Inhalt / Kritik

The Painted Bird

„The Painted Bird“ // Deutschland-Start: 9. September 2021 (Kino)

In einem kleinen osteuropäischen Dorf lebt ein kleiner, jüdischer Junge (Petr Kotár) bei seiner Tante, einer Bäuerin, die ihn vor den deutschen Soldaten versteckt hält. Das Leben auf dem Lande verläuft relativ ereignislos und die Tage immer nach demselben Muster, bis der Junge eines Tages feststellen muss, dass die Tante über Nacht verstorben ist. Erschreckt über diese Entdeckung reißt er eine Öllampe um, sodass schon bald das Farmhaus bis auf den Grund niederbrennt und er nicht nur auf sich alleine gestellt ist, sondern nun auch noch in den umliegenden Dörfern Schutz suchen muss. Die Bewohner dort sind jedoch alles andere als mitleidig, besonders als sie feststellen, dass der Junge ein Jude ist, weswegen sie ihn nicht nur aus dem Dorf treiben wollen, sondern sogleich ermorden oder den Nazis ausliefern wollen. Immer wieder findet der Junge aber auch Schutz, muss dafür aber einen hohen Preis bezahlen, wie bei seinem Aufenthalt bei einem Müller (Udo Kier) und seiner Frau. Auch der Schutz bei einem Vogelzüchter ist nur von geringer Dauer, wobei er bei ihm zumindest eine Weisheit fürs Leben lernt: sie niemals auf jemanden zu verlassen und immer aufzupassen, besonders wenn man schwach ist.

Schließlich wird er gar von den Nazis verhaftet, findet jedoch Unterschlupf bei einem todkranken Priester (Harvey Keitel), der ihn wiederum, wegen seiner Krankheit, an den frommen Garbos (Julian Sands) abgibt, der sich als Teufel im Schafspelz für den Jungen herausstellt. Immer wieder muss der Junge so weiterziehen, von einem potenziellen Schutzengel zum nächsten, wobei er nicht nur den Schrecken und die Gewalt des Krieges am eigenen Leibe erfährt, sondern zudem die Grausamkeit, die in den Herzen der Menschen wohnt. Letztlich wird er selbst zu einem solchen Menschen, sieht er darin doch die einzige Möglichkeit zu überleben.

Das Herz der dunklen, menschlichen Seele

Viele Jahre galt der Roman The Painted Bird des polnisch-amerikanischen Autors Jerzy Kosinski als eines der berührendsten und wichtigsten Bücher über das Überleben im Zweiten Weltkrieg, in dem der Schriftsteller seine eigene Biografie verarbeitete. Da sich jedoch herausstellte, dass Kosinski sich die Geschichte nur ausgedacht hatte und anderweitig den Krieg überlebt hatte, war der Ruf des Autors wie auch des Romans beschmutzt. An der literarischen Größe des Werkes darf jedoch sicherlich nicht gezweifelt werden, wie auch der tschechische Regisseur Václav Marhoul verdeutlicht, der elf Jahre lang an der Verfilmung der Geschichte arbeitete. Bis heute lief sie bei zahlreichen Filmfestivals und wurde mit bislang 19 Auszeichnungen geehrt.

Nicht nur thematisch, sondern auch erzählerisch nähert sich Marhouls The Painted Bird an Werke wie Andrei Tarkowskis Iwans Kindheit (1962) oder Elem Klimovs Komm und sieh (1985) an. Die Wanderschaft des jungen Protagonisten gliedert sich, wie die Vorlage, in mehrere Kapitel oder Episoden, benannt nach jenen Menschen, bei denen der Junge, der bis zum Ende hin namenlos bleibt, Unterschlupf findet. Nach Marhouls Aussage folgt der Film den Erfahrungen des Jungen, der eine Reise hin in das Dunkle der menschlichen Seele macht, wobei der nicht nur auf die Schrecken des Krieges trifft, sondern zugleich auf eine Vielfalt anderer Grausamkeiten, von Pädophilen bis hin zu Vergewaltigungen und Verstümmelungen, was The Painted Bird zu einem wuchtigen wie auch teils recht unbequemen Erlebnis für jeden Zuschauer machen dürfte.

Gesichter eines Krieges

Dabei folgt die Ästhetik dem nüchtern-realistischen Ton der Geschichte. Die an alte Kriegsfotografien erinnernde Kameraarbeit Vladimír Smutný glorifiziert nicht und beschönigt nichts, betont aber dafür die karge, kalte Landschaft, durch die sich der Junge schlagen muss. Die Beiläufigkeit, mit der in vielen Szenen Leben ausgelöscht wird, Mensch wie auch Tier gequält werden, entwirft das Szenario einer Welt der Härte und der Gnadenlosigkeit, in welcher der Schwäche jederzeit mit einer Bedrohung für Leib uns Seele rechnen muss und einem nur eine Verwandlung in einen ebenso gefühlskalten Menschen bleibt, um zu überleben. Neben den vielen, teils hochkarätigen Nebendarstellern wie Harvey Keitel, Udo Kier und Barry Pepper sticht dabei immer wieder der junge Petr Kotár in der Titelrolle hervor, der eine eindrucksvolle Darstellung als eine durch den Krieg und den Schmerz gezeichneter Junge abgibt.

Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden, kombiniert mit den teils sehr expliziten Details, welche Marhoul seinem Zuschauer keinesfalls erspart, ist The Painted Bird eine wahre Herausforderung. Dabei handelt es sich bei dem Werk keinesfalls „nur“ um einen Kriegsfilm, sondern, wie auch im Falle der eingangs genannten Beispiele, wie die Erfahrung von Grausamkeit einen Menschen verändert, der letztlich gar mit seiner Menschlichkeit, seinem Herzen und seiner Unschuld den Preis für die erlittenen Schmerzen zahlen muss.

Credits

OT: „Nabarvené ptáče“
Land: Tschechische Republik, Slowenien, Ukraine
Jahr: 2019
Regie: Václav Marhoul
Drehbuch: Václav Marhoul
Vorlage: Jerzy Kosinski
Kamera: Vladimír Smutný
Besetzung: Petr Kotár, Stellan Skarsgård, Nina Šunevič, Udo Kier, Harvey Keitel, Jitka Čvančarová, Julian Sands, Aleksei Kravchenko, Barry Pepper

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2020 Bester Film Nominierung
Filmfestspiele Venedig 2019 Goldener Löwe Nominierung

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The Painted Bird
„The Painted Bird“ ist ein Kriegsdrama über den Verlust von Unschuld und wie Grausamkeit einen Menschen verändert. Václav Marhoul ist ein wuchtiger, teils schwer erträglicher Film gelungen, der ästhetisch, erzählerisch wie auch darstellerisch zu überzeugen weiß.
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