Inhalt / Kritik

Hannes

„Hannes“ // Deutschland-Start: 25. November 2021 (Kino)

Seit ihrer Kindheit schon sind Moritz (Leonard Scheicher) und Hannes (Johannes Nussbaum) engste Freunde, haben alles miteinander geteilt. Auch ihre Leidenschaft zum Motorradfahren haben die zwei gemeinsam, eine Rundreise durch Südamerika ist bereits fest geplant. Doch dann kommt der Tag, der alles verändert: Bei einem gemeinsamen Ausflug verletzt sich Hannes schwer und liegt im Anschluss im Koma. Die Chancen, aus diesem wieder zu erwachen, stehen schlecht. Moritz ist aber nicht dazu bereit, seinen besten Freund einfach so aufzugeben, und leistet ihm so oft es geht Gesellschaft – trotz des Widerstandes von Hannes’ Familie, die Moritz die Schuld für den Unfall geben. Wenn er nicht gerade im Krankenhaus ist, arbeitet er in einem Heim für psychisch Kranke. Eigentlich war dies die Stelle von Hannes, doch Moritz ist fest entschlossen, diese solange auszufüllen, bis sein Freund wieder erwacht …

Eine Erfolgsautorin auf Abwegen

Rita Falk dürfte den meisten vor allem für ihre Krimikomödien rund um den Provinzpolizisten Franz Eberhofer ein Begriff sein, mit denen sie zuerst in Buchform Erfolge feierte, bis die Verfilmungen zur Überraschung aller ein Millionenpublikum erreichten. Selbst der aktuelle Teil Kaiserschmarrndrama hat diese Marke geknackt, trotz der wenig förderlichen Corona-Pandemie, die große Kinohits mindestens erschwert. Umso größer ist die Neugierde, wie sich Hannes schlagen wird. Auch dieser Film basiert auf einem Roman der Autorin, genauer dem gleichnamigen Werk aus dem Jahr 2012. Mit den bekannten Titeln der Schriftstellerin hat dieses aber nicht so wahnsinnig viel zu tun. Nicht nur, dass es keinen inhaltlichen Bezug zu der Reihe gibt – nur eins von zwei Büchern Falks, auf die das zutrifft. Es geht auch in eine vollkommen andere Richtung.

Wo die Autorin sich sonst in erster Linie mit dem ländlichen Leben und der dortigen Bevölkerung auseinandersetzt, da erzählt Hannes vorrangig von einer großen Freundschaft. Dass die Titelfigur und Moritz ein ganz besonderes Verhältnis haben, das wird schon in den ersten Minuten klargemacht. Später dürfen wir noch mehr darüber erfahren, wie dieses genau aussieht und wie es zustande kam. Während die Haupthandlung die Versuche von Moritz beschreibt, für seinen komatösen Freund da zu sein und dabei gleichzeitig sein eigenes Leben wieder in Ordnung zu bringen, springt der Film regelmäßig zurück in die Vergangenheit. Immer wieder wird das Geschehen durch Erinnerungen unterbrochen, welche die zwei in Schlüsselmomenten zeigen.

Wohin soll die Reise gehen?

Eine solche fragmentarische Erzählweise hat natürlich ihre Berechtigung, wenn es darum geht, Hintergrundinformationen zu liefern und die Gegenwart zu erklären. Besonders beliebt ist das deshalb in Mysterythrillern, bei denen es darum geht, nach und nach Puzzleteile zu sammeln und zu seinem Gesamtbild zusammenzusetzen. Bei einem Drama ist eine derartige Struktur weniger naheliegend. Und zumindest Hannes zeigt, dass das auch nicht zwangsläufig zielführend ist. Dann und wann ist da zwar schon mal eine Szene dabei, welche der Freundschaft zu ein bisschen mehr Fundament verhilft. Oft sind diese Flashbacks aber ohne rechten Zusammenhang oder größere Relevanz. Da drängt sich doch der Eindruck auf, dass einfach der Hauptgeschichte nicht zugetraut wurde, einen ganzen Film zu füllen, und diese Rückblicke davon ablenken sollen.

Tatsächlich ist Hannes auf gewisse Weise nichtssagend. Das liegt jedoch nicht an einem Mangel an Themen. Die gibt es, sogar in großen Mengen. Das Hauptthema ist natürlich das der Freundschaft, die hier zu einer Mischung aus Inspiration, Halt und Co-Abhängigkeit wird. Damit verbunden werden jedoch zahlreiche andere Fragen. Da geht es beispielsweise um Selbstfindung, wenn Moritz wie in einem typischen Coming-of-Age-Film herausfinden muss, wer er ist. Hinzu kommt die zwangsläufige Beschäftigung mit Tod und Krankheit, durch die Arbeit in dem Heim werden auch psychische Erkrankungen angesprochen. Selbst für Probleme innerhalb der Familie und Liebesprobleme wird noch ein wenig Platz eingeräumt. Was einem eben alles so passieren kann.

Plakativ und plump

Das ist schon ein bisschen viel für einen einzigen Film, umso mehr wenn dieser wie Hannes gerade mal rund 90 Minuten lang ist. Das führt dazu, dass viele Themen nicht wirklich vertieft werden, es nicht einmal für einen Denkanstoß reicht. Stattdessen wird es plakativ, wenn das Drama zwischenzeitlich zur Seifenoper verkommt. Besonders schlimm ist in dem Zusammenhang, auf welch plumpe Weise der Film zu manipulieren versucht. Allein die extrem aufdringliche Musik, die um jeden Preis große Gefühle erzeugen will, dabei aber in erster Linie nervt, ist schon Grund genug, vorzeitig den Kinosaal zu verlassen. Zum Ende hin wird es auch ziemlich kitschig. Das ist schade, nicht nur wegen der durchaus wichtigen Themen, die einen besseren Film verdient hätten. Vor allem das Ensemble hätte einen besseren Film verdient, allen voran Leonard Scheicher (Es war einmal Indianerland) und Johannes Nussbaum (Steirertod), denen man ihre Freundschaft wirklich abkauft und die für die zu seltenen sehenswerten Momente verantwortlich sind.

Credits

OT: „Hannes“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Dominikus Steinbichler
Vorlage: Rita Falk
Musik: Arne Schumann, Josef Bach
Kamera: Christian Marohl
Besetzung: Leonard Scheicher, Johannes Nussbaum, Lisa Vicari, Heiner Lauterbach, Hannelore Elsner, Jeanette Hain, Gabriela Maria Schmeide, Verena Altenberger

Bilder

Trailer

Interview

Was bedeutet für sie Freundschaft? Und was haben sie aus dem Film für sich mitgenommen? Diese und weitere Fragen haben wir den Hauptdarstellern Leonard Scheicher und Johannes Nussbaum in unserem Interview zu Hannes gestellt.

Johannes Nussbaum / Leonard Scheicher [Interview]

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Hannes
„Hannes“ will die Geschichte einer großen Freundschaft sein, wenn sich ein junger Mann um seinen im Koma liegenden Kindheitsfreund kümmern muss. Stattdessen wird hier alles Mögliche zusammengeworfen und auch durch die schrecklich aufdringliche Musik erschlagen. Trotz eines engagierten Duos bleibt so ein Drama übrig, das ganz viel macht, aber wenig zu sagen hat.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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