In Ein Junge namens Weihnacht nach dem gleichnamigen Roman erzählt Gil Kenan die Geschichte eines Jungen, der zusammen mit einer kleinen Maus eine große Reise unternimmt, um seinen Vater und ein legendäres Wichteldorf zu finden. Anlässlich des Kinostarts des fantasievollen Familienabenteuers am 18. November 2021 unterhalten wir uns mit dem Regisseur und Co-Autor über die Herausforderungen bei der Adaption und seine Beziehung zu Weihnachten.

 

Mit Ein Junge namens Weihnacht erzählst du eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Was hat dich daran gereizt, diesen Film zu drehen?

Ich habe ein recht seltsames Verhältnis zu Weihnachten, worüber ich bislang nie wirklich gesprochen habe. Geboren wurde ich in London. Aber schon sehr jung, ich war damals drei Jahre alt, bin ich mit meinen Eltern in ihr Heimatland Israel gezogen. Ich hatte bei dieser Reise nicht viel dabei bis auf das Konzept, dass ich am Weihnachtsmorgen ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekomme. Ich war also ein Kind, das in Israel aufwächst und davon überzeugt ist, dass ein Teil seiner Identität darin besteht, dass der Weihnachtsmann an Heiligabend durch ganz Europa reist, um allen Kindern Geschenke zu bringen, und am Ende nur meinetwegen noch einmal nach Israel kommt. An diesem geheimen Gedanken habe ich festgehalten. Als mir das Buch zugeschickt wurde, wusste niemand von meiner Geschichte. Aber es hat gleich in mir viele Themen wachgerufen, die es vorher immer wieder in meinen Filmen gab: Heimat und wie sich diese auf die eigene Identität auswirkt. Und das gibt es auch in Ein Junge namens Weihnacht. Ich spürte einfach, dass ich aus der Geschichte etwas machen konnte, das wirklich emotional berührt.

Du kanntest den Roman vorher also nicht?

Nein. Aber als er mir Ende 2017 zugeschickt wurde, war er auch noch nicht so alt. Er war erst 2015 veröffentlicht worden.

Und was waren die Herausforderungen dabei, den Roman zu adaptieren?

Eine der größten Herausforderungen war etwas, das mein Co-Autor Ol Parker löste: die Rahmenhandlung. Durch diese Geschichte konnten wir das Märchen, das im Mittelpunkt von Ein Junge namens Weihnacht steht, für ein heutiges Publikum relevant machen. Ol war auf die Idee gekommen, noch bevor ich zum Projekt hinzukam. Die größte Herausforderung bei der Adaption selbst war, immer den richtigen Ton zu treffen. Der Film sollte lustig sein, aber auch bewegend und abenteuerlich. Trotzdem sollte er aus einem Guss sein. Wir mussten es also schaffen, das alles zusammenzubringen.

Bislang hast du bei Filmen immer nur Regie geführt. Jetzt starten mit Ein Junge namens Weihnacht und Ghostbusters: Legacy gleich zwei Filme am selben Tag, an deren Drehbüchern du beteiligt warst. Wie war das für dich, jetzt auch zu schreiben?

Tatsächlich habe ich schon früher geschrieben, sogar bevor ich angefangen habe, Regie zu führen. Meine ersten Jobs in Hollywood waren als Drehbuchautor, noch bevor ich mit der Universität fertig war. Aber es stimmt, dass das die ersten zwei Filme sind, bei denen ich auch offiziell in den Credits genannt werde. Während ich das Glück hatte, bei mehreren Filmen Regie zu führen, die in die Kinos kamen, waren meine Erfolge als Autor überschaubar. Ich habe mehrere Bücher für mich selbst geschrieben, die bislang aber noch nicht umgesetzt wurden. Dass jetzt gleich zwei Filme parallel starten und ich durch Europa toure, um sie zu promoten, das ist schon etwas seltsam, aber natürlich auch wundervoll.

Du hast eben gemeint, dass Weihnachten ein wichtiger Teil deiner Kindheit war. Mit welchen Weihnachtsfilmen bist du aufgewachsen?

Ich bin mit Fröhliche Weihnachten von Bob Clark aufgewachsen, ein amerikanischer Klassiker. The Nightmare Before Christmas war auch eine große Inspiration, als er rauskam, weil das für mich eine so komplette Welt war. Den habe ich als Teenager gesehen und war absolut überwältigt. Das sind die beiden großen Weihnachtsfilme für mich. Sie schaffen es beide auf ihre Weise, einen ganz eigenen Blick auf einen Feiertag zu werfen, den wir oft für selbstverständlich nehmen. Die meisten Weihnachtsfilme sind absolut austauschbar und zeigen immer dasselbe, wieder und wieder.

EIN JUNGE NAMENS WEIHNACHT

Am Set von Ein Junge namens Weihnacht: Regisseur Gil Kenan und Schauspielerin Maggie Smith (Copyright: Studiocanal GmbH / Jonathan Olley)

Wenn es so viele austauschbare Weihnachtsfilme gibt: Was ist das Geheimnis eines guten Weihnachtsfilms?

Ich glaube, dass es da zwei Antworten gibt. Aus Sicht des Publikums ist ein Weihnachtsfilm gut, wenn er in dir ein Gefühl, eine Stimmung oder eine Erinnerung wachruft, die in irgendeiner Form von Bedeutung ist. Wenn die Leute vom Geist der Weihnacht sprechen, dann meinen sie damit, dass ein ganz besonderer Moment entsteht, der dir etwas gibt. Aus Sicht eines Geschichtenerzählers würde ich sagen, dass du für einen guten Weihnachtsfilm einen eigenen Blickwinkel brauchst. Du musst irgendetwas zu sagen haben, das neu ist. Ansonsten kannst du dir das auch sparen. Dafür gibt es einfach schon zu viele Weihnachtsfilme.

Und was ist neu an Ein Junge namens Weihnacht? Was können wir von dem Film lernen?

Das ist eine wundervolle Frage, bei der ich wahrscheinlich Stunden bräuchte, um sie zu beantworten. Matt Haig greift in seinem Buch auf, dass Weihnachten oft eine Möglichkeit für uns ist, die kälteste und dunkelste Jahreszeit mit hellen Lichtern zu durchbrechen und etwas zu schaffen, auf das wir uns freuen können. Haig gelingt es sehr schön, diese Spannung aus dem Dunkeln und dem Hellen zu zeigen, die wir überall finden, auch in uns Menschen. Und ich hoffe, dass es uns gelungen ist, das auch in unserem Film einzufangen.

Nachdem beide Filme jetzt draußen sind, wie geht es bei dir weiter? Welche Projekte stehen an?

Ich habe ein weiteres Drehbuch mit Jason Reitman geschrieben, über das wir im Moment aber noch nicht reden. Dann entwickle ich ein paar Filme mit den Produzenten von Ein Junge namens Weihnacht. Einer davon wird die Fortsetzung sein, weil Matt viele wundervolle Bücher in der Reihe geschrieben hat. Und wir hoffen, dass wir diese auch erzählen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Gil Kenan wurde am 16. Oktober 1976 in London, England geboren. Er studierte Film an der University of California, Los Angeles und machte seinen Abschluss im Bereich Animation. Sein Spielfilmdebüt als Regisseur gab er 2006 mit dem für einen Oscar nominierten Animationsfilm Monster House. Später drehte er unter anderem das Steampunk-Abenteuer City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit (2008) und das Horrorremake Poltergeist (2015).



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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