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Chang-dong Lee [Interview]

Acht Jahre nach Burning kehrt der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong mit dem Netflix-Film Possible Love (Start: 6. November 2026) zurück. Im Mittelpunkt stehen zwei Ehepaare aus völlig unterschiedlichen sozialen Welten, deren Leben zunehmend miteinander verwoben werden: Ho-seok (Sul Kyung-gu), der nach einer Umstrukturierung seinen Arbeitsplatz verliert, und seine Frau Mi-ok (Jeon Do-yeon) sowie die Dokumentarfilmerin Yeji (Cho Yeo-jeong) und ihr wohlhabender Ehemann Sang-woo (Zo In-sung). Im Interview spricht Lee über die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, seine eigene Identifikation mit Yeji und die Frage, welche Verantwortung Filmemacher gegenüber den Menschen tragen, deren Geschichten sie erzählen. Außerdem erklärt er, warum Erinnerung für ihn untrennbar mit dem Kino verbunden ist und weshalb ihn die Veränderungen der vergangenen Jahre dazu gebracht haben, seine eigene Rolle als Regisseur neu zu hinterfragen.

In Possible Love treffen zwei Ehepaare aus sehr unterschiedlichen sozialen Welten aufeinander. Wie wolltest du diese großen gesellschaftlichen Themen in die Geschichte ihrer alltäglichen Leben integrieren?

Der Film beginnt mit der Umstrukturierung eines großen Konzerns und der Geschichte eines Arbeiters, der seinen Job verliert. Er und seine Frau stehen im Zentrum des Films. Gleichzeitig gibt es das andere Ehepaar, bei dem die Frau als Dokumentarfilmerin arbeitet. Dahinter steht eine sehr komplexe gesellschaftliche Struktur. Ich wollte über diese Themen erzählen, aber nicht auf eine abstrakte Weise. Stattdessen wollte ich sie in das alltägliche Leben dieser Menschen einbetten, weil wir uns damit alle identifizieren können. Die größeren gesellschaftlichen Strukturen sollten durch ihre persönlichen Erfahrungen sichtbar werden.

Die Figur Yeji ist selbst Filmemacherin und beschäftigt sich mit der Frage, wie ehrlich sie den Menschen begegnen kann, deren Geschichten sie erzählt. Wie viel von dir selbst steckt in dieser Figur?

Von den vier Hauptfiguren des Films ist meine eigene Position der von Yeji wahrscheinlich am ähnlichsten. Sie ist Dokumentarfilmerin und steht mir deshalb in ihrer Perspektive, ihrer Haltung gegenüber dem Kino und ihrer Identität als Filmemacherin sehr nahe.

Als Filmemacher stellt sich für mich die Frage, wie ich über diese Welt und die Menschen spreche, die zu den Hauptfiguren meiner Geschichten werden. Mit welcher Haltung begegne ich ihnen? Wie aufrichtig kann ich dabei wirklich sein? Genau diese Fragen stellt sich auch Yeji. Ihr Mann Sang-woo sagt sehr zynisch zu ihr, dass das alles nur Method Acting sei, weil sie niemals wirklich genauso sein könne wie die Menschen, über die sie Filme macht. Vielleicht trifft das auch auf mich zu. Ich frage mich ebenfalls, welche Rolle ich als Filmemacher in dieser Welt habe, wie ich Geschichten erzählen kann und wie viel Liebe ich tatsächlich für die Menschen aufbringen kann, von denen ich erzähle. Diese Fragen möchte der Film auch mit dem Publikum teilen.

Die Unterschiede zwischen den beiden Paaren sind enorm. Kann Liebe eine solche soziale Ungleichheit überwinden oder macht sie diese Unterschiede am Ende nur sichtbarer?

