
Die zehnjährige Molly (Edith Lawlor) hat nur einen Wunsch: Ihr Vater (Aindrias de Staic) soll wieder aufwachen. Seit einem Autounfall liegt der begeisterte Geigenspieler im Koma, Mollys kleiner Bruder Jack (Ruadhán Ó Flatharta) spricht seitdem kein Wort mehr und Mutter Laura (Siobhán O’Kelly) versucht, die Familie irgendwie zusammenzuhalten. Molly ist überzeugt, dass Musik ihren Vater retten kann. Wenn sie die irischen Geigenmeisterschaften gewinnt, so glaubt sie, wird er wieder gesund. Im Rehabilitationszentrum, in das ihr Vater verlegt wurde, begegnet sie dem griesgrämigen Malachy (Barry McGovern), der einmal ein berühmter Geiger war und eine auffallend blaue Geige besitzt. Für Molly steht fest: Der alte Mann ist ein Druide, der ihr helfen kann. Malachy sieht das zunächst ganz anders.
Ein bisschen Magie muss sein
Kinder dürfen noch an Dinge glauben, über die Erwachsene nur lächeln. Das ist eine der sympathischen Grundideen von Der Zauber der blauen Geige. Für Molly ist Musik nicht bloß ein schöner Zeitvertreib, sondern der einzige Weg, selbst etwas gegen die Krankheit ihres Vaters zu unternehmen. Hinter der vermeintlichen Zauberkraft steckt also ein sehr realer Wunsch. Regisseurin Anne McCabe nimmt die Gefühle ihrer jungen Hauptfigur ernst und findet eine durchaus gelungene Mischung aus traurigen, komischen und zuversichtlichen Momenten.
Dass die Geschichte dabei eher geradeaus marschiert als unerwartete Abzweigungen nimmt, ist allerdings kaum zu übersehen. Kaum hat Molly den mürrischen Malachy für sich gewonnen, verwandelt sich der alte Grantler schon in einen fürsorglichen Ersatzopa. Der Wandel kommt reichlich plötzlich. Auch später sind die Konflikte gut erkennbar auf ihre Auflösung hin konstruiert. Der Film setzt seine Hoffnungen auf die verlässlichsten Zutaten des Familienkinos: ein tapferes Kind, einen zunächst widerwilligen Mentor und die Kraft eines gemeinsamen Traums. Das funktioniert, nur fragt man sich gelegentlich, ob man auch einem jungen Publikum nicht etwas mehr zutrauen dürfte.
Wenn die Geige übernimmt
Zum Glück sind da die beiden Hauptdarsteller. Edith Lawlor, die hier erstmals vor der Kamera steht, spielt Molly mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit. Und wenn sie zur Geige greift, hat das besonderes Gewicht: Lawlor ist tatsächlich eine ausgezeichnete Fiddlespielerin. Umso erfreulicher, dass ihr musikalischer Lernprozess im Film glaubhaft wirkt und nicht von Beginn an jedes Stück mühelos gelingt. Ihr Gegenüber Barry McGovern muss als erfahrener Schauspieler zwar eine ziemlich vertraute Figur verkörpern, macht aber aus ihr einen Menschen, dem man gerne zusieht. Das Zusammenspiel zwischen Debütantin und altem Schauspielhasen gehört zu den größten Stärken des Films.
Überhaupt ist die Musik weit mehr als bloß schmückendes Beiwerk. Es besteht der Anspruch, damit die generationsübergreifende Bedeutung irischer Musiktradition zu erzählen. Das gelingt nicht immer, aber letztlich braucht die Geschichte die Geige vor allem, um Molly ein Ziel zu geben. Die Nebenfiguren kommen darüber allerdings zu kurz. Laura darf immerhin zwischen Sorge um ihre Kinder und eigener Trauer schwanken. Jack sorgt mit seinem Schweigen für einige komische Situationen, bleibt ansonsten aber blass.
Viel Landschaft, wenig Wagnis
Am irischen Lokalkolorit spart Der Zauber der blauen Geige ebenfalls nicht. Grüne Hügel, Wasser, weites Licht, dazu Hinweise auf Druiden und alte Mythen: Man soll jederzeit wissen, wo diese Geschichte spielt. Das ist hübsch anzusehen, bleibt aber oft reine Kulisse. Auch die Mythologie wirkt eher aufgesetzt, als dass sie der Geschichte eine zusätzliche Ebene erschlösse. McCabe inszeniert routiniert und übersichtlich, ohne visuell besonders einfallsreich zu werden. Mit seinen gefälligen Landschaftsbildern und seiner geradlinigen Erzählweise erinnert der Film mehr an eine sorgfältige Fernsehproduktion als an eigenständiges Kino.
Dabei ist der Produktionshintergrund durchaus interessant. Wie Colm Bairéads The Quiet Girl entstand auch McCabes Film im Umfeld der Förderung irischsprachigen Kinos. Wo The Quiet Girl seine starken Gefühle aber aus leisen Beobachtungen gewann, spricht Der Zauber der blauen Geige sie lieber deutlich aus. Das macht ihn für Kinder leicht zugänglich, nimmt ihm aber auch manche Feinheit. Immerhin: Seine Rührung ist zwar einfach zu haben, doch sie kommt nicht aus dem Nichts. Die Musik und die beiden Hauptdarsteller geben ihr einen ehrlichen Kern.
OT: „Fidil Ghorm“
Land: Irland
Jahr: 2024
Regie: Anne McCabe
Drehbuch: Patricia Forde
Musik: Odhrán Ó Casaide
Kamera: Conor Dennison
Besetzung: Edith Lawlor, Barry McGovern, Siobhán O’Kelly, Ruadhán Ó Flatharta, Sarah Jane Scott, Marcus Lamb, Aindrias De Stac
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