Merci pour le chocolat Süßes Gift
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Süßes Gift

Inhalt / Kritik

Merci pour le chocolat Süßes Gift
„Süßes Gift“ // Deutschland-Start: 4. Januar 2001 (Kino) // 9. Januar 2008 (DVD)

Als die junge Pianistin Jeanne Pollet (Anna Mouglalis) eines Tages beiläufig erfährt, dass sie bei der Geburt kurz von einer Krankenschwester vertauscht wurde, wird sie hellhörig. Umso mehr, da der falsche Vater André Polonski (Jacques Dutronc) ist, die berühmte Piano-Koryphäe. Auch wenn sich der Irrtum seinerzeit schnell aufklärte, ist Jeanne fest entschlossen, den Musiker persönlich kennenzulernen. Der ist zunächst verblüfft, nimmt sie aber ebenso herzlich auf wie seine Frau Mika (Isabelle Huppert), die er kürzlich geheiratet hat und die einen Schokoladenkonzern geerbt hat. Weniger begeistert ist Andrés Sohn aus erster Ehe Guillaume (Rodolphe Pauly), der der Fremden misstrauisch gegenübersteht. Aber auch er kann nicht verhindern, dass sie bald Dauergast bei den Polonskis ist und eine eigenartige Entdeckung macht …

Das Rätsel des vertauschten Kindes

Das Motiv des bei Geburt vertauschten Kindes ist eines, das immer wieder mal in Dramen aufgegriffen wird. Das kann sehr interessant sein, siehe Hirokazu Koreedas Like Father, Like Son, das den Wechsel für eine fein beobachtete Studie verschiedener Lebensentwürfe nutzte. Oft ist es aber nur ein billiger Twist in seifenoperartigen Idiotien. Auch Süßes Gift spielt mit einer solchen Vertauschung, genauer der Möglichkeit, dass eine solche stattgefunden hat. Tatsächlich wird die eigentliche Geschichte des Films von dieser Anekdote aus dem Krankenhaus überhaupt erst losgetreten. Und auch wenn eigentlich gleich ausgeschlossen wird, dass es eine Vertauschung gegeben hat, ein paar Zweifel bleiben schon. Ist es nicht ein großer Zufall, dass André und Jeanne beide Piano spielen? Und sieht die junge Frau nicht irgendwie Lisbeth ähnlich, der verstorbenen Frau des Künstlers?

Das provoziert zwangsläufig die Frage, ob sie es denn ist oder nicht. Die große Überraschung bei Claude Chabrol Süßes Gift ist nicht, wie die Antwort ausfällt. Vielmehr ist es unerwartet, wie wenig sich der Film überhaupt dafür interessiert. Stattdessen ist die Adaption des 1948 veröffentlichen Romans The Chocolate Cobweb von Charlotte Armstrong in erster Linie das Porträt einer höchst ungewöhnlichen Figurenkonstellation. Denn da sind nicht nur der Pianist und die junge Frau, die nur zu gern seine Schülerin wird. Da ist vor allem auch Mika, die erste Frau des Künstlers, die nach dem Tod der zweiten Frau wieder den Bund mit der Ehe einging. Die ist ungemein freundlich, nimmt Jeanne sofort bei sich zu Hause auf. Und doch braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt. Dafür spricht bereits die Besetzung mit Isabelle Huppert (Elle), die es wie keine andere versteht, eine mysteriöse Sphinx zu spielen.

Zwischen allen Genres

Sie ist dann auch der unumstrittene Star des Films. Die französische Ausnahmeschauspielerin, die mehrere Male mit dem Regisseur zusammenarbeitete – unter anderem Madame Bovary (1991) und Biester (1995) –, brilliert als freundliche Spinne, die inmitten des Netzes auf ihre Opfer wartet. Was sie da treibt, fällt nicht wirklich unter Geheimnis und damit ins Spoiler-Territorium. Nicht einmal die Figuren selbst sind wirklich überrascht. Auch wenn Süßes Gift durchaus mit den Elementen des Genrefilms spielt, so ganz ist die Romanadaption dem nicht zuzuordnen. Tatsächlich findet man alle möglichen Angaben dazu, was das hier sein soll, von Drama bis Thriller, von Komödie bis Krimi ist da alles Mögliche dabei. Manche fühlen sich gar dazu hingerissen, das hier als Dekonstruktion eines Genrefilms anzusehen, wenn die eigentlichen Suspense-Mittel in die Leere führen.

Wenn ein Thriller nicht wirklich funktioniert, ist das meistens auf einen Filmschaffenden zurückzuführen, der entweder unerfahren oder untalentiert ist – vielleicht gar beides. Bei Claude Chabrol wird man beides kaum behaupten wollen. Schließlich steht der französische Regisseur wie kaum ein anderer für derartige cineastische Abgründe. Und auch in Süßes Gift zeigt er in jeder Einstellung, dass er sehr wohl weiß, was er da tut. Der eigenwillige Genremix ist Ausdruck eines selbstbewussten Stilbewusstseins, zeigt mit aufregend-verführerischen Bildern eine Familie, bei der irgendwie gar nichts stimmt und doch alles genau da ist, wo es hin soll. Das ist dann vielleicht nicht unbedingt für ein Publikum empfehlenswert, das nach großer Spannung sucht. Aber es ist ein faszinierendes Rätsel, das alles früh und vorab verrät und doch letztendlich die Antworten vorenthält.

Credits

OT: „Merci pour le chocolat“
Land: Frankreich, Schweiz
Jahr: 2000
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff
Vorlage: Charlotte Armstrong
Musik: Matthieu Chabrol
Kamera: Renato Berta
Besetzung: Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Anna Mouglalis, Rodolphe Pauly, Brigitte Catillon, Michel Robin

Trailer

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„Süßes Gift“ beginnt mit der Möglichkeit eines im Krankenhaus vertauschten Kindes und wird anschließend zum Porträt einer freundlichen und zugleich völlig kaputten Familie. Das Ergebnis ist ein eigenwilliger, sehr stilvoller Genremix, der frühzeitig alles verrät und doch keine wirklichen Antworten gibt.
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