Kritik

Leap of Faith William Friedkin

„Leap of Faith: William Friedkin on The Exorcist“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Oft zeigt sich, dass die Entstehung eines Kunstwerks, eines Romans, eines Gebäudes oder eines Films genauso interessant, wenn nicht gar interessanter ist als die Kreation an sich. Speziell innerhalb des Mediums Film gibt es viele Geschichten, die sich um die Produktion so mancher Klassiker über die Jahre ranken und welche den Film an sich bisweilen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Wer beispielsweise einmal die legendären Interviews von Francois Truffaut mit Alfred Hitchcock über dessen filmisches Schaffen gelesen hat, wird nicht umhin können, Vertigo – Aus dem Reich der Toten, Die Vögel, Psycho oder Marnie mit anderen Augen betrachten zu können. Die teils sehr turbulenten Geschichten, die sich um Produktionen der Filme des New Hollywood drehen, allen voran Easy Rider oder Apocalypse Now, zeigen darüber hinaus, nicht nur die Schwierigkeiten einer solchen Unternehmung, sondern sind auch aus einem kulturhistorischen Kontext heraus spannend. Regisseure, Schauspieler wie auch andere Personen, die am Dreh beteiligt waren, erschaffen eine Geschichte zusammen, oft gegen widrige institutionelle, politische oder andere Umstände, weil sie sich gegen den Strom der Konvention stellen.

In diesem Zusammenhang ist das filmische Schaffen William Friedkins keine Ausnahme. Als einer der Regisseure, die maßgeblich durch Filme wie French Connection – Brennpunkt Brooklyn und Der Exorzist nicht nur das New Hollywood-Kino, sondern auch den modernen Blockbuster mitprägten, definieren sie nicht nur Aspekte einer Veränderung des Kinos, dessen Geschichten einen Bezug zu unserer Welt haben, sondern stemmen sich zudem gegen das Establishment mit dessen Regelkatalog, der meint bestimmen zu können wie ein Kunstwerk auszusehen hat. Nicht immer ging diese Rechnung auf, wie man an dem kommerziellen Misserfolg von Friedkins Atemlos von Angst sehen kann, einer mittlerweile sehr zu Recht von Kritik und Publikum gefeierten Neuinterpretation von Clouzots Lohn der Angst.

Der für seine Dokumentationen über Filme und deren Entstehung bekannte Regisseur Alexandre O. Philippe nutzte die Gelegenheit mit Friedkin über seinen wohl bekanntesten Film Der Exorzist zu sprechen. Die aus den Gesprächen entstandene Dokumentation Leap of Faith, die bereits auf den Filmfestspielen in Venedig lief und derzeit auf dem Filmfestival Oldenburg zu sehen ist, erzählt aber nicht nur von der Produktion dieses Films, sondern auch von den Beweggründen eines Regisseurs, eine Geschichte zu erzählen, warum er sich für das Medium Film entschieden hat und was ihn als Künstler antreibt.

Ein Glaubensbekenntnis
Entscheidend für jemanden wie Friedkin ist die Distinktion von Schicksal („fate“) und Glauben („faith“). Hierbei geht es weniger um ein spirituelles oder religiöses Konzept, sondern vielmehr um eine Mentalität, die man als Filmschaffender haben muss, wenn man sich auf das kräftezehrende Abenteuer einer Filmproduktion einlässt, wie sie Der Exorzist ohne Frage war. Man glaubt, das Richtige zu tun, vertritt die eigene Entscheidung für eine Einstellung, einen Schnitt oder einen Lichtwechsel als richtig und tritt selbstsicher auf. Am Ende ist jedoch vieles eine Sache des Schicksals wie beispielsweise die Entscheidung, die Schauspielerin Mercedes McCambridge die Stimme des Dämons einsprechen zu lassen oder dem weltbekannten Filmkomponisten Bernard Herrmann eine Absage für die Filmmusik zu erteilen.

Letztendlich wird Leap of Faith auch ein Glaubenskenntnis für den Film und die Macht des Bildes. Wortreich und mit vielen Anspielungen auf Film- und Kunstgeschichte legt Friedkin nicht nur dar, was ihn zu vielen der berühmten Einstellungen in Der Exorzist inspiriert hat, sondern offenbart, wie er eine Szene findet, wie er zu einer gelungenen Einstellung kommt und warum er an die Intelligenz des Zuschauers glaubt, der ein Bild wie auch einen ganzen Film entschlüsseln kann und nicht auf Eindeutigkeit angewiesen ist, so wie ein Großteil dessen, was sich heute Mainstream-Kino nennt.

Credits

OT: „Leap of Faith: William Friedkin on The Exorcist“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Alexandre O. Philippe
Musik: Jon Hegel
Kamera: Robert Muratore

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Leap of Faith
3.72 (74.4%) 25 Artikel bewerten

Leap of Faith
"Leap of Faith" ist eine spannende, sehr intelligente Dokumentation über die Entstehung eines Meilensteins des Horrorgenres, doch darüber hinaus eine Geschichte über Kunst, den Glauben an das Medium Film sowie die eigenen künstlerischen Prinzipien.
0ohne wertung

Über den Autor

Freier Autor

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.