Furia
Ine Marie Wilmann als Undercover-Agentin Ragna in der Thrillerserie "Furia" (© ZDF/Nick Remy Matthews/Boris Laewen/Jens Harant)

Ine Marie Wilmann [Interview]

In Furia spielt Ine Marie Wilmann eine Undercover-Agentin, die eine rechte Terrorzelle infiltriert und dort versuchen muss, einen verheerenden Anschlag zu verhindern. Zum Start der Thrillerserie am 7. November 2021 im ZDF unterhalten wir uns mit der norwegischen Schauspielerin über die Arbeit an der Serie, heutige rechtsextreme und den Reiz von Agentengeschichten.

In deiner neuen Serien bekommst du es mit skrupellosen, rechtsextremen Terroristen zu tun. Was hat dich an Furia gereizt?

Mich hat gereizt, wie unsere Serie spannende Unterhaltung mit mehr Tiefe bietet. Zumindest hoffe ich, dass uns das gelungen ist. Die Leute sollen bei uns mit einem Eimer Popcorn vor dem Fernseher sitzen können und Spaß an den vielen Wendungen haben. Gleichzeitig soll unsere Geschichte zum Nachdenken anregen. Und auch zum Diskutieren darüber, welchen Anteil Rassismus in unserer Gesellschaft hat und wie unsere Gesellschaft aussehen soll.

Die Terrorzelle redet viel davon, dass es in der Gesellschaft einen Kulturkrieg gibt. Gibt es den deiner Meinung nach wirklich oder wird das nur von denen so behauptet?

Ich denke, dass dieser Kulturkrieg zu einem großen Teil schon konstruiert ist. Ich habe viel von Julia Ebner gelesen, die sowohl bei Rechtsextremen wie auch Islamisten undercover unterwegs und später darüber berichtet hat. Das Erschreckende ist: Obwohl dieser Kulturkrieg konstruiert wurde, funktioniert er. Die Idee dieses Krieges wird auch unter dem Rest der Bevölkerung gestreut und fasst da Fuß. Obwohl die Idee also erfunden ist, wird sie dadurch zur Realität. Das war schon eine erschreckende Welt, die ich durch meine Recherchen kennengelernt habe. Genauso war es erschreckend festzustellen, dass parallel zu unserem Dreh in der Welt da draußen Sachen vorgefallen sind, die unserer Serie schon sehr nahekamen. An dem Tag, an dem wir den Dialog gedreht haben, in dem es heißt, dass Multikulturalismus nicht funktioniert, wurde der Lehrer in Frankreich geköpft. Dieselbe Unterhaltung, die wir in „Furia“ geführt haben, war dann auch außerhalb zu hören.

Wenn dieser Kulturkrieg konstruiert wird, dann aber schon mit dem Ziel, dass der Krieg auch wirklich zustande kommt. Weshalb wollen diese Leute diesen Krieg?

Das ist ein ganz komplexes Thema, weil die verschiedensten Motivationen zusammenkommen. Manche machen das, weil sie sich davon etwas versprechen, zum Beispiel politische Macht. Aber ich denke, dass da bei manchen auch viel Angst dahinter steckt. Die Menschen mögen einfache, klare Geschichten, bei denen man weiß, wer gut und wer böse ist. Mit solchen Schwarzweiß-Geschichten kommen wir leichter zurecht. Wenn die Lüge einfacher zu verarbeiten ist als die Wahrheit, dann ziehen manche die Lüge vor. Auch wenn wir wissen, dass etwas Fake News ist, wollen wir sie trotzdem glauben, da die Alternative uns Angst macht. Manchmal kommt noch hinzu, dass diese Radikalisierung eine Möglichkeit darstellt, Teil einer Gemeinschaft zu werden, gerade für Leute, die irgendwie Außenseiter sind. Und das wollen wir alle, irgendwohin gehören.

Wie können wir als Gesellschaft auf eine solche Entwicklung reagieren?

Da gibt es keine einfache Antwort. Aber ich denke zumindest, dass Politiker und andere Menschen in Machtpositionen sich ihrer Verantwortung bewusst sein müssen. Aber das müssen wir alle. Wir alle tragen eine Verantwortung dafür, wie sich diese Gesellschaft weiterentwickelt. Wir müssen uns unserer eigenen Position bewusst sein, der Privilegien, die wir haben. Und wir müssen Mitgefühl haben für die anderen. Ich halte mich da an das Gedicht, welches Amanda Gorman beim Amtsantritt von Joe Biden vorgetragen hat: „For there is always light, if only we’re brave enough to see it. If only we’re brave enough to be it.“ Das ist für mich eine sehr schöne Umschreibung, wie wir mit der Welt umgehen können.

