
Réda (Sammy Lechea) hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie in Algier, besitzt einen gut bezahlten Job und soll demnächst heiraten. Allerdings hat er sich nichts davon selbst ausgesucht. Sein Vater Youcef (Hamid Amirouche), ein einflussreicher Funktionär, bestimmt über sein Leben. Während sich sein Bruder Fayçal (Idir Chender) der väterlichen Autorität entzieht und nach Frankreich geht, bleibt Réda gehorsam. Als er zum Militärdienst eingezogen wird, lernt er eine andere, noch brutalere Form der Unterordnung kennen. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters verliert Réda zunehmend den Halt. Und eines Tages bemerkt er etwas höchst Merkwürdiges: Sein Spiegelbild ist verschwunden. Eine Begegnung mit der selbstbewussten Malika (Zar Amir) scheint ihm einen Ausweg aus seiner Krise zu eröffnen. Doch sein Leben gerät immer weiter aus den Fugen.
Ein Mann löst sich auf
Es ist eine ebenso einfache wie reizvolle Idee: Ein Mann, der sein ganzes Leben lang nur die Erwartungen anderer erfüllt hat, kann sich irgendwann selbst nicht mehr sehen. Der algerische Regisseur Karim Moussaoui hat sie aus dem gleichnamigen Roman von Samir Toumi übernommen, der darin auch die Schwierigkeiten einer Generation beschreibt, die sich aus dem Schatten ihrer übermächtigen Väter nicht befreien kann. In Das Verschwinden, Moussaouis zweitem Langfilm nach Warten auf Schwalben (2017), wird daraus vor allem die Geschichte eines einzelnen Mannes.
Dessen Vater gehört jener Generation an, die Algeriens Unabhängigkeit erkämpft und den Staat mit aufgebaut hat. Den daraus erwachsenen Machtanspruch hat er gleich mit ins Familienleben genommen. Widerspruch duldet Youcef nicht. Allerdings ist er auch derart eindeutig als autoritärer Patriarch angelegt, dass kaum Platz für Widersprüche bleibt. Er ist weniger ein Mensch aus Fleisch und Blut als die Verkörperung einer überkommenen Ordnung.
Dabei bietet der Film durchaus interessante Einblicke in die algerische Oberschicht, in der Wohlstand, politischer Einfluss und traditionelle Familienstrukturen eng miteinander verbunden sind. Nur bleibt dieses Milieu weitgehend Kulisse. Die Geschichte eines Sohnes, der unter den Ansprüchen seines dominanten Vaters zusammenbricht, könnte sich schließlich ebenso in einer europäischen Unternehmerfamilie abspielen. Das macht den Konflikt zwar universell, nimmt ihm aber auch einiges von seiner gesellschaftlichen Schärfe.
Viel Unglück, wenig Entwicklung
Das größere Problem ist ohnehin Réda selbst. Nicht etwa, weil er von vornherein ein unsympathischer oder schwieriger Zeitgenosse wäre. Vielmehr lässt Moussaoui kaum erkennen, was in diesem jungen Mann tatsächlich vorgeht. Zwar ist seine anfängliche Unselbstständigkeit verständlich, doch die weitere Entwicklung wirkt zunehmend willkürlich. Eine Katastrophe folgt auf die nächste, als müsse das Schicksal mit aller Gewalt dafür sorgen, dass Réda endgültig zerbricht.
Besonders deutlich wird das während seines Militärdienstes. Dort erfährt Réda selbst Gewalt und Erniedrigung, lernt aber zugleich, Gewalt als Mittel der Selbstbehauptung einzusetzen. Aus dem stillen, angepassten jungen Mann wird zunehmend ein impulsiver, gefährlicher Mensch. Dieser Wandel besitzt durchaus eine innere Logik, wird jedoch psychologisch kaum überzeugend ausgearbeitet.
Dabei gäbe es durchaus Menschen, die ihm einen anderen Weg zeigen könnten. Sein Bruder Fayçal hat sich bereits früh für ein selbstbestimmtes Leben entschieden. Und mit Malika begegnet Réda einer Frau, die unabhängig und erfahren genug ist, ihn aus seiner Erstarrung zu holen. Doch auch diese kurze Phase der Hoffnung macht den anschließenden Niedergang nicht glaubwürdiger. Im Gegenteil: Die erneute Zuspitzung wirkt umso stärker herbeigeführt. Andere Figuren, etwa die für ihn vorgesehene Ehefrau Djaouida (Nassima Benchicou), bleiben ohnehin weitgehend bedeutungslos.
Ein Spiegelbild, das niemand vermisst
Und dann wäre da noch das titelgebende Verschwinden. Ausgerechnet dieses fantastische Element, das der Geschichte eine zusätzliche Ebene verleihen könnte, spielt erstaunlich selten eine Rolle. Ob Réda nun tatsächlich sein Spiegelbild verliert oder lediglich glaubt, es verloren zu haben, macht für den Verlauf der Handlung kaum einen Unterschied. Moussaoui hätte die Geschichte nahezu unverändert auch ohne diesen Einfall erzählen können.
Das ist umso bedauerlicher, weil der Film auch inszenatorisch wenig unternimmt, um Rédas innere Zerrissenheit erfahrbar zu machen. Kamera, Musik und Schnitt bleiben überwiegend zurückhaltend, ohne dieser Zurückhaltung eine besondere Ausdruckskraft abzugewinnen. Die Hauptlast trägt Sammy Lechea, der mit seinem oft ratlosen Blick und seiner zunächst gehemmten Körpersprache durchaus überzeugt. Dass er seiner Figur trotz allem keine wirklich nachvollziehbare Entwicklung verleihen kann, ist weniger seine Schuld als die des Drehbuchs.
So bleibt von Das Verschwinden vor allem eine interessante Ausgangsidee, aus der Moussaoui erstaunlich wenig macht. Was als vielschichtiges Porträt einer verlorenen Persönlichkeit und einer von ihren Vätern beherrschten Generation hätte funktionieren können, verliert sich selbst in einer zunehmend konstruierten Leidensgeschichte.
OT: „L’effacement“
Land: Frankreich, Deutschland, Tunesien, Algerien
Jahr: 2024
Regie: Karim Moussaoui
Drehbuch: Karim Moussaoui, Maud Ameline
Vorlage: Samir Toumi
Musik: Florencia Di Concilio
Kamera: Kristy Baboui
Besetzung: Sammy Lechea, Zar Amir, Hamid Amirouche, Djalila Kadi-Hanifi, Idir Chender, Nassima Benchicou, Chawki Amari
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