas wollen die Leute ja sehen. Ein weiteres Gegenbeispiel: Adams Äpfel. Als ich mich nach dem Besuch einer Pressevorführung mit Leuten über den unterhalten habe, meinten durchweg alle, wie wunderbar politisch inkorrekt der doch sei. Für mich war das total unverständlich. Wenn ein Film politisch inkorrekt sein will, dann muss die Hälfte des Publikums mit einem total roten Kopf aus dem Kino kommen und auf den Boden kotzen. Wenn das nicht passiert, dann ist der Film eben nicht politisch inkorrekt, sondern hat euch genau das erzählt, was ihr hören wolltet – das genaue Gegenteil also von politisch inkorrekt. Die DAU-Filme würde ich aber als mutig bezeichnen. Das ist ein 15-teiliges Kunstprojekt, was in der Ukraine entstanden ist. Dafür wurde – total größenwahnsinnig – ein Forschungszentrum nachgebaut und das Leben in so einer Einrichtung über Monate hinweg rund um die Uhr nachgespielt. Nebenbei wurden mehr als 1000 Stunden gedreht und demnächst erscheint auch noch eine Serie. So ein gigantomanisches Projekt würde ich dann schon eher als mutig, provokant und politisch inkorrekt bezeichnen.

Für Leute, die schon mehrere tausend Filme gesehen haben und das Beste vom Besten kennen, was sind deiner Meinung nach gute Orientierungspunkte, um auf sehenswerte Filme zu stoßen?

Persönlich habe ich so einen Anspruch gar nicht. Ich sage ja auch, man sollte auch schlechte Filme schauen. Jeder Filmfreund muss einfach Offenheit mitbringen und sich mitunter auch einfach mal einen Regisseur aussuchen, von dem man dann die komplette Filmographie schaut. Ich mache das selbst, momentan eben etwa die Filme von David DeCoteau. Das sind zunächst Science-Fiction- oder Horror-Trashfilme aus den 80er-90ern, dann aber auch viele homoerotische Genrestreifen und schließlich sogar Familienfilme mit sprechenden Katzen und Ostereiersuchen, die dann auch gerne mal mehr als 20 Minuten dauern. Nach unseren gemeinsamen Videoabenden arbeitet einer meiner Mitschauer momentan sogar an einer DeCoteau-Retrospektive für das Filmmuseum Potsdam.

Die Leute, die sich wiederum nur an der IMDB Top 250 orientieren, denen entgehen sehr viele fantastische Filme. Den Kanon durchbrechen und eben nicht auf Nummer sicher gehen, indem man nur gute Filme schaut, so sollte man stattdessen rangehen. Bringt also einfach viel Zeit und Offenheit mit.

Was ist das Schlimmste im Kino für dich – Trashfilme, die nächste deutsche Durchschnittskomödie oder doch etwas ganz anderes? Und sind alle gleichermaßen schlimm oder wie differenzierst du in der Hinsicht?

Auch wenn es unterschiedliche Trefferquoten gibt, habe ich kein Genre, das ich nicht mag. Dasselbe bei Regisseuren und Regisseurinnen. Da gibt es zwar schon einige, die ich nicht abkann aber das kann sich natürlich auch immer ändern. Ich war zum Beispiel lange Zeit Gegner von Lars von Trier. Dessen Spätwerk finde ich aber teilweise super. Bei Christopher Nolan dasselbe. Und mit Uwe Boll gab es für kurze Zeit eine richtige Rivalität, als er mich im Radio sogar mal als Arschloch bezeichnet hat. Aber selbst von dem gibt es mindestens einen Film, den ich fantastisch finde. Ich gehe von daher in jeden Film offen rein und schaue einfach, was passiert.

Wie siehst du dich und Filmstarts in zehn Jahren?

Ich mag meinen Filmgeschmack heute viel lieber als vor zehn Jahren. Das wird so bestimmt auch weitergehen, eben weil sich diese pure Offenheit von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. Dadurch kommt immer mehr dazu, woran ich dann auch Freude habe. Das sollte nebenbei gesagt auch das Ziel eines jeden sein, mehr Freude ist doch schließlich immer gut.

Bei Filmstarts sind wir absolut flexibel, um uns die nächsten Jahre anpassen zu können. Dabei wird eine Sache immer gleich bleiben: der Anspruch, so viele Leute wie nur möglich ins Kino zu bekommen. Das einzige große Fragezeichen ist das Internet als Medium. Streaming hat da zwar kaum einen Einfluss auf Filmstarts, wie Google sich aber weiterentwickelt, das ist so ein Thema. Die wollen bald eigene Inhalte wie News und redaktionelle Inhalte anbieten und da wird die Frage dann sein, was wir bei Filmstarts machen müssen, um uns von dem weiterhin abzuheben.

Bei so vielen Durchschnittsfilmen, die jedes Jahr neu herauskommen, reicht das aus, um „am Ball zu bleiben“? Anders gefragt: wie wird sich die Beziehung zum Kino generell für deine Person ändern?

Nachdem die Kinos wieder aufhaben, merke ich, dass ich im Schnitt wieder zwei Mal pro Tag ins Kino gehe. Auf der anderen Seite werden aber natürlich auch ältere Filme geschaut, oft innerhalb von selbstgebastelten Retrospektiven. Da der Film aber auch meine Hauptbeschäftigung ist, wird sich im Konsum ziemlich sicher nichts ändern. So kann man einfach in alle Ecken der Welt reinschnuppern und schauen, was filmisch alles so möglich ist. Das mache ich übrigens auch im Urlaub. Wenn ich mal in der Welt herumreise, wird man mich dann doch nur in den Kinos finden.

Vielen Dank für deine Zeit und das tolle Gespräch!



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