
Der Dokumentarfilm Hex, der im Rahmen des Fantasy Filmfest 2026 zu sehen ist, erzählt die Geschichte von drei jungen Norwegerinnen – Nikoline Spjelkavik, Johanna Holt Kleive und Victoria Fredrikke Schou Røising –, die sich zu einem ungewöhnlichen Pakt verpflichten. Drei Jahre geben sie sich Zeit, eine Black-Metal-Band aufzubauen, die komplett auf das Hexentum ausgerichtet ist: Witch Club Satan wird geboren. Der Dokumentarfilm von Maja Holand begleitet die drei von den ersten unbeholfenen Proben bis zu Auftritten auf großen Festivalbühnen wie Roskilde. Keine von ihnen hat vorher ernsthaft ein Instrument gespielt. Die musikalischen Fertigkeiten eignen sie sich erst während der drei Jahre an. Neben dem Bandalltag zeigt der Film die Frauen auch zu Hause bei ihren Eltern und lässt sie über Zweifel, Rückschläge und die Frage sprechen, ob sie mit dem Projekt auf dem richtigen Weg sind. Immer wieder unterbricht eine inszenierte Gerichtsverhandlung die dokumentarischen Aufnahmen: Die Band steht vor einem Tribunal, das an die norwegischen Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts erinnert, und Zeugen wie beispielsweise Musikkritiker ordnen von dort aus Aufstieg und Kontroversen der Gruppe ein.
Drei Amateurinnen gegen eine Szene
Im Kern ist Hex eine ziemlich klassische Musik-Doku: Gründung, erste Proben, erste Auftritte, erste Krisen, erste Erfolge. Dieses Muster kennt man aus unzähligen Bandfilmen. Ungewöhnlich ist der selbst gewählte Rahmen – der dreijährige Pakt und das Hexen-Image, das sich Nikoline, Johanna und Victoria geben. Damit positionieren sie sich bewusst als feministische Gruppe in einer Szene, die traditionell von Männern dominiert wird, und ecken prompt an. Bemerkenswert ehrlich geht der Film dabei mit der eigenen Prämisse um: Die drei sind keine ausgebildeten Musikerinnen. Gesanglich überzeugen sie schnell, instrumental hakt es sichtbar, das wird vor allem bei Schlagzeugerin Johanna während der Aufnahmen zum ersten Album sichtbar. In den frühen Auftrittsausschnitten wirkt Witch Club Satan deshalb weniger wie eine Band als wie ein Performance-Kollektiv – was die drei selbst offen zugeben. Das verleiht dem Film eine angenehme Ehrlichkeit, die man von klassischen Erfolgsgeschichten selten bekommt.
Hex ist immer dann besonders stark, wenn er die Bühnenfiguren wieder erdet. Alle drei besuchen im Laufe des Films ihre Eltern, sitzen am Küchentisch, sprechen über ihre Ängste und ihre Zweifel. Aus Hexen werden für ein paar Minuten wieder Töchter. Diese Szenen sind keine bloße Auflockerung, sondern der eigentliche Kern des Films: Sie zeigen, dass hinter Blut, Nacktheit und okkulten Gesten drei ganz reale junge Frauen stehen, die sich fragen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Der Film lässt immer wieder solche Unsicherheiten zu. Dadurch wirkt das feministische Statement der Band glaubwürdiger, als es ein reines Erfolgsnarrativ je sein könnte.
Im Gerichtssaal der Geschichte
Formal am spannendsten ist die immer wiederkehrende Rahmenhandlung: eine inszenierte Gerichtsverhandlung, die sich unübersehbar an den norwegischen Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts orientiert. Als Zeugen treten unter anderem Musikkritiker auf, die den Werdegang der Band aus der Distanz kommentieren – ein kluger Kunstgriff, der die historische Hexenverfolgung und die gegenwärtige öffentliche Verhandlung von Witch Club Satan kurzschließt. Dabei leistet sich der Film auch kritische Gegenstimmen. Eine Zeugin argumentiert, dem Feminismus sei nicht gedient, wenn die Band auf der Bühne die Brüste zeige. Dass Hex diese Position nicht einfach als rückständig abtut, sondern stehen lässt, macht den Film reifer, als man es von einer klassischen Band-Doku erwarten würde.
Alles in allem ist Hex eine gelungene Musikdokumentation – nicht weil sie das Genre neu erfindet, sondern weil sie ihre ungewöhnliche Prämisse konsequent zu Ende denkt. Der Wechsel zwischen rohem Bühnenmaterial, leisen Familienszenen und dem historisierenden Gerichtssaal-Motiv hält den Film in Bewegung, ohne dass er sich verzettelt. Selbst wer sich für Black Metal nicht sonderlich interessiert, wird trotzdem an der Geschichte von drei Frauen hängenbleiben, die lernen, laut zu sein – auf der Bühne und im echten Leben.
OT: „Hex“
Land: Norwegen
Jahr: 2026
Regie: Maja Holand
Buch: Maja Holand, Mari Nilsen Neira
Musik: Witch Club Satan
Kamera: Maja Holand, Lars Erlend Tubaas Øymo, Kristian Larssen
Mitwirkende: Nikoline Josefine Spjelkavik, Victoria Fredrikke Schou Røising, Johanna Holt Kleive
DOK.fest München 2026
Fantasy Filmfest 2026
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