
Ben (Sebastian Borucki) ist Schauspieler, mit dem großen Durchbruch hat es bislang allerdings nicht geklappt. Auch als Vater hält sich sein Einsatz in Grenzen: Seine neunjährige Tochter Zoey (Zoe Lara Löhmann) sieht er alle zwei Wochen. Als Zoeys Mutter Sarah (Franziska Breite) nach einer Überdosis ins Krankenhaus kommt, ändert sich das schlagartig. Ben muss sich nun im Alltag um seine Tochter kümmern, obwohl er selbst kaum weiß, wie er sein Leben auf die Reihe bekommen soll. Über zehn Jahre hinweg begleitet die Geschichte die beiden. Zoey wird zur Jugendlichen und schließlich zur jungen Frau, Ben versucht, zwischen eigenen Plänen und der Verantwortung für seine Tochter einen Platz zu finden.
Zehn Jahre und kein bisschen Stillstand
Kinder wachsen schnell. Nur im Kino tun sie das für gewöhnlich zwischen zwei Schnitten, manchmal mit einem Wechsel der Darsteller. Bei Zoey & Ben ist das anders. Alexander Conrads begann 2016 mit den Dreharbeiten und kehrte Jahr für Jahr zu seinen beiden Hauptfiguren zurück. Insgesamt waren es gerade einmal 33 Drehtage, verteilt über ein Jahrzehnt. Unweigerlich denkt man an Richard Linklaters Boyhood, für den über zwölf Jahre hinweg gedreht wurde. Doch während dort vor allem das Erwachsenwerden eines Jungen im Mittelpunkt steht, interessiert sich Conrads genauso für den Vater. Seine Geschichte lebt davon, wie sich zwei Menschen miteinander verändern.
Das hätte leicht ein Sammelsurium einzelner Lebensstationen werden können. Schließlich liegen zwischen den Drehphasen lange Pausen, und die Sprünge sind durchaus zu sehen. Umso erstaunlicher, wie selbstverständlich die Episoden ineinandergreifen. Manche Entwicklungen werden erst später aufgegriffen, andere erschließen sich aus dem, was zwischen zwei Begegnungen offenbar passiert sein muss. Conrads erklärt nicht jeden Schritt und braucht auch keine großen Ereignisse, um das Verstreichen der Jahre begreiflich zu machen. Die Familiengeschichte wirkt nicht wie aus einem Drehbuch konstruiert, sondern wie etwas, das sich nebenan abspielen könnte.
Zwei, die miteinander wachsen
Das liegt vor allem an Zoe Lara Löhmann und Sebastian Borucki. Das Zusammenspiel der beiden wirkt vom ersten Augenblick an so selbstverständlich, dass man die langen Pausen zwischen den Drehs schnell vergisst. Besonders Löhmann trägt ein gewisses Risiko des Konzepts: Als Kind besetzt, musste sie nicht nur zehn Jahre verfügbar bleiben, sondern auch als Jugendliche und junge Erwachsene überzeugen. Sie tut es. Dass ihr Spiel mit den Jahren sicherer und differenzierter wird, fügt sich sogar gut in die Entwicklung ihrer Figur ein.
Aber auch Borucki verändert sich sichtbar. Ben wird nicht einfach vom selbstbezogenen Chaoten zum vorbildlichen Vater umgeschrieben. Er lernt dazu, macht Fehler und muss akzeptieren, dass Zoey irgendwann ihre eigenen Vorstellungen entwickelt. Gerade die Pubertät stellt ihre Nähe auf die Probe. Mal finden beide zueinander, mal reden sie aneinander vorbei. Solche Verschiebungen sind oft interessanter als ein lautstarker Familienkrach. Und weil der Film niemanden zum alleinigen Mittelpunkt erklärt, bleibt die Beziehung zwischen ihnen das eigentliche Thema.
Zoeys Mutter gerät dabei zunehmend aus dem Blick. Sarah wird später zwar wieder wichtiger für die Tochter, erscheint selbst aber kaum noch. Das verengt den familiären Ausschnitt, ist hier jedoch auch eine bewusste Konzentration: Dies ist die Geschichte von Zoey und Ben, nicht das Porträt einer ganzen Patchworkfamilie.
Wenn der Alltag die Hauptrolle spielt
Dass der Regisseur während dieser zehn Jahre selbst dazugelernt hat, lässt sich nicht verbergen. Seine Inszenierung gewinnt an Routine, dazu ist gerade Löhmanns wachsende Erfahrung deutlich zu spüren. Die verschiedenen Kameraleute hinterlassen dagegen keine auffälligen stilistischen Brüche. Perfekt glatt wirkt der Film nicht, doch die kleinen Unebenheiten gehören fast schon zu diesem ungewöhnlichen Projekt dazu.
Dramatische Höhepunkte setzt Conrads eher sparsam. Manchmal könnte man sich einen schärferen Konflikt, ein wenig mehr Reibung wünschen. Andererseits wäre es schade, wenn diese Geschichte ständig beweisen müsste, wie aufregend sie ist. Sie gewinnt ihre Stärke gerade aus den Momenten, in denen nichts Außergewöhnliches geschieht und sich trotzdem etwas verändert. Wenn die beiden sich am Ende beinahe auf Augenhöhe begegnen, liegt darin mehr als der Abschluss eines filmischen Experiments: Man hat das Gefühl, einen kleinen Teil ihres Lebens mit ihnen verbracht zu haben.
OT: „Zoey & Ben“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Alexander Conrads
Buch: Alexander Conrads
Musik: Simon Conrads
Kamera: Stefan Wagner, Dennis Banemann, Alexander Conrads, Fabian Jansen
Besetzung: Sebastian Borucki, Zoe Lara Löhmann, Franziska Breite, Martin Plass, Nina Alena Ruhz, Luzian Gupta, Anja S. Gläser
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)



