Kritik

City of Ember

„City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit“ // Deutschland-Start: 26. März 2010 (DVD/Blu-ray)

Das Ende der Welt ist nahe, dessen waren sich die Menschen bewusst. Und so beschlossen sie, die Erdoberfläche zu verlassen und tief im Inneren eine Stadt zu bauen. Dort wollten sie zweihundert Jahre warten, bevor sie wieder zurück nach oben gehen. Doch das Wissen um den Plan ist verlorengegangen, ebenso die Anweisungen, welche zurückgelassen wurden. Schlimmer noch: Die inzwischen von Cole (Bill Murray) regierte Stadt ist längst im Verfall begriffen. Immer wieder fällt der Generator aus, die Nahrung wird knapp, keiner weiß, wie lange ein Leben überhaupt noch möglich sein wird. Da stoßen der junge Doon (Harry Treadaway), der wie sein Vater ein Bastler ist, und die Botin Lina (Saoirse Ronan), selbst Nachkommin eines Bürgermeisters, auf eine geheimnisvolle Kiste, welche die Antwort auf all ihre Sorgen sein könnte …

Dass das Leben auf der Erde über kurz oder lang nicht mehr so sein wird, wie wir es kennen, das haben uns Filme schon seit Jahrzehnten gepredigt. Meist hat der Raubbau der Menschen die Natur zerstört, manchmal ist es auch eine unabhängige Katastrophe, welche die Oberfläche zu einem unwirtlichen Ort macht. Da bleibt den Überlebenden nur die Möglichkeit, sich mit dem Wenigen abzugeben, was zu starken Verteilungskämpfen und damit einer entsprechenden Endzeitstimmung einhergeht – siehe Mad Max und Konsorten. In anderen Fällen suchen die Menschen das Heil in der Flucht zu den Sternen, wo sie ein neues Zuhause suchen können, in dem die Menschheit eine zweite Chance erhält.

Das Ende der Suche
Jeanne DuPrau übernahm in ihrer Jugendroman-Reihe The Books of Ember das Motiv der Flucht, wählte jedoch das Erdinnere als neues Refugium. City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit basiert auf dem ersten der insgesamt vier Bücher und beginnt in eben diesem Refugium. Dort ist die Erinnerung an die Welt da draußen längst verblasst, mehr noch, eine Erkundung außerhalb der sicheren Stadt ist streng verboten. Was einst nur als vorübergehender Schutzraum gedacht war, ist längst zu einem Gefängnis aus Gewohnheiten und Pflichten geworden. Der Film beginnt mit einem Ritual, das nach dem Zufallsprinzip jungen Menschen einen Beruf zuordnet. Qualifikationen und Interessen spielen in der Zukunft keine Rolle mehr, es geht lediglich darum, Aufgaben zu erfüllen, die erfüllt werden müssen.

Die Szene ist relativ kurz, das Motiv der zugeordneten Arbeit wird später auch nur teilweise wieder aufgegriffen. Aber es steht stellvertretend für eine Gesellschaft, in der Selbsterfüllung unmöglich ist, für eine Stadt, die so sehr mit dem Überleben beschäftigt war, dass Hinterfragen und Entdecken zu fremden Konzepten wurden und damit indirekt zum eigenen Untergang beiträgt. Die Stadt ist dann auch so etwas wie der Star von City of Ember. Die verschlungenen Gassen, die auch anderthalb Stunden später keinerlei Orientierung zulassen, die vielen geheimen Winkel und Tunnel, dazu die schönen Steampunk-Anleihen: Es macht einfach Spaß zuzusehen, wie Doon und Lina umherirren, nach Anhaltspunkten, Antworten und Ausgängen suchen, an Wolllabyrinthen, verrottenden Rohren und Türen vorbei, bei denen man nie genau weiß, ob sie nun die Vorder- oder die Rückseite waren.

Zu wenig Zeit für die vielen Stärken
Wobei das prominente Ensemble durchaus stark auftritt. Saoirse Ronan hat sich seither zu einer der begehrtesten Jungschauspielerinnen entwickelt, war unlängst für Little Women mal wieder für einen Oscar nominiert. Harry Treadaway ist eher für Serienauftritte bekannt, etwa in Penny Dreadful, überzeugt hier als junger, verträumter Abenteurer klassischer Schule. Und Bill Murray (Ghostbusters – Die Geisterjäger) ist ohnehin in seinem Element, wenn er den zynisch-verlogenen Bürgermeister gibt, der vom Rest der Stadt hohen, selbstlosen Einsatz einfordert und die Großartigkeit von Ember besingen lässt, sich aber nur für sich selbst interessiert. Eine gut gelaunte Verkörperung des korrupten Staatsapparates.

Leider bleiben den Ensemble aber nur wenig Gelegenheiten, wirklich etwas aus sich hervorzuholen, so wie es City of Ember insgesamt sehr eilig hat. Das mag vielleicht auch der etwas jüngeren Zielgruppe geschuldet sein, die mehr Wert auf ein hohes Tempo als auf Tiefgang legt. Vieles von dem, was hier geschieht oder angedeutet wird, hätte noch ausgebaut werden können. Rund 90 Minuten, das ist für ein solches Abenteuer doch recht wenig, man hat kaum ein Gespür für die Stadt und das Leben unter der Erde entwickelt, da heißt es schon wieder Abschied nehmen. Und auch die nicht wirklich würdevoll gealterten CGI-Elemente beim hektischen Finale tragen dazu bei, dass die Qualität des wunderbaren Anfangs nicht bis zum Schluss beibehalten werden. Doch trotz der Mängel, der Film hätte seinerzeit aufgrund des atmosphärischen Settings und der philosophischen Elemente ein besseres Schicksal verdient, hätte auch eine Fortsetzung verdient, welche die Reise ins Unbekannte fortsetzt und den Menschen die Entdeckerfreude zurückgibt, welche in den Tiefen der Erde verloren gegangen war.

Credits

OT: „City of Ember“
Land: USA
Jahr: 2008
Regie: Gil Kenan
Drehbuch: Caroline Thompson
Vorlage: Jeanne DuPrau
Musik: Andrew Lockington
Kamera: Xavier Pérez Grobet
Besetzung: Saoirse Ronan, Harry Treadaway, Bill Murray, Tim Robbins, Martin Landau, Toby Jones

Bilder

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City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit
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City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit
„City of Ember – Flucht aus der Dunkelheit“ erzählt von einer Stadt tief im Inneren der Erde und zwei jungen Menschen, welche eine Außenwelt suchen. Das Setting ist sehr atmosphärisch, außerdem gefällt das Abenteuer durch eine tolle Besetzung und philosophische Elemente. Es bleibt nur zu wenig Zeit, das auch auszuführen, der Film hat es zu eilig, um die eigenen Stärken auch mal auszukosten.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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