
Anouk (Thekla Reuten) und Danny (Fedja van Huêt) verbringen seit Jahren gemeinsam mit Gwen (Noortje Herlaar) und Erik (Valentijn Dhaenens) ihre Ferien in den Tiroler Alpen. Die beiden befreundeten Paare besitzen dort ein Ferienhaus, auch ihre Töchter Madelon (Rosa van Leeuwen) und Elise (Frédérique van Baarsen) sind miteinander aufgewachsen. Doch als die Mädchen mit dem einheimischen Ralph (Jeremy Miliker) einen Ausflug auf einem Quad unternehmen, kommt es zu einem schweren Unfall. Elise liegt mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen im Koma, während Madelon zunächst glimpflich davongekommen zu sein scheint. Bald stellt sich jedoch heraus, dass auch ihr Leben in Gefahr ist. Die Eltern müssen Entscheidungen treffen, die niemand treffen möchte. Und aus der langjährigen Freundschaft wird zunehmend eine erbitterte Auseinandersetzung.
Wie weit darf Elternliebe gehen?
Was würden Eltern tun, um das Leben ihres Kindes zu retten? Wahrscheinlich alles, lautet die spontane Antwort. Doch was bedeutet dieses „alles“, wenn darunter andere Menschen leiden müssen? Mike van Diem macht aus dieser Frage in Our Girls – Jede Entscheidung hat ihren Preis… ein ebenso spannendes wie bitterböses Drama. Dabei interessiert ihn weniger die medizinische Extremsituation als das, was sie aus vier Menschen macht, die sich seit Jahren zu kennen glauben. Plötzlich ist von Freundschaft und gegenseitigem Verständnis nicht mehr viel übrig. Stattdessen wird verhandelt, gedroht, manipuliert und mitunter ziemlich schamlos gelogen.
Van Diem macht es sich allerdings nicht so einfach, seine Figuren in Gute und Böse einzuteilen. Zwar nehmen Anouk, Danny, Gwen und Erik innerhalb des Konflikts recht klar umrissene Rollen ein. Doch jeder handelt auf seine Weise konsequent, und selbst die fragwürdigsten Entscheidungen bleiben emotional nachvollziehbar. Gerade darin liegt die Stärke des Films: Man kann das Verhalten dieser Menschen erschreckend finden und trotzdem verstehen, warum sie so handeln. Dass einzelne Enthüllungen etwas konstruiert erscheinen, fällt dabei kaum ins Gewicht. Die Zuspitzungen gehören zu diesem Drama, das seine Figuren immer weiter in die Enge treibt.
Vier Schauspieler und kein Versteck
Dass diese Gratwanderung funktioniert, ist vor allem dem ausgezeichneten Ensemble zu verdanken. Thekla Reuten spielt Anouk mit einer Härte, hinter der jederzeit die Verzweiflung erkennbar bleibt. Ihre kompromisslose Haltung wirkt nie aufgesetzt. Noortje Herlaar wiederum verleiht Gwen eine beeindruckende Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Besonders stark ist allerdings Fedja van Huêt als Danny. Dessen Zurückhaltung hat Gründe, die lange unausgesprochen bleiben, sich aber in kleinen Gesten und Blicken bereits abzeichnen. Auch Valentijn Dhaenens fügt sich überzeugend in dieses Quartett ein.
Wie viel die Schauspieler leisten, zeigt sich insbesondere in zwei langen Gesprächsszenen, einer auf einer, die auf einer Bank startet und auf dem angrenzenden Bergpfad fortgesetzt wird und einer in einem Restaurant. Van Diem lässt seine Kamera alle vier Beteiligten gleichberechtigt erfassen. Wer gerade nichts sagt, kann sich also nicht im Off verstecken. Jeder Blick, jede noch so kleine Reaktion zählt. Das erinnert an die Anforderungen des Theaters und entwickelt eine ganz eigene Spannung. Hier genügt manchmal ein Gesichtsausdruck, um mehr zu erzählen als ein langer Dialog.
Bitter, böse und überraschend komisch
Eine kluge Entscheidung war es außerdem, die Handlung aus dem Ferienhaus an der niederländischen Küste, wo die Romanvorlage von Lykele Muus angesiedelt ist, in die Tiroler Alpen zu verlegen. Die großartigen Landschaftsbilder von Martin Gschlacht stehen in reizvollem Gegensatz zu den immer hässlicher werdenden Auseinandersetzungen. Auch die Begegnungen mit den deutschsprachigen Ärzten, darunter ein von Karl Markovics gespielter Neurologe, bringen eine zusätzliche Ebene in die Geschichte.
Überhaupt besitzt Our Girls – Jede Entscheidung hat ihren Preis… einen bemerkenswert schwarzen Humor. Der ist nicht bloß dazu da, die Selbstgerechtigkeit der Figuren vorzuführen. Er macht die Tragik überhaupt erst erträglich. Van Diem findet immer wieder absurde Momente in einer Situation, in der eigentlich niemandem zum Lachen zumute sein dürfte. Manchmal erklären die Figuren etwas zu ausführlich, was ihre Blicke längst verraten haben. Doch das sind kleine Schwächen in einem Film, der seine Spannung bis zum Schluss hält und die Eskalation konsequent vorantreibt. Das Ende ist angemessen bitter, lässt aber immerhin einen kleinen Rest Hoffnung zu. Nicht für alle Beteiligten, versteht sich.
OT: „Voor de meisjes“
Land: Niederlande, Österreich, Belgien
Jahr: 2025
Regie: Mike van Diem
Drehbuch: Mike van Diem
Vorlage: Lykele Muus
Musik: Ruben de Gheselle
Kamera: Martin Gschlacht
Besetzung: Thekla Reuten, Fedja van Huêt, Noortje Herlaar, Valentijn Dhaenens, Karl Markovics, Rosa van Leeuwen, Frédérique van Baarsen, Jeremy Miliker, Tim Seyfi, Proschat Madani, Corinna Pumm
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