Was bringt einen Menschen dazu, eine Grenze zu überschreiten, hinter der es kein Zurück mehr gibt? Und weshalb fühlen wir uns ausgerechnet zu jenen Figuren hingezogen, deren Handlungen wir moralisch verurteilen? Kaum eine Schriftstellerin hat sich so intensiv mit diesen Fragen beschäftigt wie Patricia Highsmith. In Ein Talent fürs Morden (Kinostart: 5. November 2026) widmet sich Regisseur Anton Corbijn der amerikanischen Autorin und ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, in die Abgründe der menschlichen Psyche vorzudringen. Oscarpreisträgerin Helen Mirren verkörpert Highsmith, während Alden Ehrenreich als Edward in ihre Welt eintritt. Was sich zwischen den beiden entwickelt, ist ein psychologisches Kräftemessen, bei dem die Grenzen zwischen Wahrheit, Manipulation und Fiktion zunehmend verschwimmen. Im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz sprechen die beiden Schauspieler über ihre Annäherung an Highsmith, die intensive Zusammenarbeit am Set und die Frage, ob nicht in jedem Menschen eine dunkle Seite schlummert.
Frau Mirren, Sie haben mit Persönlichkeiten wie Königin Elisabeth II. oder Golda Meir bereits mehrfach reale Menschen verkörpert. Was unterschied Ihre Herangehensweise an Patricia Highsmith von diesen früheren Rollen?
Helen Mirren: Eigentlich überhaupt nichts. Mir war es unglaublich wichtig, Patricia Highsmith so präzise wie möglich darzustellen. In gewisser Weise vielleicht sogar noch wichtiger, gerade weil wir einen fiktionalen Film drehen und keine Dokumentation. Die meisten Menschen kennen Patricia Highsmith als Schriftstellerin, aber sie wissen nicht unbedingt, wie sie gesprochen hat, wie sie sich bewegt hat oder wie sie als Mensch tatsächlich war. Dabei war sie eine so starke, unverwechselbare Persönlichkeit. Ich habe deshalb versucht, so viel wie möglich über sie herauszufinden und ihr so nahe wie möglich zu kommen. Denn ich glaube fest daran, dass die Wahrheit immer interessanter ist als die Fiktion.
Patricia Highsmith hat Figuren geschaffen, die schreckliche Dinge tun und für die wir trotzdem Verständnis entwickeln. Was hat sie Ihrer Meinung nach über die menschliche Natur verstanden?
Alden Ehrenreich: Ich glaube, das Besondere an ihren Geschichten ist ihre unglaubliche psychologische Tiefe. Ihre Figuren sind niemals einfach nur böse. Ihre Handlungen entstehen aus sehr komplexen emotionalen Bedürfnissen und inneren Konflikten. Highsmith hat diese Impulse auf eine Weise verstanden, die es uns ermöglicht, eine Verbindung zu ihren Figuren aufzubauen, selbst wenn sie furchtbare Dinge tun. Ich glaube, sie hatte selbst ein sehr intensives Verhältnis zu diesen dunklen Gedanken. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie jemals einen Mord begangen hätte. Aber sie konnte nachvollziehen, welche Gefühle einen Menschen an einen solchen Punkt bringen könnten.
Helen Mirren: Ich glaube auch nicht, dass sie Gewalt als Spektakel besonders interessiert hat. Es ging ihr nicht um die bloße Darstellung von Brutalität. Sie hätte vermutlich überhaupt kein Interesse an den römischen Gladiatorenkämpfen als Unterhaltung gehabt. Aber die Psychologie eines Gladiators, der tatsächlich um sein Leben kämpft, hätte sie sicherlich fasziniert. Es war die Gewalt, die in unserem alltäglichen Leben existiert und manchmal nur knapp unter der Oberfläche liegt, die sie so sehr beschäftigt hat.
Glauben Sie denn, dass tatsächlich jeder Mensch eine dunkle Seite besitzt?
Helen Mirren: Wir mussten unglaublich viele Spielzüge lernen. Wirklich eine völlig übertriebene Anzahl. Ich glaube, es waren ungefähr 35 verschiedene Spielzüge, die wir alle beherrschen mussten. Und natürlich hatten die alle diese coolen, lustigen Namen. Es war eine ziemlich umfangreiche Vorbereitung, weil wir jeden einzelnen Ablauf genau kennen mussten. Wir haben also sehr viel Zeit damit verbracht, diese Spielzüge einzustudieren und immer wieder zu wiederholen. Das Lustige daran war, dass ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nie wirklich Football gespielt hatte. Ich kannte nur die Bewegungen, die wir für die jeweiligen Szenen gelernt hatten.
Alden Ehrenreich: Das ist für mich einer der faszinierendsten Aspekte der Schauspielerei. Man kann unangenehme Gefühle und unterdrückte Impulse für eine Figur nutzen und ihnen Ausdruck verleihen, ohne sie selbst ausleben zu müssen.
Inwiefern haben Ihnen Highsmiths Romane geholfen, die Figuren, die sie spielen, zu verstehen?
Alden Ehrenreich: Edward ist gewissermaßen eine Variante von Tom Ripley. Die Romane halfen mir, seine Psychologie besser zu verstehen. Gleichzeitig musste ich nachvollziehen können, was Highsmiths Literatur so besonders macht, um Edwards Begeisterung dafür glaubwürdig darzustellen.
Helen Mirren: Ich kannte ihre Bücher und Verfilmungen bereits, wusste aber erstaunlich wenig über Highsmith als Mensch. Ihre persönliche Geschichte zu entdecken, war für mich eine Reise ins Unbekannte.
Hat sich Ihr Generationsunterschied bei der Zusammenarbeit bemerkbar gemacht?
Helen Mirren: Überhaupt nicht. Wir hatten dieselbe Einstellung zur Arbeit und fanden sofort einen gemeinsamen Rhythmus. Es fühlte sich an, als würden wir schon seit zehn Jahren zusammenarbeiten.
Alden Ehrenreich: Mir ging es genauso. Unsere gemeinsame Probenwoche hat dabei sehr geholfen, besonders angesichts des engen Drehplans.
Der Film spielt größtenteils in einem einzigen Haus. Welche Herausforderungen brachte das mit sich?
Helen Mirren: Das Haus war unglaublich eng und klaustrophobisch, auch technisch war es schwierig. Aber genau diese bedrückende Atmosphäre war für unsere Geschichte wertvoll. Das Haus wurde gewissermaßen zur dritten Figur.
Alden Ehrenreich: Normalerweise würde man für einen solchen Film vermutlich ein Set bauen, bei dem man die Wände entfernen kann, um genügend Platz für die Kamera zu schaffen. Wir befanden uns aber tatsächlich in dieser engen, abgeschlossenen Welt. Das hat sehr viel zur Atmosphäre beigetragen. Das Haus hatte eine eigene Seele, etwas Bedrückendes, das perfekt zur Geschichte passte.
Ist es schwieriger, die Wahrheit einer Figur zu zeigen oder sie bewusst zu verbergen?
Helen Mirren: Beides gehört zur Schauspielerei. Besonders spannend finde ich Figuren, von denen man weiß, dass sie schuldig sind, die aber unbedingt unschuldig erscheinen wollen. Diese Täuschung glaubwürdig darzustellen, ist eine große Herausforderung.
Zum Abschluss: Wer von Ihnen beiden könnte eher mit dem perfekten Mord davonkommen?
Helen Mirren: Ganz eindeutig Alden! (lacht) Niemand würde es ihm zutrauen, und er wäre intelligent genug dafür. Ich dagegen würde schreckliche Fehler machen und sofort erwischt werden.
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