Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer DVD
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ // Deutschland-Start: 1. Oktober 2015 (Kino) // 11. März 2016 (DVD/Blu-ray)

Der Zweite Weltkrieg liegt bereits mehr als zehn Jahre zurück, und damit auch das Ende der Schreckensherrschaft der Nazis. Während Deutschland langsam wieder zur Tagesordnung übergeht, kämpft Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Burghart Klaußner) noch immer dafür, die damaligen Verbrechen aufzuklären und die Täter vor Gericht zu stellen. Als er erfährt, dass der frühere SS-Obersturmbannführer und Strippenzieher Adolf Eichmann in Argentinien gefunden worden sein soll, keimt in ihm die Hoffnung auf, auf diese Weise noch weitere Schuldige zu finden. Doch immer wieder werden ihm und seinem jungen Untergebenen Karl Angermann (Ronald Zehrfeld) dabei Steine in den Weg gelegt.

Wann ist es an der Zeit, das Geschichtsbuch zuzuklappen und die Vergangenheit zu vergessen? Gibt es für Verbrechen eine moralische Verjährungsfrist? Diese Gedanken schwirren einem schon einmal durch den Kopf, wenn dann und wann Menschen vor Gericht gestellt werden, die in irgendeiner Form am Holocaust beteiligt waren. Kleine Rädchen, die vor über 70 Jahren einmal Teil einer bestialischen Maschine waren. Denn an der Stelle beißt sich die grundsätzliche Überzeugung, dass etwas Derartiges niemals zu den Akten gelegt werden darf, mit dem Anblick der kläglichen Greise, denen ohnehin nicht mehr viel Zeit bleibt.

Jetzt lass doch mal gut sein!
In den 1950ern war die Situation natürlich noch eine andere. Auch damals schon waren Menschen sehr interessiert daran, die Suche und Verurteilung von NS-Verbrechern einzustellen. Damals aber aus dem gegenteiligen Grund: Die Geschichte war zu nah. Zu nah für die vielen, die teilnahmslos und sprachlos zusahen, wie in einem der dunkelsten Kapitel der menschlichen Zivilisation Opfer systematisch vernichtet wurden. Zu nah vor allem aber auch für diejenigen, die nicht ganz unschuldig waren und lieber in Ruhe ihr Nachkriegsleben fortsetzen wollten. Selbst in den oberen Positionen.

Wenn Regisseur und Co-Autor Lars Kraume (Das schweigende Klassenzimmer, Terror – Ihr Urteil) in Der Staat gegen Fritz Bauer erzählt, wie der gleichnamige hessische Generalstaatsanwalt seine Jagd unbeirrt fortsetzt, dann ist das eben nicht nur das Porträt eines Einzelkämpfers. Es ist auch das Porträt eines Landes, das sich schwer damit tat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Zum Teil sollte das Bauer später gelingen, in den bedeutenden Ausschwitzprozessen. Der Film endet jedoch davor, rückt eben nicht die Erfolge des deutschen Juristen in den Vordergrund, sondern die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren. Zwar trat er nicht gegen den kompletten Staat an, wie der etwas reißerische Titel es andeutet. Aber es waren doch erschreckend viele, die seine Arbeit bewusst behindert haben.

Ein aufrechter Kauz
Der Staat gegen Fritz Bauer macht dies an dem Beispiel Adolf Eichmann fest. Als einer der Architekten des Holocausts war der von so großer Bedeutung, dass der israelische Geheimdienst ihn aus Argentinien entführte, um ihm daheim den Prozess machen zu können. Die spektakuläre, heikle Entführung Eichmanns war schon des Öfteren Thema von Filmen, etwa in Operation Finale. Kraume interessiert sich jedoch weniger für den Fall als solchen, sondern stattdessen, wie er in die Arbeit von Bauer hineinpasst. Letzterer wird auf eine sympathisch-schrullige Weise von Burghart Klaußner verkörpert, so skurril, dass er manchmal wie eine Karikatur wirkt. Aber das tut ganz gut im Rahmen des allgegenwärtigen Miefs, der Film erstickt einen manchmal mit seiner kammerspielartigen Betulichkeit.

Während das alles noch gut zum Thema passt, dass Verbrecher gern mal in hinteren Aktenschränken versteckt werden, ist der Handlungsstrang zum Thema Homosexualität nicht ganz so glücklich integriert. Da es bis heute offen ist, ob Bauer nun homosexuell war oder nicht – entsprechende Behauptungen wurden nie bewiesen –, darf stellvertretend der hinzugedichtete Angermann ran. Auch das trägt ein bisschen zum Zeitkolorit bei, wenn Homosexualität damals noch unter Strafe stand und hier zum Erpressungsmittel wird. Zur Frage nach der Aufarbeitung hat dies jedoch wenig beizutragen, so als hätte Kraume die Befürchtung gehabt, die Geschichte wäre nicht genug fürs Publikum. Das ist ein bisschen schade, weil die eigentlich spannenden Überlegungen damit in den Hintergrund rücken und der Film hier dicker aufträgt, als nötig gewesen wäre.



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„Der Staat gegen Fritz Bauer“ erinnert daran, wie in den 1950ern der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Altnazis jagte und dabei von vielen behindert wurde – auch aus Angst. Das ist trotz der betulichen Inszenierung recht spannend, wird durch den hinzugefügten Handlungsstrang um die Situation von Homosexuellen damals aber unnötig aufgebauscht.
7
von 10