
Marseille, 1990. Der 27-jährige Nour (Ayoub Gretaa) ist illegal aus Marokko gekommen und versucht, in der Hafenstadt irgendwie Fuß zu fassen. Sein Alltag ist ein Provisorium aus Gelegenheitsjobs, Kleinkriminalität und langen Nächten mit seiner migrantischen Clique, in denen Raï-Musik den Takt vorgibt. Alles ändert sich nach einer Polizeirazzia: Statt Nour abzuschieben, nimmt der charismatische, aber unberechenbare Polizist Serge (Grégoire Colin) den jungen Mann unter seine Fittiche. Er verschafft ihm eine Wohnung über einer Bar und Zugang zu einem stabileren Leben – doch diese Hilfe hat ihren Preis. Nour gerät in das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Serge und dessen Ehefrau Noémie (Anna Mouglalis). Während sie die homosexuellen Affären ihres Mannes in einer offenen Ehe lange stoisch hinnimmt, entwickelt sich zwischen den dreien eine fragile, von Begehren und Abhängigkeit geprägte Dynamik. Als bei Serge AIDS diagnostiziert wird, kommt jedoch alles anders.
Verschobene Perspektiven
Mit seinem zweiten Spielfilm legt Saïd Hamich Benlarbi ein Werk vor, das sich bewusst zwischen den Formen bewegt: Liebesgeschichte, Migrationsdrama und melancholisches Zeitporträt zugleich. Zwischen uns das Meer ist ein Film der Übergänge – geografisch, emotional und erzählerisch. Die in vier Kapitel gegliederte Struktur, von denen drei die Namen der Hauptfiguren tragen, verschiebt immer wieder die Perspektive und damit auch die Machtverhältnisse innerhalb dieses Dreiecks.
Zunächst wirkt Nours Leben wie ein einziger, leicht verkateter Sommer: Freunde, kleine Deals, viel Musik – ein prekäres, aber intensives Dasein im Ausnahmezustand. Doch das Idyll ist brüchig. Mit dem Zerfall der Clique kippt die kollektive Improvisation in radikale Vereinzelung. In diese Leerstelle tritt Serge, der Nour erst verhaftet und dann rettet – eine unwahrscheinliche Wendung, die der Film jedoch mit genug Ambivalenz auflädt, um sie glaubhaft zu machen. Serge ist weniger Retter als Machtfigur, deren Fürsorge immer auch Kontrolle bedeutet.
Nähe zum klassischen Melodram
Erst mit Noémies Perspektive gewinnt der Film eine neue emotionale Tiefe. Anna Mouglalis spielt sie mit kühler Präzision und unterschwelliger Verletzlichkeit. Lange bleibt sie Beobachterin ihrer eigenen Ehe, doch ihr Kapitel, das nach einer Tragödie einsetzt, verschiebt den Fokus: Ihre Emotionen rücken in den Vordergrund und verleihen dem Film eine unerwartete Nähe zum klassischen Melodram – allerdings ohne sich dessen Eindeutigkeiten zu unterwerfen.
Bemerkenswert ist, wie konsequent der Film seine intimen Beziehungen mit gesellschaftlichen Strukturen verschränkt. Migration ist hier kein Hintergrund, sondern permanenter Druck: fehlende Papiere, strukturelle Abhängigkeiten, die latente Gefahr des Verschwindens. Das Politische schreibt sich in jede Geste, jede Beziehung ein, ohne je didaktisch zu wirken.
Visuell setzt Kameramann Tom Harari auf warme, fast malerische Bilder, die Marseille als flirrenden Zwischenraum inszenieren: Hafenstadt, Versprechen, Sackgasse zugleich. Die Nächte glühen vor Musik und Nähe, während kühlere Töne in Momenten der Einsamkeit und Entwurzelung dominieren. Diese visuelle Spannung trägt wesentlich zur Atmosphäre des Films bei.
Romanhafte Erzählung
Zwischen uns das Meer interessiert sich weniger für dramatische Höhepunkte als für Zustände. Die Erzählung bleibt fließend, beinahe romanhaft; zehn Jahre vergehen, ohne dass sich ein klassischer Entwicklungsbogen aufdrängt. Stattdessen zeigt der Film ein langsames, oft schmerzhaftes Drift en – vom jugendlichen Aufbruch hin zu einer ernüchterten Form von Reife. Dass das trägt, liegt vor allem an Ayoub Gretaa. Er spielt Nour nicht als Opfer, sondern als Suchenden – impulsiv, verletzlich, widersprüchlich. Eine Figur, die sich nicht festlegen lässt und gerade darin glaubwürdig bleibt.
Ganz frei von Schwächen ist das nicht: Einige Wendungen tendieren ins Schicksalhafte und drohen, die sorgfältig aufgebaute Ambivalenz zu glätten. Doch selbst in diesen Momenten bewahrt sich der Film eine Offenheit, die ihn vor eindeutigen Lesarten schützt.
Am Ende ist das Meer im Titel weniger geografische Grenze als emotionaler Zustand – eine Distanz, die sich nicht einfach überbrücken lässt. Zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen dem, was möglich scheint, und dem, was bleibt.
OT: „La Mer au loin“
Land: Belgien, Frankreich, Marokko, Katar
Jahr: 2024
Regie: Saïd Hamich Benlarbi
Buch: Saïd Hamich Benlarbi
Musik: P.R2B
Kamera: Tom Harari
Besetzung: Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin, Omar Boulakirba, Rym Foglia, Sarah Henochsberg, Ali Mehdi Moulai
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