(OT: „Elle“, Regie: Paul Verhoeven, Frankreich/Belgien/Deutschland, 2016)

Elle DVD

„Elle“ ist seit 21. Juli 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Michèle (Isabelle Huppert) ist eine ebenso erfolgreiche wie skrupellose Geschäftsfrau, die gemeinsam mit Anna (Anne Consigny) eine Videospielfirma leitet. Schwäche zeigen kommt für sie nicht infrage, weder im Beruf noch im Privaten. Und so macht sie dann auch kein großes Aufheben davon, als ein maskierter Mann bei ihr einbricht und sie vergewaltigt. Zur Polizei will sie nicht, auch wegen eines Vorfalls aus ihrer Kindheit. Ihr Umfeld erfährt nur beiläufig davon. Und doch, ganz spurlos geht die Geschichte nicht an ihr vorbei: Sie beginnt, die Männer in ihrem Leben zu hinterfragen. Gleichzeitig wächst eine neue Begierde in ihr.

Wenn bei den Oscars nicht-englischsprachige Schauspieler nominiert werden, obendrein für einen nicht-englischsprachigen Film, dann kann man sich sicher sein, dass es sich bei Letzterem um etwas Besonderes halten muss. Gleich drei Französinnen wurde in den letzten zehn Jahren die Ehre zuteil, um die weltweit größte Darstellerauszeichnung zu wetteifern. Zunächst war es Marion Cotillard, die durch das Edith-Piaf-Biopic La Vie en Rose Weltruhm und den ersten Darsteller-Oscar für einen französischsprachigen Film erhielt. Dann war es die kürzlich verstorbene Grande Dame Emanuelle Riva, welche in dem harten Schlaganfallsdrama Liebe dem Publikum alles abverlangte. Und nun eben Isabelle Huppert, die weltweit für so ziemlich jeden Preis nominiert wurde, den Jurys vergeben können.

Wenn Figuren zum Hintergrund werden
Und das sicher zurecht. Die Französin hat in ihrer langen Laufbahn immer wieder bewiesen, dass sie zur Not einen Film ganz alleine tragen könnte. Bei Elle wird dann auch gar nicht der Versuch gestartet, ihr etwas in den Weg zu stellen. „Sie“ heißt der Film übersetzt, sie, Huppert, IST der Film. Andere Figuren gibt es natürlich, eine Menge sogar. Da wäre ihr Ex-Mann Richard (Charles Berling) und der tendenziell unfähige Sohn Vincent (Jonas Bloquet). Da wäre ihre Mutter Irène (Judith Magre), zu der sie nicht das beste Verhältnis hat. Da wäre ihre Geschäftspartnerin Anna sowie deren Mann Robert (Christian Berkel), zu dem sie im Gegensatz ein sehr inniges Verhältnis hat. Da wäre ihr gutaussehender Nachbar Patrick (Laurent Lafitte), mit dem sie gern ein Verhältnis hätte, und Rebecca (Virginie Efira), die streng gläubige Frau des Bankers. Da wären die Angestellten der Videospielfirma, die kein Problem damit hätten, wenn Michèle einem bösen Monster zum Opfer fallen würde – so wie in einem ihrer Spiele. Aber sie alle werden zu einem reinen Hintergrund für eine Frau, die niemanden neben sich gestattet.

Immer tiefer tauchen wir so in den Kosmos von Michèle ein, lernen sie und ihr Umfeld kennen und fürchten. Denn eines ist klar: Regisseur Paul Verhoeven (Basic Instinct, Starship Troopers), der sich nach einer längeren Durststrecke wieder auf der Weltbühne zurückmeldet, hat hier einen Film abgeliefert, so kalt und abgründig, wie man ihn nur selten erlebt. Massenmorde, Vergewaltigung, Ehebruch, untergeschobene Kinder – die Bandbreite an Abscheulichkeiten ist groß. Mit nahezu jeder Figur, die hier auftaucht, wird der menschlichen Hölle eine weitere Nuance hinzugefügt. Glaubwürdig ist das in dieser geballten Form natürlich nicht, soll es aber auch gar nicht sein. In Elle verschwimmen Fantasie und Realität, welche der beiden Hälften dabei die hässlichere ist, das ist kaum zu beantworten.

Gut und Böse? Gibt es nicht
Doch am erschreckendsten ist nicht das Kaleidoskop des Grauens, sondern wie Michèle damit umgeht. So pragmatisch und eiskalt sie sich im Geschäftsleben durchschlägt, so begegnet sie allem, was ihr geschieht. Ein bisschen erinnert das an Alles was kommt, wo Huppert kürzlich schon einmal eine Frau spielte, die mit fast stoischer Ruhe Schicksalsschlägen annimmt. Der Unterschied: Michèle ist keine Sympathieträgerin. Anders als in herkömmlichen Rape-and-Revenge-Thrillern will man dieser eiskalten, selbst zu Grausamkeiten neigenden Protagonistin nicht unbedingt applaudieren, wenn sie ihren Peiniger sucht. Vielmehr fragt man sich irgendwann, welches das wohl größte Monster in dem Film ist, wen man in Elle überhaupt noch mögen soll.

Das ist mindestens fordernd, wenn nicht gar eine Zumutung, was Verhoeven aus dem Roman „Oh…“ von Philippe Djian (Liebe ist das perfekte Verbrechen) gemacht hat. Schwierig ist zudem, dass Elle keine wirklich durchgängige Geschichte erzählt. Der Subplot um Michèles mörderischen Vater etwa mischt sich immer wieder ins Geschehen ein, hält sich dann aber doch wieder raus. Die Suche nach dem Vergewaltiger bleibt bruchstückhaft, ist sehr viel weniger wichtig, als man meinen sollte. Trotz der angesprochen großartigen Huppert, die sich hier selbst ein filmisches Denkmal gesetzt hat: Elle ist nicht für die Massen zu gebrauchen, verstört durch plötzliche Themenwechsel, völlig kaputte Figuren, die in Gewalt(-fantasien) ihr Heil suchen, aber auch durch eine kaum zu schließende Genreschublade. Ist es ein Thriller? Ein Drama? Gar eine Satire auf Frauenfeindlichkeit? Am Ende bleiben viele Fragen offen, auch solche, die man eigentlich nie stellen wollte. Und es bleibt die Faszination für einen Film, der sich wie kaum einer einen Dreck darum schert, was das Publikum erwartet und erhofft.

Elle
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Elle
Böse, abgründig, rücksichtslos, eiskalt – „Elle“ ist kein Film für die Massen. Wer sich darauf einlässt, wie hier Genregrenzen, Erwartungen und Gesetze der Handlung missachtet werden, der erlebt ein Thrillerdrama, das tatsächlich seinesgleichen sucht, fasziniert und dabei verstört. Kein Film, den man mögen muss. Aber doch einer, den man auch der grandiosen Isabelle Huppert wegen gesehen haben sollte.
9von 10

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