
Lea (Frida Hornemann) hat es geschafft: Sie wurde in die Hauptrunde einer Casting-Show gewählt! Doch als sie für ein Video gefragt wird, was sie eigentlich besonders macht, weiß die 16-jährige Schülerin selbst nicht, was sie darauf antworten soll. Ihre Familie hat derweilen ganz andere Sorgen, als sich zu dem Thema Gedanken zu machen. So haben sich ihre Eltern Matze (Max Riemelt) und Rieke (Gina Henkel) getrennt, Letztere ist von einem anderen Mann schwanger. Matzes Schwester Kati (Eva Löbau) ist gerade aus dem Westen zurück nach Thüringen gezogen, wo sie dank üppiger EU-Förderung ein altes Schloss in ein Museum umwandeln soll. Die Eltern der beiden Geschwister sind darüber eher weniger glücklich, da ihr eigenes Waldhotel kurz vor dem Bankrott steht und sie selbst finanzielle Unterstützung gebrauchen könnten …
Persönliche und gesellschaftliche Themen
Nein, einfach macht es einem Eva Trobisch nicht. So erzählte die deutsche Regisseurin und Autorin 2018 in ihrem Langfilmdebüt Alles ist gut von einer Frau, die nicht weiß, wie sie mit einer Vergewaltigung durch einen Bekannten umgehen soll. Sechs Jahre später folgte ihr zweiter Film IVO, der von dem Leben einer Palliativpflegerin und der ihr anvertrauten Menschen handelte. Nun folgt mit Etwas ganz Besonderes das dritte Langwerk der Filmemacherin. Und auch mit diesem wird sie ihrem Ruf gerecht, besondere und fordernde Geschichten zu erzählen, selbst wenn der neueste Streich in eine andere Richtung geht als die beiden genannten Titel. Geschichten, bei denen man sich nicht einfach gemütlich zurücklehnen kann, sondern die einem durchaus etwas abverlangen.
So gibt es dieses Mal keine dieser harten Schicksale und schmerzhaften Momente, wie man sie in den ersten zwei Filmen sehen durfte. An Problemen und Krisen mangelt es aber auch nicht. Etwas ganz Besonderes wechselt dabei zwischen persönlichen Geschichten und gesellschaftlichen Themen. Zu ersteren zählen die schwierigen Verhältnisse innerhalb der Familie, etwa zwischen dem Elternpaar, das kein Paar mehr ist. Aber auch Lea kommt mit dieser Konstellation nicht wirklich klar, verbannt später den Vater, weil der ihr peinlich ist. Das Drama erzählt dabei keine ungewöhnlichen Sachen. Vielmehr erzeugt es einiges an Identifikationsfläche, es fällt nicht schwer, sich in dieser Gemengelage irgendwo selbst zu sehen. Die Figuren sind dabei prägnant genug, um nicht als reine Stereotype durchzugehen, aber doch auch universell, damit man sich in die hineinversetzen kann.
Vielschichtiges Drama
Verbunden wird das Ganze mit den besagten gesellschaftlichen Themen. Gerade die Aufarbeitung der Vergangenheit, die durch die Umwandlung des Schlosses betrieben wird, bietet einiges an inhaltlichen Anknüpfungspunkten. Die Arbeit daran wird in Etwas ganz Besonderes aber auch zu einem Streitpunkt. Warum ist das Geld dafür da, solche Objekte zu bewahren, aber nicht für die Menschen? Zumindest implizit schneidet Trobisch dabei dieses Gefühl an, zurückgelassen worden zu sein. Das Gefühl einer Ungerechtigkeit, wenn Geld und Mittel ungleich verteilt werden. Während die einen arbeiten und arbeiten, nur um dann doch ohne etwas dazustehen, da werden andere unterstützt, ohne dass dabei klar wird, wofür das alles denn gut sein soll.
Zu erzählen hat das Drama, das auf der Berlinale 2026 Weltpremiere hatte, also einiges. Es passiert auch eine Menge. Und gleichzeitig passiert nicht viel. Denn während die ersten beiden Filme zumindest ein klares Thema hatten, da ist Etwas ganz Besonderes fragmentarisch, springt hin und her, ohne dass man als Zuschauer bzw. Zuschauer genau weiß, wovon der Film handeln soll. Das ist dann auf eine andere Weise fordernd, als man das vermutlich gewohnt ist. Man muss sich hier schon einiges selbst erarbeiten und eben auch mit den Leerstellen leben können, die hier regelmäßig auftauchen. So wie die Schülerin auch aus dieser seltsamen Situation ihre Besonderheit ableiten muss. Wer das kann, findet einen gut gespielten und vielschichtigen Film, der viele Anlässe bietet, sich zu unterhalten und nachzudenken, selbst wenn endgültige Antworten am Ende ausbleiben.
OT: „Etwas ganz Besonderes“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Eva Trobisch
Drehbuch: Eva Trobisch
Kamera: Adrian Campean
Besetzung: Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Rahel Ohm, Gina Henkel, Peter René Lüdicke
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