Objet a
© SchuldenbergFilms, Grandfilm

Objet a

Objet a
„Objet a“ // Deutschland-Start: 21. Januar 2027 (Kino)

Inhalt / Kritik

Im Operationssaal verstehen sie sich blind, auch privat ist bei Ingeborg (Aenne Schwarz) und Adam (Louis Hofmann) wenig dem Zufall überlassen. Das erfolgreiche Handchirurgenpaar wohnt stilvoll, trainiert diszipliniert und hat selbst seine sexuellen Vorlieben in feste Abläufe eingebaut. Ingeborg stiehlt Gegenstände, die sie nicht braucht, Adam gefällt es, sich seiner Partnerin auszuliefern und selbst zum Objekt zu werden. Dann verletzt sich Ingeborg bei der Flucht nach einem Diebstahl am Bein. Eine eigens angefertigte Schiene soll ihr die Arbeit am Operationstisch wieder ermöglichen. Gleichzeitig kommt Gaia (Simone Bucio) in ihr Leben. Die junge Frau, die zuvor Patientin des Paares war, wird als Haushaltshilfe und Fahrerin eingestellt. Mit ihr ziehen andere Gewohnheiten in die Wohnung ein – und schließlich auch Dinge, die sich nicht mehr so einfach einordnen lassen.

Die Ordnung und ihre Störenfriede

Wer Ann Orens Piaffe gesehen hat, dürfte eine gewisse Vorstellung davon haben, worauf er sich mit Objet a einlässt. In ihrem Spielfilmdebüt wuchs einer Geräuschemacherin, die Pferdelaute produzierte, ein Pferdeschwanz. Das klang absurd, hatte aber eine erstaunlich selbstverständliche körperliche Logik. Nun hat Oren das Hören gegen den Tastsinn getauscht. Überall wird gegriffen, gestreichelt, operiert, gestohlen. Die Hände sind Berufsgerät, Lustwerkzeug und Mittel, die Welt unter Kontrolle zu halten. Ausgerechnet zwei Menschen, die fremde Körper reparieren können, geraten mit ihren eigenen Bedürfnissen an Grenzen.

Dass dabei Jacques Lacans Begriff des „objet petit a“ im Titel steckt, darf man wissen, muss man aber nicht. Oren erzählt ohnehin nicht in sauber entschlüsselbaren Symbolen. Ihre Figuren folgen Impulsen, die vernünftig betrachtet wenig Sinn ergeben. Das macht den Film reizvoll und anstrengend zugleich. Manches Bild beschäftigt einen noch lange, ohne dass man sicher sagen könnte, was es nun genau bedeuten soll. Und nicht jede Metapher wird dadurch besser, dass man länger über sie nachdenkt.

Lust an Oberflächen

Optisch passt zu dieser seltsamen Versuchsanordnung erstaunlich viel. Die auf 16 mm gedrehten Bilder wirken mit ihrer sichtbaren Körnung fast altmodisch. Gerade das steht dem Film gut: Wo ständig von Haut, Stoffen und Materialien die Rede ist, darf auch das Bild selbst eine Oberfläche haben. Die elegante Wohnung des Paares gleicht zunächst einer Designausstellung. Alles sitzt am richtigen Platz, auch die Bewohner scheinen Teil des Arrangements zu sein. Wenn Gaia diese Ordnung durcheinanderbringt, wird nicht bloß die Geschichte unberechenbarer, sondern auch die Kamera beweglicher.

Aenne Schwarz und Louis Hofmann spielen das mit einem Ernst, der den Humor erst ermöglicht. Ihre Figuren könnten leicht zu Karikaturen werden, doch gerade in den kleinen Verschiebungen ihrer eingespielten Rituale zeigen sich Unsicherheit und Sehnsucht. Simone Bucio, schon in Piaffe dabei, ist als Gaia weniger greifbar. Sie soll wohl auch weniger eine psychologisch ausgearbeitete Person als eine Kraft sein, die den beiden anderen etwas entgegensetzt.

Die Vorbilder sind unverkennbar. Luis Buñuel hätte an diesen vornehmen Leuten mit ihren merkwürdigen Ritualen vermutlich seinen Spaß gehabt. Bei Jan Švankmajer werden Gegenstände ebenso zu Trägern sehr spezieller Begierden; David Cronenberg kommt einem in den Sinn, wenn technische Hilfsmittel und Körper nicht mehr sauber voneinander zu trennen sind. Oren übernimmt diese Einflüsse nicht einfach, aber sie muss sich daran messen lassen.

Wenn die Ideen auseinanderlaufen

Und da liegt das Problem. Einzelne Szenen sind wunderbar verschroben, die Verbindung von Chirurgie, Fetisch, Pilzen und Selbstoptimierung ist alles andere als alltäglich. Doch aus vielen originellen Einfällen wird noch nicht zwangsläufig ein überzeugender Film. Je weiter sich Objet a von seinem strengen Anfang entfernt, desto stärker wirkt manches wie eine weitere Idee, die auch noch untergebracht werden musste. Vor allem die Naturmotive drohen die eigentümliche Geschichte des Paares zu überlagern. Man versteht, worauf Oren hinauswill: weniger Kontrolle, mehr Offenheit für alles, was außerhalb der eigenen Planung wächst. Nur wird diese Bewegung irgendwann deutlicher behauptet als erlebt.

Langweilig wird es dabei nicht. Dafür ist Objet a zu eigenwillig, zu gut gespielt und zu sorgfältig gestaltet. Aber Piaffe fand für seine Verrücktheit noch eine klarere Form. Hier bleibt nach vielen faszinierenden Einzelheiten auch das Gefühl, dass der Film seine Möglichkeiten nicht ganz zusammenbekommt.

Credits

OT: „Objet a“
Land: Deutschland, Luxemburg, Griechenland
Jahr: 2026
Regie: Ann Oren
Buch: Ann Oren, Geoffroy Grison
Kamera: Juan Sarmiento G.
Besetzung: Aenne Schwarz, Louis Hofmann, Simone Bucio, Georg Friedrich, Sofia Kokkali

Bilder

Trailer

Filmfeste

Locarno 2026
Filmfest Hamburg 2026
Film Festival Cologne 2026
Internationales Filmfestival Mannheim Heidelberg 2026
Transit Filmfest 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Objet a
fazit
Ann Oren hat erneut einen ungewöhnlichen Film über Körper, Begehren und Verwandlung gedreht. "Objet a" ist sinnlich, klug ausgestattet und voller überraschender Einfälle. Doch nicht alle Metaphern tragen, und aus der Fülle entsteht kein durchgehend stimmiges Ganzes. Sehenswert ist das trotzdem.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10