Die Kluft zwischen diesen beiden Ehepaaren ist so groß, dass der Begriff Klassenunterschied eigentlich kaum noch ausreicht. Genau das erleben wir auch in unserer heutigen Welt. Diese gesellschaftlichen Gruppen liegen nicht mehr unmittelbar nebeneinander. Der Abstand zwischen ihnen wird immer größer. Sang-woo befindet sich durch seinen Reichtum beinahe in einer eigenen Stratosphäre. Seine wirtschaftliche Macht ist so groß, dass ein gewöhnlicher Mensch wie Ho-seok kaum noch nachvollziehen kann, welche Strukturen dieser Reichtum geschaffen hat und wie diese sein eigenes Leben beeinflussen und bestimmen. Wir erleben eine Form der Ungleichheit, bei der selbst dieses Wort der Situation kaum noch gerecht wird, und niemand weiß wirklich, wie wir dieses Problem lösen können. Trotzdem betrifft es uns alle. Mi-ok zeigt für mich aber, dass es vielleicht einen möglichen Weg gibt. Obwohl es unglaublich schwierig für sie ist, hält sie an ihrer Freiheit fest und stellt sich den Kräften entgegen, die ihr gesamtes Leben bedrohen. Vielleicht können wir solchen Strukturen nur begegnen, indem wir diesen individuellen Willen zur Freiheit bewahren.

Erinnerung spielt in deinen Filmen immer wieder eine wichtige Rolle. Interessiert dich daran mehr, dass sie unsere Vergangenheit bewahrt oder dass sie diese ständig verändert?

Ich glaube, dass Erinnerung die Zeit, die wir selbst erlebt haben, immer wieder neu organisiert. Deshalb ist Erinnerung für mich fast gleichbedeutend mit der Zeit, die ein Mensch erlebt hat. Kino wiederum ist ein Medium, das sich mit Zeit beschäftigt. Die Art und Weise, wie ein Film mit Zeit umgeht, bestimmt deshalb ganz wesentlich, was für ein Film er ist. Ich möchte dem Publikum auf meine eigene Weise die Zeit vermitteln, die ich selbst erlebt habe. Dabei geht es aber nicht nur um meine persönlichen Erinnerungen oder ausschließlich um Erinnerungen an Korea. Ich hoffe, etwas zu finden, das auch mit den Erinnerungen von Menschen überall auf der Welt in Resonanz treten kann.

Seit Burning sind acht Jahre vergangen. Wie haben die Veränderungen der Welt und der Filmindustrie beeinflusst, warum du so lange für deinen nächsten Film gebraucht hast?

Die Antwort darauf erklärt wahrscheinlich auch, warum ich nicht so leicht Filme machen kann wie manche andere Filmemacher und warum acht Jahre seit Burning vergangen sind. Possible Love erzählt zwar von der Familie eines entlassenen Arbeiters, aber gleichzeitig ist daraus auch eine Geschichte über Filmemacher geworden. Wir leben in einer sich sehr schnell verändernden Welt, in der die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Klassen immer größer wird. Mittlerweile erleben wir eine neue Dimension dessen, was wir früher einfach als Klassenunterschied bezeichnet hätten. Es geht um extremen Reichtum und die Macht, die daraus entsteht. Wenn diese Macht mit technologischem Fortschritt zusammentrifft, entsteht der Eindruck, all unsere Probleme könnten gelöst und wir könnten dadurch freier werden. Aber vielleicht ist es genau diese Macht, die uns unser bisheriges Leben vollständig nehmen kann. Als Filmemacher konnte ich deshalb nicht anders, als mich zu fragen, welche Rolle ich in dieser sich verändernden Welt noch habe. Gleichzeitig bin auch ich auf die Macht des Geldes angewiesen, um Filme überhaupt machen zu können. Wie kann ich innerhalb dieses Systems trotzdem meine Freiheit schützen und meine eigene Identität bewahren? Diese Frage ist für mich unmittelbar mit Mi-oks Kampf in Possible Love verbunden. Auch sie versucht, an ihrer Freiheit festzuhalten.



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