
Um die Tragödie bei der Eröffnung der Halloween-Attraktion „Hell House“ ranken sich viele Gerüchte. Fakt ist, dass 15 Menschen im ehemaligen Abaddon Hotel ums Leben kamen, darunter mehrere Mitglieder des Betreiberteams. Ein Dokumentarfilmteam greift den nach wie vor ungeklärten Fall auf und sucht nach neuem Material, als sich Sara (Ryan Jennifer Jones), eine der damaligen Betreiberinnen, bei den Filmemachern meldet. Neben ihrem Bericht über die Tage vor der Eröffnung übergibt sie ihnen Videoaufnahmen, die ihre Aussagen bestätigen sollen.
Das Material zeigt, wie Sara mit ihrem Freund Alex (Danny Bellini) und ihren Kollegen das leer stehende Abaddon Hotel bezieht. Gemeinsam mit dem eingeschworenen Team, mit dem sie bereits seit Jahren eine Halloween-Attraktion betreiben, machen sie sich an die Arbeit, um das Hotel für den kommenden Oktober herzurichten. Neben dem Aufstellen der Requisiten in den unterschiedlichen Räumen gehört dazu auch das Engagieren von Darstellern. Paul (Gore Abrams) hält die Vorbereitungen mit seiner Kamera fest.
Je näher die Eröffnung von „Hell House“ rückt, desto angespannter wird die Stimmung im Team. Zugleich häufen sich seltsame Vorfälle. Merkwürdige Geräusche aus eigentlich leeren Räumen sowie eine Reihe unheimlicher Begegnungen lassen Alex, Sara und Paul vermuten, dass sie nicht allein in dem Hotel sind.
Die „Lost Places“ der USA
Die Hell House LLC-Filmreihe ist eine der interessantesten Erfolgsgeschichten des Horrorkinos. Eigentlich hatte Regisseur Stephen Cognetti beabsichtigt, Komödien zu drehen, doch seine Faszination für „Lost Places“, deren Geschichte und Atmosphäre inspirierte ihn zu einer Idee, aus der schließlich Hell House LLC entstand sowie dessen bislang vier Fortsetzungen. Als unabhängige Produktion war der Found-Footage-Ansatz zudem sinnvoll und ermöglichte einen schnellen Dreh. Die technische und erzählerische Herangehensweise kennt man als Zuschauer sicherlich zur Genüge von Filmen wie Paranormal Activity oder Grave Encounters, jedoch vermag Cognettis Film insbesondere sein Setting effektvoll in Szene zu setzen. Die zusätzliche Vermischung mit dem Mockumentary-Ansatz, der den narrativen Rahmen schafft, erzeugt eine Atmosphäre, bei der das Wissen um den Ausgang das Publikum fesseln soll, während es versucht, den Weg dorthin nachzuvollziehen.
Die Location eines Found-Footage-Films macht einen großen Teil der Stimmung aus, doch darüber hinaus spielen auch die Hintergründe eine wichtige Rolle. Die Hauptfiguren von Blair Witch Project etablieren in den ersten Minuten durch ihre eigene Filmarbeit die Geschichte der Blair Witch sowie einige andere Legenden, die sich um sie und jenen Wald ranken, den sie bald betreten und nicht mehr verlassen werden. Den Maßstab von Daniel Myricks und Eduardo Sánchez’ Film erreicht Regisseur Stephen Cognetti zwar nicht, doch dafür reichen ihm kleine Momente innerhalb der Handlung sowie der bereits erwähnte Mockumentary-Rahmen, um die nötige Atmosphäre zu kreieren. Geräusche in der Nacht oder eine Requisite, die auf einmal an einem anderen Ort steht als vorher, sind dann Teile einer sich steigernden Spannungsdramaturgie, die durch die Hintergründe eine ganz andere Dimension gewinnt.
Ähnlich den Dokumentarfilmern zu Beginn von Hell House LLC wird der Zuschauer in Cognettis Film zum Spurensucher, der nach und nach einen Eindruck davon gewinnt, was zu der Tragödie geführt hat, die man gleich zu Beginn sieht. Wenn der Film am Ende dieselbe Aufnahme vom Beginn noch einmal zeigt, werden nun andere Zusammenhänge und Details erkennbar, die das Ausmaß des Horrors verdeutlichen. Cognettis Inszenierung ist minimalistisch, doch sie ist keineswegs billig oder nur auf Jump-Scares aus – sie ist sehr clever und fesselnd.
Inszenierung und wirkliche Gefahr
Auch wenn der Regisseur in Interviews zu Hell House LLC nicht explizit auf diese Verbindung verweist, kommt man nicht umhin, eine Parallele zu Survival-Horror- oder Extreme-Haunt-Erfahrungen herzustellen. Besonders erwähnenswert wäre hier McKamey Manor, eine Attraktion, deren Horrorerfahrung weit über gewöhnliche Schockmomente hinausgeht und bei der die Besucher erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt werden. Ehemalige Teilnehmer berichteten sogar von Verletzungen und folterähnlichen Praktiken, wobei die Vorwürfe gegen die Betreiber umstritten sind. Für die Figuren in Hell House LLC vermischt sich die Inszenierung, die sie selbst erschaffen, mit der Realität, sodass selbst sie die Grenze zwischen diesen beiden Extremen nicht mehr ziehen können. In einer Szene geht Paul einem Geräusch nach und kommt auf seiner Suche nach der Ursache an einem Clown vorbei, den er für einen seiner Mitstreiter hält. Erst später offenbart sich ihm wie auch dem Zuschauer das Unheimliche dieser Situation – Inszenierung und wahrer Schrecken sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden, was ebenfalls ein wichtiger, aber tragischer Bestandteil des Unglücks ist, das sich bei der Eröffnung von „Hell House“ abspielen wird.
Darüber hinaus scheint Hell House LLC auch auf eine andere Form der Inszenierung zu verweisen. Die YouTube-Kultur sowie die Mechanismen der Dokumentation betonen, wie Schrecken immer stärker inszeniert wird, sowohl für künstlerische als auch für kommerzielle Zwecke. Jeder, der sich an das Schicksal der Hauptfiguren in Blair Witch Project erinnert, wird sich denken können, dass ein solches Vorhaben kein gutes Ende nehmen wird. Besonders dann, wenn man den echten Schrecken nicht mehr erkennen kann.
OT: Hell House LLC
Land: USA
Jahr: 2015
Regie: Stephen Cognetti
Drehbuch: Stephen Cognetti
Kamera: Brian C. Harnick
Besetzung: Danny Bellini, Ryan Jennifer Jones, Gore Abrams, Jared Hacker, Adam Schneider
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