Kritik

Komm und sieh

„Komm und sieh“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino) // 26. November 2020 (DVD/Blu-ray)

Im Jahre 1943, im dritten Jahr der deutschen Besatzung in Weißrussland, will der junge Fljora (Alexei Kawtschenko) sich unbedingt den Partisanen im Kampf gegen die Wehrmacht anschließen. Unter heftigen Protesten seiner Mutter macht er sich zusammen mit anderen Männern seines Dorfes auf den Weg in die Wälder, in denen der Widerstand eines seiner vielen Quartiere aufgezogen hat. Seine Träume von großen Abenteuern an der Front zerschlagen sich jedoch früh, als er den Befehl bekommt, das Lager zu bewachen. Wütend und enttäuscht erzählt er seinen ganzen Frust Glascha (Olga Mironowa), einem jungen Mädchen, welches ebenfalls den Abschied der Partisanen beweint. Doch noch während sie sich unterhalten wird das Lager angegriffen und vollständig zerstört von Fliegerbomben. Da er sonst nicht weiß, wohin er fliehen soll, kehrt Fljora mit Glascha in sein Dorf zurück, welches er verlassen vorfindet. In der Hoffnung die Bewohner sowie seine Familie in den Wäldern zu finden, wird schon bald seine größte Angst Wirklichkeit, denn seine Mutter und seine Schwestern sind von deutschen Soldaten erschossen worden. Die wenigen Überlebenden des Massakers haben sich auf die Felder zurückgezogen, haben kaum Nahrung und Wasser, sodass es einigen wenigen von ihnen obliegt, nach Vorräten zu suchen. Auf seinem Weg mit ihnen, erfährt Fljora die volle Härte und Grausamkeit des Krieges, die den Jungen mehr und mehr verändert.

Eine Ästhetik des Drecks
Über acht Jahre hat es gebraucht, bis die Dreharbeiten zu Elem Klimows bekanntestem Film beginnen konnten. Basierend auf den Aufzeichnungen von Kriegsüberlenden sowie den Erinnerungen von Co-Autor Ales Adamowitsch, der im Widerstand gegen die Wehrmacht kämpfte, fand das Drehbuch zunächst wenig Anklang bei der sowjetischen Zensurbehörde, die in der „Ästhetik des Drecks“ des Films einen zu hohen Grad an Realismus sahen. Dennoch konnte in den 80er Jahren endlich mit den Dreharbeiten begonnen werden zu einem Werk, welches bis heute zu den eindrücklichsten und erschreckendsten Geschichten über die Schrecken des Krieges zählt.

Mag man der Begründung der Zensurbehörde auch ideologische Gründe vorwerfen, so ist das Urteil, es handele sich um einen sehr realistischen Film doch sehr treffend und deutet auf den Kern der Form von Komm und sieh. Durch die Augen Fljoras sieht man den Dreck, die Kälte und das Blut, wird Zeuge, wie er durch meterhohen Schlamm watet und dann von Soldaten geschlagen sowie getreten wird. Damit dieser Schrecken nicht nur rein visuell glaubhaft ist, sondern sich auch im Gesicht und in den Bewegungen seines Hauptdarstellers abzeichnet, wurde gar ein Hypnotiseur an Set gebracht, der den Jungen per Hypnose auf einige der emotional und physisch herausforderndsten Szenen vorbereiten sollte, was Klimow auch schon alleine deswegen wollte, da seinem Darsteller keine bleibenden psychischen Schäden vom Dreh mitgeben wollte.

In Komm und sieh ist der Krieg keine abstrakte Größe, auch wenn er sich nicht in Schützengräben abspielt. Der Krieg ist immer präsent, hinterlässt eine Schneise des Chaos und der Verwüstung, nimmt einem alles, bis nichts mehr zu holen ist, nicht nur materiell.

Der Weg durch die Hölle
In Anlehnung an ein Zitat aus der Offenbarung des Johannes, in dem der Ausruf „Komm und sieh“ als Befehl angesehen wird, sich die Verheerungen der Reiter der Apokalypse anzusehen, welche dies auf der Welt hinterlassen haben, begleitet der Zuschauer den Protagonisten auf einem Gang in eben diese Hölle. Nichts bleibt dem Jungen erspart und man sieht alleine schon an seinem Gesicht die Veränderung, die in ihm vonstattengeht und ihn schnell erwachsen werden lässt. Dies mündet in einer Kakofonie des Grauens, wenn eine Bataillon der Wehrmacht ein weißrussisches Dorf überfällt und man in einen wahren Sog gerät von Schreien, Feuer und Schüssen.

Credits

OT: „Idi i smotri“
Land: Sowjetunion
Jahr: 1985
Regie: Elem Klimow
Drehbuch: Elem Klimow, Ales Adamowitsch
Musik: Oleg Jantschenko
Kamera: Alexei Rodionow
Besetzung: Alexei Krawtschenko, Olga Mironowa, Liubomiras Laucevičius

Bilder

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Komm und sieh
„Komm und sieh“ ist einer der besten Anti-Kriegsfilme, dessen Realismus bis heute seine Zuschauer herausfordert und die Schrecken in all ihrer Härte zeigt. Elem Klimow ist durch eine formale Stringenz sowie dank seiner Hauptdarsteller eins Klassiker des Genres gelungen, der auch viele Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat.
9von 10

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