Kritik

Exit Staffel 1

„Exit“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (DVD)

Sie sind befreundet, sie sind jung – und schwer reich. Mit verschiedenen Unternehmungen sind Adam Veile (Simon J. Berger), William Bergvik (Pål Sverre Hagen), Henrik Kranz (Tobias Santelmann) und Jeppe Schøitt (Jon Øigarden) zu einem Vermögen gekommen, sie genießen ein Leben im Luxus. Frei von Sorgen sind sie deshalb nicht. So ist die Situation zwischen Adam und seiner Frau Hermine (Agnes Kittelsen) angespannt, weil sie bereits 37 ist und ihr Kinderwunsch immer größer wird – ohne zu ahnen, dass er sich vor Jahren bereits hat sterilisieren lassen. William wiederum hat mit finanziellen Problemen zu kämpfen, von denen niemand etwas wissen darf. Und auch bei den beiden anderen läuft es nicht immer rund, der ungezügelte Alltag zwischen Geld, Drogen und Sex fordert immer wieder seinen Tribut …

Geld macht nicht glücklich, heißt es immer wieder, da braucht es schon noch mehr. Was aber wenn es dieses mehr nicht gibt? Die Serie Exit zeigt vier Männer, die in ihren 30ern irgendwie schon alles erreicht haben, was sie erreichen können, die dennoch nach immer mehr streben. Mehr Geld. Mehr Drogen. Mehr Sex. Die Vergleiche zu The Wolf of Wall Street liegen da auf der Hand, wenn hier wie dort junge Männer gezeigt werden, die zu Reichtum kommen und sich in bizarre Exzesse hineinsteigern, weil es ihnen an inneren und äußeren Kontrollmechanismen mangelt. Tatsächlich wird die TV-Produktion hier gerne auch mal als norwegische Antwort auf Martin Scorseses Erfolgsfilm gehandelt. Doch der Vergleich funktioniert nur zum Teil.

Ein Haufen Unsympathen
Zum einen gibt es bei den Protagonisten einen bedeutenden Unterschied. Wo in Hollywood noch Figuren agierten, die irgendwo sympathisch waren und eher wie Jungs wirkten, die über die Stränge schlagen, da kann hier keine Rede davon sein. Im Gegenteil: Øystein Karlsen, der die acht Folgen inszenierte und die Drehbücher schrieb, lässt kaum eine Gelegenheit aus, um tief im moralischen Morast zu wühlen. Tatsächliche Sympathieträger gibt es hier kaum, höchstens irgendwo am Rand ist mal was zu finden. Ansonsten scheinen sich alle einen Wettstreit zu liefern, wer der widerlichste im Land ist. Sie lügen, betrügen, werden gewalttätig, verachten alle, die ihnen unterlegen sind. Nicht einmal die Ehefrauen, die wirklich mit diesen Männern gestraft sind, funktionieren als Gegenstück, da sie inzwischen viel zu sehr in diesen Abgrund hineingezogen und selbst korrumpiert worden sind.

Exit prangert dann auch unmissverständlich eine Elite an, die im Tauch für Reichtum und Macht jeglichen Anstand verloren hat. Für die auch keine Regeln mehr zu gelten scheinen. Massive Körperverletzung an anderen? Kein Problem, so lange man Geld hat. Hinzu kommt, dass die Serie auf wahren Begebenheiten basiert. Grundlage der Geschichte sind Interviews, die vier junge Börsenunternehmer gegeben haben und deren Aussagen wohl derart haarsträubend waren, dass daraus eine fiktionalisierte Fassung gemacht werden musste. Das Ergebnis provoziert natürlich bewusst, will das Publikum packen, das gefangen ist irgendwo zwischen Faszination und Abscheu. Und auch ein bisschen Neugierde, worauf alles hinausläuft, wenn die vier mit Karacho auf die Wand zurasen.

Verloren im Abgrund
Gleichzeitig hat Exit aber auch immer wieder tragische Elemente. Hermines Sehnsucht nach einem Kind, die diversen Demütigungen. Und auch der allmähliche Zusammenbruch von William geht nicht spurlos an einem vorbei. Während die anderen zu Gewaltausbrüchen neigen, darin aber kein Problem sehen und ohne schlechtes Gewissen weitermachen, geht er vor den Augen der anderen kaputt. Er ist es auch, der den interessantesten Satz der vier zu sagen hat, wenn er Geld als eine Art von Religion bezeichnet, an die jeder glaubt – selbst der größte Atheist. Gerade die Verknüpfung eines immateriellen Symbols mit realen Auswirkungen verspricht eine spannende Auseinandersetzung mit dem, welche Bedeutung Reichtum haben kann und soll.

Leider geht die Serie dann aber doch nicht wirklich darauf ein. Es ist sogar ein bisschen enttäuschend, da Exit die gesellschaftliche Relevanz schon betont, nur um sich dann doch die Zeit mit dem persönlichen Drama zu vertreiben, bei dem nie klar wird, wie universell es ist oder sein soll. Führt Geld, das zu viel und zu früh verdient wurde, automatisch dazu, dass die Menschen dadurch zu empathielosen Monstern werden? Oder haben sich hier einfach nur ein paar gefunden, die ähnlich ticken und sich gegenseitig verstärken? Und was wäre die Alternative, wie ließe sich gegensteuern? Karlsen liefert hier nicht wirklich genug, was als Diskussionsgrundlage taugen würde. Spannend und unterhaltsam ist der norwegische Titel aber trotz allem, zudem mit einer Lust am Hässlichen gespielt, wie es diverse Seifenoper-Intrigen-Klassiker nicht besser hinbekommen haben. Da zudem die erste Staffel mit einer gemeinen Wendung endet, darf man gespannt sein, wie es im Anschluss weiter gehen wird.

Credits

OT: „Exit“
Land: Norwegen
Jahr: 2019
Regie: Øystein Karlsen
Drehbuch: Øystein Karlsen
Musik: David Nagler, Steve Wynn
Kamera: Pål Bugge Haagenrud
Besetzung: Simon J. Berger, Agnes Kittelsen, Pål Sverre Hagen, Tobias Santelmann, Jon Øigarden, Ine Marie Wilmann

Bilder

Interview

Pål Sverre HagenWarum ist Geld eine Religion? Und brauchen wir wirklich Ziele im Leben? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Pål Sverre Hagen in unserem Interview zur norwegischen Dramaserie Exit gestellt.

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Exit – Staffel 1
In „Exit“ haben vier Männer alles erreicht, was sie sich erträumt haben, und steigern sich in Exzesse aus Drogen, Sex und Gewalt hinein. Die Serie ist eine böse Abrechnung mit einer entfesselten Elite. Eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung findet zwar nicht statt, doch die Darstellung kollektiver Morallosigkeit empört und fasziniert gleichermaßen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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