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„Afterlives“ / Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

In einer Zeit, in der Bilder immer wichtiger werden, setzen deren Urheber alles daran, dass diese ein langes Leben haben. Natürlich war dies schon immer so, denn egal, ob wir von einem berühmten Maler oder einer bekannten Fotografin sprechen, beide wollen, dass ihre Bilder die Betrachter beschäftigen und nicht einfach ignoriert werden. Meist erkennen diese die Absicht oder den Effekt erst, wenn sie schon lange wieder zu Hause sind und das Bild nicht mehr vor sich haben.

Gleiches gilt auch für Darstellungen von Gewalt, Terror und Krieg, die uns ebenso beschäftigen – wenngleich auf eine andere Art und Weise. In einer Zeit, in der Konflikte nicht mehr nur auf realen Schlachtfeldern ausgetragen werden, nimmt die Anzahl der teils sehr professionell produzierten visuellen Erzeugnisse zu. Autoritäre Regime wie auch Terrororganisationen investieren viel in Bilder, Fotos und Filme, die nicht einfach nur ihre Aktionen und Propaganda festhalten, sondern auch ihre Ideologie in die Welt tragen sollen. Ein Beispiel hierfür ist der vom Islamischen Staat (IS) produzierte Film Flames of War, dessen Machart bisweilen an professionelle Hollywood-Produktionen erinnert. Solche Bilder bleiben den Zuschauern lange im Gedächtnis und haben das Potenzial, viele Menschen zu erreichen, weshalb sich die Frage aufdrängt, ob wir über die nötigen Werkzeuge verfügen, um solche Erzeugnisse mit der erforderlichen Distanz zu betrachten.

Diese Frage beschäftigte ebenfalls Kevin B. Lee, der sich – damals noch als Filmkritiker – dem Film des IS annäherte. Er wollte Flames of War weniger besprechen, sondern vielmehr der Frage nachgehen, ob es überhaupt möglich ist, sich einem solchen Werk mithilfe der technischen und intellektuellen Werkzeuge, die ihm zur Verfügung standen, kritisch anzunähern. Er nutzte verschiedene Techniken, beispielsweise schnitt er den Film in Eigenarbeit in kleinere Segmente. Jedoch ahnte er nach einer Weile, dass diese Konzepte nicht ausreichen würden, um die Wirkung eines solchen Films zu entschlüsseln. Für Lee begann eine lange Recherche, an deren Ende nun mit Afterlives eine Dokumentation steht, die aktuell im Programm der DOK Leipzig 2026 vertreten ist. Unter anderem durch Gespräche mit Terrorismusexperten und Künstlern kreiert Lee einen Essayfilm, der dieser neuen, sehr gefährlichen und wirkungsvollen Art der visuellen Propaganda nachgeht.

Die Augen der Medusa

2021 wurden einige Werke Kevin B. Lees im Zuge einer Ausstellung in Mannheim gezeigt. Ein Exponat stach im Ausstellungsraum des Museums besonders hervor: eine Darstellung des Kopfes der mythischen Kreatur Medusa, von der aus ein USB-Anschluss die Betrachter dazu einlud, ein eigenes Gerät anzuschließen, um mehr über die Relevanz des Exponats herauszufinden. Direkt neben der Darstellung befand sich ein Bild des World Trade Centers, kurz nach dem folgenschweren Anschlag und kurz vor dessen Einsturz. Nach der Verbindung dieser beiden Exponate gefragt, erklärt einer der Kuratoren des Museums, dass das Haupt der mythischen Kreatur auf den „Medusa-Effekt“ verweist, eine Art Versteinerung oder Paralyse, die man verspürt, wenn man Bilder von Terror, Gewalt oder Krieg betrachtet. Ähnlich den Opfern der Medusa in den antiken Mythen fallen auch wir diesen Darstellungen zum Opfer, weil sie uns handlungsunfähig machen oder eine kritische Distanz unmöglich erscheinen lassen.

Lees Desktop-Dokumentation erklärt zum einen das Konzept, versucht aber auch Methoden aufzuzeigen, wie man sich aus dieser Erstarrung lösen kann. Zugleich zeigt Afterlives, dass dieser Effekt keineswegs auf die Bilder von Terrororganisationen oder autoritären Regimen beschränkt ist. Dies verdeutlicht Lee beispielsweise durch die Gegenüberstellung von Aufnahmen der Zerstörung von Museumsexponaten durch den IS und Bildern einer im Westen entstandenen Rekonstruktion, die im Rahmen eines Festakts auf dem Londoner Trafalgar Square von Boris Johnson der Öffentlichkeit präsentiert wird. Während die einen Bilder Schock und Erstarrung hervorrufen, lässt sich die andere Inszenierung aus einer postkolonialen Perspektive als eine Form kultureller Aneignung verstehen, bei der sich der Westen das Artefakt einer anderen Kultur gewissermaßen zu eigen macht. Zugleich werden dabei koloniale und rassistische Denkmuster erkennbar, die den vermeintlichen „Barbaren aus dem Osten“ einen Westen gegenüberstellen, der sich selbst als Hort zivilisatorischer Werte inszeniert.

Afterlives zeigt Wege auf, wie man den „Zauber“ dieser Bilder durchbrechen kann. Lee spricht hierfür mit Menschen wie der Künstlerin Morehshin Allahyari, der politischen Bildnerin Nava Zarabian und der Terrorismusexpertin Anne Speckhard über die Macht dieser Bilder, darüber, wie sie Menschen in ihren Bann ziehen, wie sie konstruiert sind und wie man sie verarbeiten kann, sofern dies überhaupt möglich ist. Gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern und durch eine geschickte Montage macht uns Lee auf die Agenda hinter diesen Bildern aufmerksam – denen des IS genauso wie den Inszenierungen in westlichen Medien. Am Ende mag vielleicht keine Lösung stehen, wohl aber der eindringliche Appell, visuelle Erzeugnisse und ihre ideologischen Botschaften ernst zu nehmen und Themen wie Medienkompetenz nicht auf die lange Bank zu schieben.

Credits

OT: Afterlives
Land: Deutschland, Belgien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Kevin B. Lee
Drehbuch: Kevin B. Lee
Kamera: Ginan Seidl
Schnitt: Janina Herhoffer
Musik: Maya Shenfeld, Tadklimp

Bilder

Trailer

Filmfeste

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Afterlives
fazit
„Afterlives“ ist ein anspruchsvoller und hochaktueller Essayfilm über die Macht der Bilder und die Frage, wie wir uns ihrer Wirkung entziehen können. Kevin B. Lee untersucht die Mechanismen visueller Propaganda und zeigt, wie Bilder von Gewalt und Zerstörung unsere Wahrnehmung beeinflussen und gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegeln. Seine Dokumentation liefert keine einfachen Antworten, macht aber eindringlich deutlich, wie wichtig ein kritischer Umgang mit Bildern und ihren ideologischen Botschaften geworden ist.
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