Inhalt / Kritik

Furia

„Furia“ // Deutschland-Start: 7. November 2021 (ZDF)

Eigentlich wollte Asgeir (Pål Sverre Hagen) mit seiner Tochter Michelle (Isabella Beatrice Lunda) ein neues Leben beginnen, als er sich zur kleinen Dorfpolizei in einer abgelegenen Gegend Norwegens versetzen ließ. Endlich einmal zur Ruhe kommen. Stattdessen platzt er in ein rechtsradikale Terrorzelle, bei der Ole (Preben Hodneland), aber auch der Deutsche Brehme (Ulrich Noethen) eine große Rolle spielen. Und auch Ragna (Ine Marie Wilmann), die sich auf hetzerische Parolen im Internet spezialisiert hat, ist Teil dieser Zelle. Sie tut zumindest so. In Wahrheit handelt es sich bei ihr jedoch um eine Undercover-Agentin des norwegischen Geheimdienstes, die schon seit Längerem die Gruppe infiltriert hat und ihre Tarnung durch Asgeir bedroht sieht. Zeitgleich hat Kathi (Nina Kunzendorf), Abteilungsleiterin für öffentliche Sicherheit beim Innenministerium, alle Hände voll zu tun. Die Bundestagswahl steht bevor und es drohen neue Terroranschläge …

Ein Netz aus Geheimnissen

Trifft eine Undercover-Agentin einen untergetauchten Polizisten, der auf der Flucht vor russischen Verbrechern ist: Das ist nicht unbedingt die typischste Konstellation, die man in einem Thriller zu sehen bekommt. Wenn dann auch noch beide traumatische Verluste erfahren mussten – sie verlor ihre Schwester, er seine Partnerin, beide durch Gewalt –, weiß man endgültig, dass man hier besser keine sonderlich alltägliche Geschichte erwarten sollte. Und das ist nur der Anfang, Furia baut im Laufe von vier spielfilmlangen Folgen ein beachtliches Netz auf, in dem irgendwie jeder mit jedem zusammenhängt. Ein Netz, dessen genaue Konstruktion man zunächst aber nicht erkennen kann, auch weil nahezu alle relevanten Figuren irgendwelche Geheimnisse mit sich herumschleppen und sich nicht als das zu erkennen geben wollen, was sie sind.

Dass die Ereignisse in Furia zuweilen etwas verwirrend sind, liegt aber auch daran, dass es sich hier um eine norwegisch-deutsche Coproduktion handelt. Das bedeutet nicht nur, dass die ZDF-Serie zur Hälfte in den jeweiligen Ländern spielen muss, weshalb der Schauplatz zur Mitte der Staffel von der norwegischen Einöde nach Berlin wechselt. Es müssen auch Schauspieler und Schauspielerinnen beider Länder irgendwie untergebracht werden. Sieht es am Anfang noch danach aus, dass Ine Marie Wilmann und Pål Sverre Hagen, die man unter anderem aus der Serie Exit kennt, im Mittelpunkt des Geschehens stehen, weitet sich die Geschichte immer mehr aus. Die Zahl der Figuren steigt, gerade für deutsche Augen kommen mehr und mehr bekannte Gesichter dazu, bei denen man gar nicht weiß, wer da eigentlich wohin gehört.

Die Gefahr lauert überall

Damit einher geht auch eine Geschichte, die immer größer wird. Es geht dann eben nicht nur um ein paar Hinterwäldler-Idioten in Norwegen, die bei einem Asylantenheim zündeln. Da geht es um das ganz Große: Europa soll verändert werden! Und das heißt, wie so oft bei solchen rechten Kreisen, dass wir zurück in die Vergangenheit dürfen. In eine Zeit, in der alles, das anders ist, auch gefälligst anderswo ist. Furia nimmt die realen Tendenzen eines zunehmend isolationistischen Rechtsextremismus mit einer übernationalen Verbindung und baut diese aus. Fremdenfeindlichkeit gibt es schließlich in ganz Europa. Warum sich beim Kampf gegen den gemeinsamen Feind also nicht verbünden? Je Suis Karl zeigte vor einigen Wochen diese moderne Form der kollektiven und gewaltsamen Abschottung. Die Serie zieht das noch einmal größer auf.

Das ist durchaus spannend. Von Anfang an kommt es zu brenzligen Szenen: Asgeir und Ragna haben ein Talent dafür, ständig in gefährliche Situationen zu geraten. Diese Momente sind auch von dem Regieduo Magnus Martens und Lars Kraume (Der Staat gegen Fritz Bauer) gut in Szene gesetzt. Bei Furia dürfen Actionszenen auch schon mal etwas brachialer sein, ohne dass durch eine Unzahl an Schnitten Rasanz vorgetäuscht werden muss. Nervenkitzel entsteht aber auch dadurch, dass die Serie gerade noch realistisch genug ist, dass man die Geschichte im Prinzip glauben kann. Gerade Verweise auf tatsächliche Ereignisse – Anschläge in Deutschland und der von Utøya – sorgen für ungute Gefühle. Ein bisschen weniger größenwahnsinnig hätte es bei der Weiterspinnung aber auch getan. Die Gefahren identitärer Bewegungen wird hier schon etwas unreal groß. Dennoch, die Serie ist sehenswert, hält die Balance aus Hinterzimmerintrige und Action, während gegen eine Bedrohung gekämpft wird, die von Minute zu Minute größer wird.

Credits

OT: „Furia“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Magnus Martens, Lars Kraume
Drehbuch: Gjermund Stenberg Eriksen, Nikolaj Frobenius, Hege Ulstein, Henner Schulte-Holtey, Embla Veier Bugge
Idee: Gjermund Stenberg Eriksen
Musik: Christof M. Kaiser, Julia Maas
Kamera: Nick Remy Matthews
Besetzung: Ine Marie Wilmann, Nina Kunzendorf, Pål Sverre Hagen, Preben Hodneland, Cecilie Mosli, Ulrich Noethen, Johann von Bülow, Anja Schneider, Benjamin Sadler, Christian Berkel, Isabella Beatrice Lunda

Bilder

Trailer

Interview

Was hat sie an ihrer Arbeit in Furia gereizt? Und wie lässt sich mit rechten Terroristen umgehen? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Ine Marie Wilmann in unserem Interview zu Furia gestellt.

Ine Marie Wilmann [Interview]

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Furia – Staffel 1
Ein Polizist will untertauchen, trifft dabei auf eine Undercover-Agentin und erfährt von rechten europäischen Terrornetzwerken, die große Anschläge vorbereiten: Bei „Furia“ mag man es schon ein bisschen größer aufgezogen. Das ist zum Teil schon ein bisschen übertrieben, insgesamt aber spannend. Die deutsch-norwegische Coproduktion nimmt reale Ereignisse und Entwicklungen und macht daraus eine sehenswerte Mischung aus Hinterzimmerintrige und Action.
7von 10
Leserwertung: (79 Votes)
3.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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