Inhalt / Kritik

Glassboy

„Glassboy“ // Deutschland-Start: 28. Oktober 2021 (Kino)

Wenn Pino (Andrea Arru) traurig ist, dann kennt er einen Trick, um seine Stimmung aufzuhellen: Rock ’n’ Roll tanzen, zu richtig lauter Musik, ausgelassen und selbstvergessen. Niedergedrückt ist der Elfjährige oft, und zwar aus gutem Grund. Nie darf er allein aus dem Haus, stundenlang hockt er einsam in seinem großen Zimmer. Nicht einmal rennen ist ihm erlaubt, obwohl er selbst in der Wohnung einen Sturzhelm trägt. Der Grund hat nichts mit dem zu tun, was in Pandemiezeiten erschreckend aktuell erscheint. Pinos Quasi-Quarantäne ist der Erbkrankheit Hämophilie geschuldet. Sollte er stürzen und sich verletzen, hört sein Blut aufgrund einer Gerinnungsstörung nicht mehr auf zu fließen.

Risiken und Nebenwirkungen

Was bleibt dem Jungen aus wohlhabender Familie also außer dem täglichen Privatunterricht durch einen bildungsbeflissenen Professor und der liebevollen Fürsorge der Eltern (David Paryla, Giogia Würth)? Nichts als die Flucht in die Comics, die er selber zeichnet, und der Blick durchs Fernglas auf eine auf der Straße tobende Bande namens „Snerds“ mit ihren Fahrrädern. Doch einmal entdeckt Mavi (Rosa Barbolini), die Anführerin der Gang, den heimlichen Beobachter. Kurzerhand klettert sie über den Balkon in sein Zimmer. Von da an ist nichts mehr wie, es war. Pino wird Mitglied der Bande, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Vom Thema her hätte Regisseur Samuele Rossi die Verfilmung des Kinderbuches „Il bambino di vetro“ von Fabrizio Silei als Krankheits- und Familiendrama anlegen können. Aber zugunsten der Zielgruppe entscheidet sich der zuletzt mit Dokumentationen erfolgreiche Filmemacher für eine ebenso altersgemäße wie spannende Abenteuergeschichte, die mehr leistet als Zuckerguss für bittere Pillen. Rossi und seine Co-Autorin Josella Porto fühlen sich in die Sehnsüchte der Kinder ein, in ihren Bewegungsdrang, die Gemeinschaft mit anderen, die körperlich ausagierten Konflikte. Besonders kreative Bilder finden sie für die leisen, nachdenklichen Momente, etwa wenn Pino in Ohnmacht fällt und sich fühlt, als schwebe er unter Wasser, und hoch oben leuchte das geheimnisvolle Licht, das ihn zurück ins Bewusstsein holt. Von solchen Ideen hätte man sich mehr gewünscht. Denn für die Actionszenen greifen die Filmemacher eher auf Schema F zurück.

Ein Besonderer unter Besonderen

Von hintergründiger Raffinesse zeugt allerdings die Zeichnung der unterschiedlichen Charaktere der Bande. Neben der erwähnten Anführerin gibt es den gemütlichen Dicken, die Superschlaue mit der Brille und den Nerd mit den grünen Haaren. So weit, so genretypisch. Zugleich wird so die Einzigartigkeit jedes Menschen hervorgehoben, auch unter den „Gesunden“. Warum soll also ein Kind mit außergewöhnlicher Krankheit nicht ebenso Mitglied der bunten Truppe werden, als Besonderer unter Besonderen?

Ein kluger Schachzug ist auch der Verzicht auf die in Kinderfilmen übliche Karikatur der Erwachsenen als Bösewichte oder Lachnummern. Pinos Eltern blutet von Anfang an das Herz über die Zwangsjacke, die sie glauben, ihrem Kind anlegen zu müssen. Aber auch die herrschsüchtige und hochnäsige Oma (Loretta Goggi) erscheint nur anfangs als Hexe. Im Fortgang der Handlung werden sich die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer in den Grund für ihre strikten Verbote einfühlen. Auf diese Weise schlägt der Film auch einen Bogen zu einer universellen Problematik. Das Leben ist immer gefährlich, auch für die „Normalen“. Die Balance zwischen Risiko und Vorsicht bleibt ein ewiges, nicht völlig zu lösendes Dilemma. Aber schon der Liedermacher Wolf Biermann wusste: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“.

Credits

OT: „Glassboy“
Land: Italien, Österreich, Schweiz
Jahr: 2020
Regie: Samuele Rossi
Drehbuch: Samuele Rossi, Josella Porto
Vorlage: Fabrizio Silei
Musik: Giuseppe Cassaro
Kamera: Ariel Salati, Marco Guelfi
Besetzung: Andrea Arru, Rosa Barbolini, Mia Polemiari, Stefani Trapuzzano, Gabriel Mannozzi de Cristofano, Luca Gagnetta, Loretta Gaggi, Giogia Würth

Bilder

Trailer

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Glassboy
Die Grundkonstellation von „Glassboy“ klingt erschreckend aktuell: Ein Junge, der nicht in die Schule darf. Intendiert ist die Anspielung nicht, und Samuele Rossi macht aus der Krankheit Hämophilie auch keinen Problemfilm, sondern eine kindgerechte, einfühlsame Abenteuergeschichte.
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