Kritik

Fauna

„Fauna“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Luisa (Luisa Pardo) und Paco (Francisco Barreiro) sind Schauspieler und schon lange in einer Beziehung. Während sie sich von einem Vorstellungsgespräch zu nächsten durchkämpft, hat es Paco immerhin zu einer Rolle in der international bekannten Serie Narcos: Mexiko geschafft. Um sich eine Auszeit von ihrem stressigen Alltag zu gönnen, begeben sich die beiden auf den Weg zu Luisas Eltern und damit auch ihrem Bruder Gabino (Lázaro Gabino Rodriguez), den Luisa schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat. Die Geschwister verstehen sich auf Anhieb wieder blendend und können an alte Zeiten anknüpfen, doch zwischen Paco, Gabino und ihrem Vater herrscht eine seltsame Anspannung, für die vor allem Luisas Freund keine plausible Erklärung hat. Um die Wogen zu glätten, nimmt er die Einladung an, in einem kleinen Café in der Nähe noch ein Bier zu trinken, doch als er aufgefordert wird, eine Szene aus der Serie zu spielen, bemerkt er, dass zwischen ihnen überhaupt nichts geklärt ist. Jedoch bleibt kaum Zeit, zu klären, was hier eigentlich vor sich geht, denn aus einem Gespräch zwischen Luisa und Gabino über einen Roman, den dieser eher mit halbherzigem Interesse liest, ergibt sich eine neue Geschichte über einen Fremden (ebenfalls Rodriguez), der in eine kleine Stadt kommt, um dort einen Mann zu suchen. In welcher Relation er zu diesem steht und warum er ihn sucht, ist ihm nicht bekannt, doch seine Suche führt ihn zu einer geheimnisvollen Frau (Pardo), die ihn bittet, mit der Suche aufzuhören, da dies sonst schlimme Folgen für ihn haben könnte.

Auftritt und Pose
Inmitten der vielen interessanten Beiträge im Programm des Filmfestival Mannheim-Heidelberg ist Fauna vom mexikanischen Regisseur Nicolás Pereda mit Abstand einer der eigenwilligsten Spielfilme, der viele seiner Zuschauer wohl verwirrt zurücklassen wird. Pereda geht in seinem Film nämlich weniger um eine Narrative, welches man in beiden Segmenten von Fauna bestenfalls als eine Art erzählerischer Blaupause sehen kann, sondern ihn interessieren Rollen, Posen und deren Wirkung. Ausgehend von dem Phänomen um die Serie Narcos: Mexiko, die gerade in Peredas Heimat ein riesiger Hit war, geht es ihm darum nachzuforschen, was tatsächlich hinter der Rolle des Gangsters steckt und warum wir generell davon fasziniert sind, Rollen zu spielen.

Es stimmt schon, dass Pereda mit Fauna einen recht seltsamen Film gemacht hat, aber dies hat vor allem etwas mit der spürbaren Unbequemlichkeit und Anspannung zu tun, die so gut wie jede Szene definiert. In einer der wohl interessantesten und besten Szenen werden wir Zeuge einer Art Spiel im Spiel selbst, wenn Paco von Luisas Vater und deren Bruder gebeten wird eine Szene auf der Serie zu spielen. Als er dies nach langem Quengeln der beiden Männer endlich tut, ist vor allem Luisas Vater noch lange nicht fertig mit ihm, ist unzufrieden und bittet ihn, einen Dialog zu erfinden und die Szene generell etwas auszugestalten. Pereda spielt hier mit dem Verhältnis des Publikums zum Darsteller, einem wechselseitigen Verhältnis, aber einem, bei dem die eine Seite, die des Zuschauers, immer mehr verlangt. Paco lässt sich dies nicht zweimal sagen und trägt bei den nun folgenden Wiederholungen der Szene immer dicker auf, gibt sich ganz der Rolle des Drogenbarons hin, bis er schließlich den Applaus der beiden Männer wie auch der anderen Cafébesucher sicher hat.

Dieses Beispiel ist nur die wohl deutlichste Variation eines Themas, welches sich durch den ganzen Film zieht, nämlich die Verwandlung eines Auftritts hin zu einer Pose. Letztere unterhält nicht nur, die fasziniert, man wünscht sich gar, so verwegen, abgeklärt und gar gefährlich zu sein, auch wenn die Pose die des Soziopathen, Verbrechers und Killers ist.

Suche nach der Rolle
In gewisser Weise erinnern die Figuren, die Pereda entwirft an jene Charaktere aus Luigi Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor. Das Spielen einer Rolle oder eben das Einnehmen einer Pose sind zu einer Obsession geworden, wird bewertet und steht über dem Erzählen einer Geschichte, auf die Pereda, wie bereits beschrieben, fast gänzlich verzichtet. De facto deutet der Wechsel des Narrativs zu einem deutlich rudimentärerern an, dass dieser Aspekt gar völlig ersetzbar ist, vor allem da die Darsteller, wenn auch mit anderen Rollennamen, abermals dort auftreten. In diesem Falle haben sie sich der Rolle ganz verschrieben, ob der des Gangsters oder der femme fatale, auch wenn das minimalistisch gehaltene Narrativ als Kontext diese immer wieder als reine Pose enttarnt, als ein Spiel, welches immer wieder wiederholt wird bis zu Perfektion hin.

Credits

OT: „Flora y fauna“
Land: Mexiko
Jahr: 2020
Regie: Nicolás Pereda
Drehbuch: Nicolás Pereda
Kamera: Mariel Baquiero
Besetzung: Lázaro Gabino Rodriguez, Luisa Pardo, Francisco Barreiro, Teresita Sánchez

Trailer

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Fauna
„Fauna“ ist faszinierender Spielfilm über das Wechselspiel von Auftritt, Rolle und Pose sowie eine kritische Sicht auf unsere Obsession mit diesen. Mit wenigen, aber sehr effektiven Mitteln gelingt Nicolás Pereda ein kleines Kunstwerk, das den Zuschauer ebenso fesselt wie es ihn verwirrt.
8von 10

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