
Seit Jahren herrscht zwischen den Halbschwestern Lily (Renate Reinsve) und Diana (Helene Bjørneby) Funkstille. Während Lily in die alternative Kunstszene Hamburgs abgetaucht ist, lebt die alleinstehende Diana als Kindergärtnerin in einer norwegischen Kleinstadt ein ruhiges Leben. Als jedoch plötzlich ihre Mutter Vera (Lillian Müller) stirbt, müssen die beiden zu ihrem Kindheitsort Gran Canaria reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern: ein unfertig gebautes Esoterikzentrum. Auf der Insel wird die Beziehung der beiden Norwegerinnen auf die Probe gestellt, da sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen …
Trauma, Konflikt und Verwandlung
Es wirkt auf den ersten Blick gar nicht so einfach, in Itonjes Søimer Guttormsens Butterfly – Rückkehr nach Gran Canaria ein zentrales Thema auszumachen, denn die 48-jährige Autorenfilmerin aus Oslo wirft uns beinahe im Minutentakt ein neues entgegen. Zum einen wäre da der Aspekt psychischer Krankheiten, der vor allem Lily betrifft und den Renate Reinsve mal mehr, mal weniger überzeugend spielt. Häufig ist dies aber nicht die Schuld des Sentimental-Value-Stars, sondern des Drehbuchs. So muss sie beispielsweise in ihren Hamburger Einstiegszenen gebrochenes, wenig überzeugendes Deutsch sprechen. Diese Passagen wirken zudem auffällig losgelöst von der restlichen Handlung, zumal die MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein die Produktion finanziell unterstützt hat.
So konfus diese Entscheidung anmutet, so unkonventionell ist auch das Zusammenspiel von Kamera, den wechselnden Bildformaten, Dialogen und schauspielerischen Darbietungen. Gleichzeitig gelingt es Guttormsen, den labilen Geisteszustand ihrer Figuren visuell bemerkenswert konsequent einzufangen. Unruhige Handkamera trifft auf elegante Drohnenaufnahmen, Found Footage auf digitale Bilder und Super 8. All diese unterschiedlichen Bildwelten spiegeln die durch Veras Erziehung ausgelösten Traumata ihrer Töchter wider, die sich wiederum in einer dysfunktionalen Geschwisterdynamik verfestigt haben. Im Sinne des Filmtitels und einiger Kapitelnamen müssen Lily und Diana demnach eine seelische Metamorphose durchlaufen, um wieder zu sich selbst und zueinander zu finden. Leider kommt es hierbei häufig zu abrupten beziehungsweise nur teilweise nachvollziehbaren Handlungswendungen.
Klischeehafte Sinnsuche im Urlaubsparadies
Das größte Diskussionspotenzial bietet das Thema Esoterik. Früh wird nämlich deutlich, dass der zentrale Handlungsort von einer eigentümlichen Atmosphäre geprägt ist. Ausgerechnet zu Tim Toupets Fliegerlied machen Hotelgäste in einem Schwimmbecken Wasseraerobic, die Kulisse ist ein typisches All-Inclusive-Ressort. Hier wie auch in zahlreichen weiteren Szenen wird Gran Canaria zu einer bizarren Projektionsfläche für Massentourismus und – noch viel wichtiger – für westliche Aussteiger auf der Suche nach spiritueller Selbstverwirklichung.
Guttormsens dritter Spielfilm interessiert sich damit vor allem für den Wunsch privilegierter Personen, Sinn und Erlösung in alternativen Spiritualitätskonzepten zu suchen. Dabei spielt er zunächst mit bekannten Klischees aus der Szene. Zum Beispiel, als die Norwegerin Gritt folgende abgedroschene Begründung für ihre Reise nach Gran Canaria liefert: „Ich bin auf einer Art Pilgerreise. Ich lerne verschiedene Lebensweisen kennen und stelle sie auf YouTube. Mein Kanal heißt ‚Walking Science‘“. Zunächst sieht das fast nach einer ironischen Abrechnung mit diesem Milieu aus. Selbst Lily wirft der etwas naiv wirkenden Gritt für die Aussage einen ambivalenten Blick zu, ganz so, als hätte Reinsve die Anweisung bekommen, möglichst amüsiert zu schauen.
Schnell entwickelt sich Butterfly dann zu einer ernstgemeinten Liebeserklärung dieser vermeintlich alternativen Lebensentwürfe. Die Regisseurin erklärte uns im Interview dazu, dass es ihr darum ging, eine lebendige Gemeinschaft darzustellen. Und das bemerkt man vor allem in der schön gestalteten Schlussszene. Doch so bleibt der Eindruck dieser paradoxerweise gar nicht so alternativen Lebenswelt (schließlich kann sich jeder einigermaßen wohlhabende Europäer erlauben, nach Gran Canaria zu ziehen und seine Spiritualität dort zu erkunden) relativ oberflächlich – beziehungsweise einer, den die meisten Außenstehenden sowieso vorher hatten.
OT: „Butterfly“
Land: Norwegen, UK, Deutschland, Schweden
Jahr: 2026
Regie: Itonje Søimer Guttormsen
Drehbuch: Itonje Søimer Guttormsen
Musik: Erik Ljunggren
Kamera: Sturla Brandth Grøvlen
Besetzung: Renate Reinsve, Helene Bjørneby, Numan Acar, Birgitte Larsen
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