Furia
Die unsichtbare Gefahr: In „Furia“ ist die rechte Terrorzelle von außen nicht als solche zu erkennen (© ZDF/Nick Remy Matthews/Boris Laewen/Jens Harant)

In Furia ist es so, dass man den meisten der rechtsextremen Figuren, die terroristische Anschläge planen, gar nicht ansieht, dass sie so sind. Sie sehen ganz normal aus, ganz anders als das Bild, das wir von Nazis haben. Erst nach und nach sieht das Publikum, was da los ist. Wie lässt sich in einer Gesellschaft leben, in der jeder ein Terrorist sein könnte?

Das ist heute wirklich komplexer geworden. Früher, bei der alten Rechten, da wusstest du, woran du bist. Du konntest sie leichter kategorisieren, konntest sie als Verlierer abstempeln, die es zu nichts gebracht haben. Die neue Rechte ist ganz anders, die ist mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Dadurch erhalten sie eine ganz andere Form der Legitimität, vor allem wenn sie durch die Politik vertreten werden. Wenn auf einmal einer von ihnen im Weißen Haus sitzt. Dieses Unsichtbare macht sie dabei so gefährlich. Es handelt sich um keine Gruppe, die draußen groß rummarschiert. Sie treffen sich nur online, ohne dass es jemand mitbekommt. Bis sie plötzlich zuschlagen wie in Christchurch oder Utøya. So etwas kannst du nur schwer verhindern. Umso wichtiger ist, durch Gespräche das Bewusstsein zu schaffen für diese Probleme und für Rassismus.

Du hast gerade den Anschlag auf Utøya erwähnt. Zehn Jahre ist es inzwischen her, dass auf der norwegischen Insel ein Rechtsextremist mehrere Dutzend Jugendliche getötet hat. In Furia nehmt ihr mehrfach auf diesen Anschlag Bezug. Wie hat er das Bewusstsein für diese Problematik in Norwegen beeinflusst?

2021 war das wegen des Jahrestags natürlich ein ganz großes Thema in Norwegen. Wir können heute offener und differenzierter über dieses Thema sprechen als damals. Die sozialdemokratische Partei, die das Sommercamp organisierte, wolle die Anschläge lang nicht thematisieren, aus Furcht, man könnte ihnen das zum Vorwurf machen. Dass sie sich selbst als Opfer inszenieren und Kapital aus dem Unglück schlagen wollen. Da gab es schon Fortschritte. Gleichzeitig muss man sagen, dass wir nicht so viel weiter gekommen sind bei unserem Umgang mit dem Thema. Die Ideen, die der Mann damals hatte, die sind heute so lebendig wie damals. Von manchen wird er im Internet sogar als Held gefeiert. Deswegen war es für uns auch so wichtig, uns mit diesen Gedanken in unserer Serie auseinanderzusetzen und auf unterhaltsame Weise Diskussionen zu ermöglichen. Denn wir müssen darüber sprechen. Wir müssen miteinander sprechen. Wir müssen auch mit unseren Kindern sprechen, die zu jung waren, um Utøya selbst bewusst miterlebt zu haben, und ihnen klarmachen, wie es so weit kommen konnte.

Ein Teil dieses Unterhaltungsfaktors geht darauf zurück, dass Furia in der Traditionen von Geheimagenten-Geschichten steht. Die Welt hat sich in den letzten Jahren zwar sehr gewandelt, solche Geschichten erfreuen sich aber noch immer großer Beliebtheit. Was denkst du, macht den Reiz solcher Geschichten aus?

Als Schauspielerin ist es auf jeden Fall reizvoll, eine solche Figur zu spielen. Da gibt es so viele Geheimnisse. So viel, was sie irgendwie gleichzeitig jonglieren muss, und dabei nicht auffallen darf. Für das Publikum wiederum besteht der Reiz auch in der Spannung, ob ihre Tarnung auffliegt und sie gefangen wird. Beim Publikum kommt noch hinzu, dass es immer einen kleinen Wissensvorsprung hat, was ein schönes Gefühl hat. Gleichzeitig weiß es nicht alles und versteht nicht alles, was da vor sich geht, will es aber wissen. Diese Mischung aus beidem macht glaube ich einen großen Teil des Spaßes aus.

Und wie geht es in Zukunft bei dir weiter? Welche Projekte sind geplant?

Ich drehe gerade für Netflix den Film Troll. Das ist ein sehr nordischer Film, aber im Stil von Hollywood-Blockbustern. Nach „Furia“ ist das schon die zweite stärker auf Action ausgelegte Rolle von mir. Irgendwie scheint das gerade meine Richtung zu werden. Aber es macht Spaß.

Vielen Dank für das Gespräch!



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