
Wenn sie erst einmal mit ihrem BWL-Studium fertig ist, wird sie jede Menge Geld verdienen. Davon ist Nelly (Ella Morgen) zumindest überzeugt. Doch der Weg dorthin ist lang – und teuer. Das Praktikum bei einer vornehmen Beratung wird ihr zwar bei ihrem Lebenslauf helfen. Bei der Finanzierung jedoch nicht, da unbezahlt. Als sie eines Tages zufällig ihrer Ex-Kollegin Giulia (Samirah Breuer) über den Weg läuft und von dieser erfährt, dass sie jetzt als Escort arbeitet, tut sich für sie eine neue Möglichkeit auf. Denn Sex geht ja immer. Und so beschließt sie, unter ihrem neuen Namen Aurora ihr Glück zu versuchen. Einfach ist das aber nicht, schließlich fehlen ihr die Erfahrungen. Dafür haben die Männer umso mehr Wünsche, die sie zu erfüllen hat …
Sex als Ware
Ob Prostitution wirklich das älteste Gewerbe der Welt ist, sei mal dahingestellt. Aber sie ist zumindest aus vielen Gesellschaften nicht wegzudenken, selbst wenn darüber nicht gesprochen wird. Immer mal wieder finden sich dann auch Filme und Serien, die auf die eine oder andere Weise davon handeln. Manche nehmen das zum Anlass, um Liebesgeschichten zu erzählen. Das bekannteste Beispiel hierfür dürfte Pretty Woman sein, wo sich ein Geschäftsmann in eine Prostituierte verliebt. Aber auch in Krimis und Thrillern sind sie regelmäßig vertreten, sei es als Opfer oder Auskunft. Dass sich aber tatsächlich jemand für diesen Beruf interessiert, ist eher selten. Bei La Maison – Haus der Lust wurde das damals versucht, wenn eine Autorin mehr über die Arbeit als Sexarbeiterin herauszufinden versucht. Und auch in der ARD-Serie Selling Sex liegt der Fokus auf den Frauen.
Dabei lernen wir diese Parallelwelt durch die Augen eines Menschen kennen, dem diese selbst fremd ist, anfangs zumindest. Nelly hatte mit all dem nie etwas zu tun, ist nur per Zufall hineingerutscht. Dabei versucht man bei der deutschen Produktion einen Balanceakt bei der ewigen Streitfrage, ob Prostituierte selbstbestimmt sein können oder doch immer Opfer und Getriebene sind. Auf der einen Seite ist sie wegen ihrer finanziellen Situation dabei, ihr berufliches Ziel ist eigentlich ein anderes. Absolut notwendig ist es aber nicht, dass sie ausgerechnet diese Arbeit macht. In Selling Sex ist das ein Mittel zum Zweck, weil Nelly schon von einem tollen Leben träumt. Sie will richtig was erreichen, entspricht damit nicht dem Bild der armen Frau, die im Elend haust und aus lauter Verzweiflung heraus in diesen Abgrund gerutscht ist. Ganz im Sinne der Marktwirtschaft sieht sie eine Nachfrage und befriedigt diese.
Zwischen Alltag und Glamour
Grundsätzlich ist es sicher nicht verkehrt, wenn man einmal versucht, sich anders als das Thema heranzuwagen, losgelöst von den Klischees. An manchen Stellen wird es dann auch wirklich interessant, etwa wenn es darum geht, dass jemand nach der Geburt eines Kindes nicht mehr dem Schönheitsideal entspricht. In den besten Momenten sucht Selling Sex die Gegenüberstellung von Alltag und der Fantasiewelt, in sie sich die Frauen begeben. Aber es gibt eben auch viele Momente, in denen die Serie selbst zu sehr der Faszination für die sexuellen Vorlieben nachgeht. Wenn es beispielsweise um Erniedrigung und Dominanz geht, dann dient das weniger der Information. Anders als Pillion, das von einer komplexen und widersprüchlichen Beziehung erzählte, wird das Zuschaustellen hier zum Selbstzweck.
Insgesamt ist die Serie, die 2026 auf dem Filmfest München Premiere feierte, dann auch eher an der Oberfläche interessiert. Da geht es um schnellen Sex, geht es um Glamour. Und es geht um Geld: In Selling Sex ist die Prostitution vor allem eine Möglichkeit, sich wortwörtlich nach oben zu schlafen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit Sexarbeit ist das dann weniger. Und auch die Figuren sind eher weniger interessant geworden. Zwar ist das hier etwas besser als naked über das Leben mit einer Sexsucht, eine weitere ARD-Serie, die im Spätprogramm versteckt wurde. Richtig viel Lust macht das aber nicht, Zeit mit diesen Frauen zu verbringen. Am Ende ist die Geschichte um die Escorts trotz bester Absichten einfach nicht so interessant geworden.
OT: „Selling Sex“
Land: Deutschland, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Miriam Dehne, Marie C. König
Drehbuch: Miriam Dehne, Marie C. König, Hannah Schopf
Musik: Marco Meister, Arthur Brouns, Robert Meister
Kamera: Hyun De Grande
Besetzung: Ella Morgen, Manal Raga a Sabit, Lera Abova, Malik Blumenthal, Samirah Breuer, Sasha von Halbach, Inga Busch, Anna von Auersperg, Madieu Ulbrich, Xidir Xoder Alian
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